Russlands imperiale Vergangenheit und der Krieg gegen die Ukraine
Heute, am 28.10.2026, wirkt der Krieg gegen die Ukraine an der TU Dresden nicht wie ein fernes Kapitel aus dem Nachrichtenstrom. Er hängt an Europas Sicherheitsordnung, an historischen Erinnerungen – und an der Frage, warum Russland trotz gewaltiger Verluste weitermacht.
Der Historiker Martin Schulze Wessel spricht von rund 35.000 Toten und Schwerverletzten, die Russland derzeit pro Monat verliert. Trotzdem setzt der Kreml den Angriffskrieg fort. Neben dem persönlichen Machtwillen Wladimir Putins sieht Schulze Wessel Russlands Geschichte als expandierendes Imperium als wichtigen Antrieb: Herrscher, die große Gebiete eroberten, werden bis heute verehrt. Putin strebe eine „große historische Rolle“ nach dem Vorbild früherer Zaren an, etwa Peter des Großen oder Katharinas der Großen. Russland solle wieder eine Großmacht mit einer vergleichbaren Machtstellung wie früher werden.
Ein Imperium, das weit zurückreicht
Die imperiale Expansion Russlands reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Unter Großfürst Iwan III. begann die „Sammlung russischer Erde“ durch die Einverleibung benachbarter Fürstentümer. Iwan IV. startete im 16. Jahrhundert die Eroberung Sibiriens; 1649 erreichten russische Truppen den Pazifik. Bis ins 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Völker und Gebiete nach Süden, Norden und Westen gewaltsam eingegliedert.
Begründet wurde die Expansion unter anderem mit einer angeblichen Überlegenheit russischer Sprache und Kultur. Nach dem Untergang des Byzantinischen Reiches verstand sich Russland zudem als Bewahrer des orthodox-christlichen Erbes – als „Drittes Rom“. Im Inneren entstand ein autokratisches und absolutistisches Herrschaftssystem. Militär und Staatsapparat wurden vor allem durch Rekrutenaushebungen und steigende Steuern finanziert, die besonders Bauern belasteten. Die bis ins 19. Jahrhundert bestehende Leibeigenschaft und die finanzielle Schwäche des Staates förderten die territoriale Expansion.
Um 1895 umfasste das Zarenreich rund 22,8 Millionen Quadratkilometer, von Finnland bis Alaska und vom Nordpolarmeer bis nach Persien. Dabei war es ethnisch, religiös und kulturell äußerst vielfältig. Die zaristische Zentralmacht akzeptierte diese Unterschiede meist, solange lokale Eliten die Herrschaft des Zaren anerkannten. In Gebieten ohne ausgeprägte gemeinsame Staatstradition setzte sich Russland häufig schneller durch; kulturell und religiös homogenere Regionen leisteten länger Widerstand.
Im Kaukasus kämpften Dagestaner, Tschetschenen, Osseten und Tscherkessen gegen die russische Eroberung. Erst nach der Niederlage der von Imam Schamil geführten Verbände 1859 galt sie als abgeschlossen. Mit dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts entwickelten viele Völker des Imperiums ein eigenes nationales Bewusstsein und forderten Staatlichkeit. Die Zaren unterdrückten solche Bewegungen im eigenen Reich, unterstützten aber Nationalbewegungen in Nachbarstaaten, wenn es russischen Interessen diente. Griechen, Serben und Bulgaren erhielten Unterstützung in ihren Freiheitskämpfen gegen das Osmanische Reich – auch, um Einfluss und Territorien am Schwarzen Meer und in Südosteuropa zu gewinnen.
Spätestens ab 1848 wurden Ethno-Nationalismus und Sezessionismus zu zentralen Problemen des Imperiums. Sie trugen zum Zerfall des Zarenreichs 1917 bei. Die Bolschewiki proklamierten im November 1917 zwar die Souveränität der Völker des ehemaligen Zarenreichs und ihr Recht auf eigene Staaten. Moldau erklärte sich 1917 unabhängig, Georgien und Armenien folgten 1918. Auf dem Gebiet der heutigen Ukraine entstanden die Ukrainische Volksrepublik und die Westukrainische Volksrepublik, die sich 1919 zusammenschlossen.
Von der Revolution zur Sowjetmacht
Die bolschewistische Führung akzeptierte die Eigenstaatlichkeit der nicht-russischen Völker jedoch nicht dauerhaft. Sie wollte die Revolution auf ein möglichst großes Gebiet und letztlich auf die ganze Welt ausweiten. Nationale Selbstbestimmung sollte innerhalb eines freiwilligen, föderalen sozialistischen Bundesstaats stattfinden. Während des Bürgerkriegs wurden Unabhängigkeitsbewegungen Schritt für Schritt militärisch und politisch beendet.
Georgien geriet nach dem georgisch-südossetischen Krieg von 1918 bis 1920 unter sowjetische Kontrolle und wurde mit Armenien und Aserbaidschan in die Transkaukasische Sowjetrepublik gezwungen. Die Ukraine zerfiel nach Kämpfen mit Polen und der Roten Armee; westliche Gebiete kamen unter polnische, rumänische und tschechoslowakische Kontrolle. Zentral-, Ost- und Südukraine wurden 1922 als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion. Die damaligen Konflikte und Gewalterfahrungen prägen bis heute die kollektive Erinnerung der betroffenen Völker.
Der sowjetische Ethnoföderalismus sollte den Vielvölkerstaat stabilisieren und nationale Selbstbestimmung zugleich kontrollieren. Zunächst wurden Sprachen und Kulturen gefördert, um regionale kommunistische Eliten auszubilden. Langfristig sollte ein einheitliches „Sowjetvolk“ entstehen. Von 125 offiziell anerkannten Völkern erhielten allerdings nur 53 den Status einer Titularnation in Sowjetrepubliken, autonomen Republiken oder Gebieten.
Unter Stalin wechselten Phasen der Förderung nicht-russischer Völker mit harter Unterdrückung durch Moskau. In den 1930er- und 1940er-Jahren wurden Bildung und Kultur zunehmend russifiziert. Zugleich siedelte die Führung gezielt Russen in nichtrussische Gebiete um; ihre Zahl außerhalb der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik verdoppelte sich innerhalb von zehn Jahren etwa. Zu den extremsten Maßnahmen gehörten Zwangsumsiedlungen und ethnische Säuberungen, darunter die Ermordung und Deportation der deutschen Minderheit aufgrund des NKWD-Befehls Nr. 00439 vom 25. Juli 1937.
Die Sowjetunion entwickelte sich zu einem zentralistisch gelenkten Bundesstaat unter Kontrolle der Kommunistischen Partei. Stalin nutzte politische Gelegenheiten zur weiteren Expansion. Im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt wurden Westpolen, Estland, Lettland, Litauen sowie Teile Finnlands und Rumäniens besetzt. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg dehnte die Sowjetunion ihren Einfluss auf fast ganz Mittelost- und Südosteuropa aus.
Der Zerfall und die eingefrorenen Konflikte
Mehrere Reformversuche nach Stalins Tod scheiterten oder verliefen im Sand. Mitte der 1980er-Jahre leitete Michail Gorbatschow mit „Perestroika“ und „Glasnost“ Veränderungen ein. Dadurch wurden die inneren Widersprüche des sowjetischen Gesellschafts- und Nationalitätenvertrags sichtbar. Mangels pluralistischer und zivilgesellschaftlicher Strukturen mobilisierten sich viele Gruppen vor allem über ethnonationalistische Ideologien.
Nach dem Machtverlust der Kommunistischen Partei entstanden in den Unionsrepubliken Unabhängigkeitsbewegungen. Sie beriefen sich auf das in der sowjetischen Verfassung verankerte Recht auf Abspaltung. Der Zerfall der Sowjetunion 1991 brachte 15 neue Staaten hervor. Ehemalige Binnengrenzen der Unionsrepubliken wurden zu internationalen Grenzen; autonome Republiken und Gebiete erhielten dagegen kein vergleichbares Recht auf Eigenstaatlichkeit. Rund 17 Millionen Russen wurden nach 1991 zu nationalen Minderheiten in den neuen Staaten.
Forderungen nach Autonomie oder Sezession führten in mehreren Staaten zu bewaffneten Konflikten. In Transnistrien wandten sich überwiegend russische und ukrainische Bewohner gegen eine moldauische Nationalpolitik, die Russisch als Amtssprache abschaffen und eine Vereinigung mit Rumänien anstreben wollte. In Georgien verschärfte Präsident Swiad Gamsachurdia durch eine national-radikale Politik den Konflikt mit Südossetien. In Russland selbst führten Spannungen über den Föderationszusammenhalt und Konflikte im Nordkaukasus 1994 zum Ersten Tschetschenienkrieg.
Nicht gelöste Konflikte wurden unter russischer Vermittlung häufig „eingefroren“, ohne endgültige politische Statusregelung. Russland nutzte seine militärische und politische Präsenz in abtrünnigen Gebieten, um regionalen Einfluss zu sichern. Moskau unterstützte Abspaltungen von Mutterstaaten und den Aufbau nicht oder nur teilweise anerkannter De-facto-Staaten.
Der MDR-Beitrag von Hartmut Schade, veröffentlicht am 11.03.2022, ordnet diese Entwicklung im Gespräch mit dem Osteuropahistoriker Immo Rebits
