Sieben Stolpersteine markieren das Deutsche Hygiene-Museum als NS-Täterinstitution
Vor dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden sind heute, am 29. September 2026, sieben Stolpersteine für Menschen verlegt worden, die als jüdisch oder aus politischen Gründen verfolgt wurden. Die Zeremonie begann um 10 Uhr. Anders als üblich markieren die Steine hier nicht frühere Wohnorte, sondern erstmals in Dresden eine Wirkungsstätte: das Museum, für das die Geehrten arbeiteten oder an dessen Gründung sie beteiligt waren.
Zwischen den sieben Stolpersteinen liegt außerdem ein „Kopfstein“. Er erklärt, welches Unrecht an diesem Ort geschah. Damit wird sichtbar, dass das Deutsche Hygiene-Museum nicht nur von den Nationalsozialisten „missbraucht“ wurde. Museumsdirektorin Iris Edenheiser bezeichnete die Einrichtung ausdrücklich als „Täterinstitution“: In der NS-Zeit wurden dort Rasseideologien erforscht und vermittelt, während jüdische und politisch verfolgte Mitarbeiter sowie Gründungsmitglieder ausgegrenzt, entlassen und vertrieben wurden.
Sieben Biografien, sieben Brüche
Geehrt wird Marta Fraenkel, eine Medizinerin, die ab 1929 leitende Funktionen übernahm und wissenschaftliche Geschäftsführerin der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930/31 war. 1938 emigrierte sie in die USA. Der Jurist Felix Popper war geschäftsführender Vorstand des Museums. Er wurde gesellschaftlich geächtet und starb 1937.
Eugen Emanuel Galewsky, Dermatologe, Vorstandsmitglied und wissenschaftlicher Beirat, starb 1935, mutmaßlich durch Suizid. Der Augenarzt Otto Neustätter emigrierte 1937 in die USA. Walter Weisbach, der frühere wissenschaftliche Direktor, floh 1933 in die Niederlande. Von dort wurde er nach Westerbork und Theresienstadt deportiert; 1945 wurde er befreit.
Julius Ferdinand Wollf war langjähriger Chefredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten, Förderer und Vorstand des Museums. Er nahm sich 1942 das Leben. Richard Lommatzsch arbeitete als Bildhauer in den Museumswerkstätten, wurde aus politischen Gründen verfolgt, 1943 von der Gestapo verhaftet und starb 1944 an den Folgen der Haft.
Bei der Verlegung wurden die Biografien vorgelesen. Angehörige legten Blumen nieder. Die Recherche übernahmen der Verein Stolpersteine für Dresden und das Museumsarchiv. Für jede Verlegung holt der Verein die Zustimmung der Angehörigen ein.
Felix Popper: Jurist, Vertrauter und aus allen Ämtern gedrängt
Felix Popper wurde am 19. Juni 1858 in Dresden als zweiter Sohn des Bankiers Nathan Popper und seiner Ehefrau Bertha geboren. Sein älterer Bruder Richard starb mit 25 Jahren in Görlitz und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Dresden beigesetzt. Popper studierte Jura und wurde 1887 in das Anwaltsregister Dresden eingetragen. Später arbeitete er als Oberjustizrat im Justizministerium sowie als freier Anwalt und Notar. Seine Kanzlei lag in der Marschallstraße 3, dem heutigen Rathenauplatz.
Als promovierter Jurist leitete Popper die Aufsichtsräte mehrerer Unternehmen – unter anderem der Lingner-Werke in Dresden sowie von Firmen in Kulmbach, Zittau, Köthen, Grimma, Leipzig, Zwickau und Breslau. Sein besonderes Engagement galt dem Deutschen Hygiene-Museum. Er war enger Freund und langjähriger Vertrauter des Museumsgründers Karl August Lingner, für den er als persönlicher Anwalt und als einer von zwei Testamentsvollstreckern arbeitete.
Als Gründungsmitglied und Stellvertreter Lingners gehörte Popper dem Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft für hygienischen Lehrbedarf an, dem Lehrmittelbetrieb des Hygiene-Museums. Nach Lingners Tod wurde er einer von drei geschäftsführenden Vorständen und Justiziar des Vereins.
1888 heiratete Popper Paula Weleminsky, die aus einer böhmischen Arztfamilie stammte. Das Paar lebte in der Kaitzer Straße 11 und hatte zwei Kinder: Anna, geboren 1893, und Friedrich, geboren 1894. Friedrich fiel 1918 im Ersten Weltkrieg im serbischen Razany.
Nach 1933 drängte ihn die nationalsozialistische Gesetzgebung aus sämtlichen Ämtern. Der gesamte Vorstand des Deutschen Hygiene-Museums trat zurück, und nach der „Gleichschaltung“ verlor Popper auch seine Position im Lehrmittelbetrieb. Die Gestapo leitete ein Entmündigungsverfahren gegen ihn ein, obwohl er bereits ein Visum für Südamerika besaß. Gleichzeitig wurde ein längst verjährtes Ehrengerichtsverfahren wieder aufgenommen. In diesem Verfahren trat Popper als schlüssig argumentierender und voll geschäftsfähiger Jurist auf; noch am 22. Juli 1937 soll er als Prozessbevollmächtigter tätig gewesen sein.
Seit Anfang 1937 litt Popper an einem Gefäßleiden. Im August erlitt er einen Schlaganfall mit Halbseitenlähmung. Felix Popper starb am 28. August 1937, fast zehn Monate nach seiner Ehefrau. Seine Urne wurde auf seinen Wunsch nahe dem Grab seiner Mutter auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt.
Ein sichtbares Zeichen in Dresden
Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch erklärte, Dresden müsse sichtbare Zeichen setzen und die Geschichte der Stolpersteine fortschreiben. Sie bezeichnete die Erinnerung an die jüdischen NS-Opfer und die Auseinandersetzung mit der Museumsgeschichte als gemeinsame Verantwortung. Bei der Verlegung waren unter anderem Vertreter der Linken, der SPD, der Grünen und der PVP-Kooperation anwesend. Von CDU und AfD erschien offenbar niemand.
Die Dresdner Verlegung fand kurz nach einem Beschluss im benachbarten Heidenau statt. Dort beschloss der Stadtrat auf Antrag von CDU und AfD, künftig keine neuen Stolpersteine im öffentlichen Raum zuzulassen. Das Gedenken soll stattdessen auf dem Nordfriedhof stattfinden. Als Begründung hieß es, viele Bürger und Angehörige empfänden Stolpersteine als unangemessene Form des Gedenkens. Der Beschluss löste bundesweite Kritik aus. Charlotte Knobloch nannte es den falschen Weg, Erinnerungsorte aus dem Stadtbild zu entfernen.
Edenheiser stellte die Dresdner Verlegung als Zeichen gegen eine Behinderung des Erinnerns dar. Seit 2009 organisiert der Verein Stolpersteine für Dresden Verlegungen, recherchiert Biografien, hält Kontakt zu Angehörigen und kümmert sich gemeinsam mit rund 200 Ehrenamtlichen um Pflege und Sichtbarkeit der Steine. In Dresden erinnern inzwischen 417 Stolpersteine an Opfer des Nationalsozialismus, europaweit sind es mehr als 130.000.
Die Stolpersteine gehen auf den Künstler Gunter Demnig zurück. Sie werden an Orten verlegt, an denen die Opfer lebten oder arbeiteten, und tragen ihre Namen in den öffentlichen Raum. Wer die Inschrift lesen will, muss sich bücken. Demnigs Leitsatz lautet: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ 2024 wurde am Alten Leipziger Bahnhof die erste Stolperschwelle Dresdens verlegt. Mit dem Kopfstein vor dem Hygiene-Museum kommt 2026 nun eine weitere Form des Erinnerns hinzu.
Weitere Verlegung und Gedenkfeier
Am 7. Oktober 2026 werden um 14 Uhr in der Tischerstraße 5 drei weitere Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Hermann und Lina Rosenberger sowie ihren Sohn Philipp, die in verschiedenen Konzentrationslagern ermordet wurden.
Um 19.30 Uhr folgt eine öffentliche Gedenkfeier im Marta-Fraenkel-Saal des Deutschen Hygiene-Museums. Dort sprechen Annekatrin Klepsch und Nachfahren der Opfer aus aller Welt. Der Eintritt ist frei.
