Am Klinikum der Technischen Universität München (TUM) soll noch 2026 ein Gehirn-Computer-Schnittstellen-Chip einem gelähmten Patienten implantiert werden. Hinter dem Vorhaben steht Clemens Fischer, Gründer der Futrue-Unternehmensgruppe. Er will bei Gehirnchips gegen Elon Musk antreten – und bis 2030 eine weltweit führende BCI-Generation entwickeln. Dafür sollen mehr als 100 Millionen Euro fließen.

BCI steht für Brain-Computer-Interface, auch Brain-Machine-Interface genannt. Solche Systeme verbinden Gehirn und Computer, ohne den Umweg über periphere Nerven oder Gliedmaßen. Sie erfassen elektrische oder magnetische Aktivität von Nervenzellen und übersetzen sie in Computerbefehle: Cursor, Tastatur, Roboterarm oder Computersprache. In München geht es zunächst um gelähmte Menschen, später womöglich auch um chronische Schmerzen.

Fischer arbeitet dafür mit dem Neurochirurgen Bernhard Meyer zusammen. Meyer leitet seit rund 20 Jahren die Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am TUM-Klinikum und möchte München bis 2030 zu Europas führendem BCI-Zentrum ausbauen. Zwei Patienten tragen bereits dauerhafte BCIs des US-Unternehmens Blackrock Neurotech. Das nächste Implantat soll von Futrue Neurosciences kommen.

Ein Chip auf der Oberfläche des Gehirns

Der Futrue-Chip dringt nicht in das Hirngewebe ein, sondern liegt auf der Gehirnoberfläche. Sein Array ist etwa halb so dünn wie ein Haar und enthält 512 dicht angeordnete Mikroelektroden. Jede davon lässt sich einzeln ansteuern. Das klingt nach kleinteiliger Ingenieursarbeit, ist aber für die Signalqualität entscheidend.

Fischer sieht darin einen Vorteil gegenüber Neuralink. Das System von Elon Musk verfüge laut Fischer über 1024 Elektroden zum Auslesen von Signalen, könne diese Signale aber nicht in vergleichbarem Umfang auch stimulieren. Meyer bezeichnet das Futrue-Produkt deshalb als führend bei bidirektionalen BCIs. Solche Systeme lesen Gehirnsignale nicht nur aus, sondern senden auch Informationen zurück ins Gehirn. Haptische Signale könnten dadurch übermittelt und Roboterarme präziser gesteuert werden.

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Die technische Landschaft ist allerdings breiter als der Zweikampf München gegen Neuralink. Neuralink setzt auf robotisch implantierte intrakortikale Elektroden, Precision Neurosciences auf dünne kortikale Elektrodenfolien, Paradromics auf hochauflösende Sprachimplantate und Synchron auf einen endovaskulären Stent, der ohne offene Hirnoperation eingesetzt wird.

Bei Neuralinks PRIME-Studie waren Anfang 2026 etwa 21 von 30 geplanten Teilnehmern implantiert. Die Studie läuft in den USA, Großbritannien, Kanada und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Teilnehmer sammelten Tausende Stunden Heimnutzung für Cursor- und Tastatursteuerung; zusätzlich laufen die Studien CONVOY zur Armsteuerung und VOICE zur Sprachsteuerung. Eine Zulassung vor 2027–2028 wird nicht erwartet. Wer teilnehmen will, braucht Studienkoordinatoren und eine Einwilligung des zuständigen Institutional Review Board (IRB), keine reguläre ärztliche Verschreibung.

Precision erhielt am 17. April 2025 eine FDA-510(k)-Freigabe für kortikales Recording während Operationen, bis zu 30 Tage lang. Layer 7 besitzt 1.024 Elektroden und wird beim neurochirurgischen Mapping eingesetzt. Für eine dauerhafte Kommunikationssteuerung zu Hause gilt diese Freigabe nicht; dauerhafte Implantationen bei Paralyse sind weiterhin Machbarkeitsprojekte.

Paradromics bekam im November 2025 eine FDA-IDE, also eine Genehmigung für die klinische Prüfung. Die Rekrutierung zur Sprachwiederherstellung begann am 3. Februar 2026. Das Implantat soll hohe Datenraten für Sprachdecodierung liefern. Wegen des invasiveren Zugangs sind längere Operationen sowie andere Nachsorge- und Bildgebungspläne zu erwarten als bei endovaskulären Systemen.

Synchrons COMMAND-Feasibility-Studie umfasste sechs Patienten. Laut Bericht traten keine schweren unerwünschten Ereignisse auf, und alle Systeme konnten eingesetzt werden. Eine Pivot-Studie mit Einschreibungsziel 2026 wird vorbereitet; eine öffentlich gestartete Rekrutierung gibt es bislang nicht. Finanziert wird die nächste Phase auch durch eine Series-D-Runde über 200 Millionen US-Dollar vom November 2025. Bei Erfolg könnte Synchron den ersten Antrag auf eine PMA-Zulassung für ein dauerhaft implantiertes Kommunikations-BCI stellen. Bis zur Veröffentlichung des Protokolls und der Eröffnung von Studienzentren bleibt es aber bei einer abgeschlossenen Machbarkeitsstudie, nicht bei einem kommerziellen Angebot.

Schmerz ausschalten, bevor er bewusst wird

Fischer und Meyer verfolgen in München zwei Forschungsprojekte. Das erste richtet sich auf chronische Schmerzen. Das BCI soll verhindern, dass neuronale Aktivierungsmuster für chronische Schmerzen entstehen und die Schmerzen überhaupt ins Bewusstsein gelangen. Akute Schmerzen erfüllen laut Meyer eine Warnfunktion; chronische Schmerzen tun das nicht.

Fischer erwartet, dass BCIs die Behandlung chronischer Schmerzen in zehn bis 20 Jahren grundlegend verändern und Arzneimittel ersetzen könnten. Er ist Mediziner und hat einen MBA-Abschluss. Eines seiner Unternehmen erhielt kürzlich die erste Zulassung für ein Cannabis-Medikament gegen neuropathische Schmerzen. Diese entstehen durch Schädigungen oder Funktionsstörungen des Nervensystems; dabei können Nerven fehlerhafte Signale an das Gehirn senden.

Das zweite Projekt gilt Tetraplegikern. Das BCI soll Prothesen oder Roboterarme steuern, die erste Implantation soll demnächst erfolgen. Tetraplegie bedeutet eine schwere Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmaßen und der Rumpf betroffen sind. Ursache ist meist eine Schädigung des Rückenmarks im Halsbereich. Für Betroffene wäre schon ein verlässlich steuerbarer Greifer keine Spielerei, sondern ein Stück Alltag zurück.

Die Münchner Forschung befindet sich dennoch in der Grundlagenforschung. Eine Zulassung als Behandlungsmethode wird noch mehrere Jahre dauern. Meyer will Zulassungsstudien möglichst vor 2030 beginnen; der klinische Routineeinsatz könnte zwischen 2035 und 2040 starten, bei Schmerzimplantaten möglicherweise früher.

2026 nehmen klinische BCI-Studien weltweit zu. Kein dauerhaft implantiertes Motor- oder Sprach-BCI für gelähmte Menschen verfügt jedoch über eine vollständige US-FDA-Premarket-Zulassung. Als möglicher Zeitraum für das erste in den USA verschreibbare Implantat für Paralyse gelten 2028–2030.

Die entscheidenden nächsten Schritte liegen ziemlich nüchtern auf dem Tisch: das Synchron-Pivot-Protokoll, der Abschluss der PRIME-Studie mit 30 Patienten, weitere IDE-Evidenz für dauerhafte Precision-Implantate und Erstattungsmodelle über Medicare und Medicaid. Studien ersetzen weder Rehabilitation noch Pflege. Sie bleiben auf spezialisierte Zentren beschränkt.

Geld, Regulierung und ein ziemlicher Spagat

Die Forschung in München wird durch Drittmittel im achtstelligen Eurobereich finanziert – von der EU, dem Bundesforschungsministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Industriepartner beteiligen sich ebenfalls, dazu Fischer mit eigenen Mitteln. Seine Futrue-Gruppe umfasst mehr als 20 Unternehmen.

2024 erzielte die Gruppe knapp 227 Millionen Euro Umsatz. Der Jahresüberschuss nach Minderheiten lag bei 3,8 Millionen Euro. Der geringe Überschuss wurde mit hohen Forschungskosten für das Cannabis-Medikament begründet, in das Fischer mehrere hundert Millionen Euro investierte. Nach einem Umsatz von 301 Millionen Euro im Vorjahr erwartet er für dieses Jahr rund 500 Millionen Euro. Das operative Ergebnis vor Forschungsausgaben soll mehr als 100 Millionen Euro betragen und größtenteils erneut investiert werden.

Auch international wird kräftig vorgelegt. Synchrons Finanzierung und Neuralinks private Bewertung von mehr als 8 Milliarden US-Dollar sollen längere Studien und Fertigungsprobleme finanzieren. Chinas Neuracle erhielt im März 2026 eine Marktzulassung für das NEO-System bei ausgewählten Rückenmarksverletzten. Das verändert die US-Regulierung nicht, erhöht aber den Wettbewerbsdruck.

Der US-amerikanische Department of Veterans Affairs führt parallel neurologische und Rehabilitationsstudien durch. Veteranen mit Amputationen bilden dabei eine wichtige Studiengruppe. Gemessen wird zunehmend nicht mehr nur, ob ein Cursor im Labor einen Punkt trifft. Studien erfassen Heimnutzung und Aktivitäten des täglichen Lebens – etwa Nachrichten an Pflegepersonen oder Online-Einkäufe.

Marcello Ienca, Professor für Ethik der KI und Neurowissenschaften an der TUM, sieht in Forschungsallianzen wie jener in München gute Chancen für Europa. Bei KI liege Europa gegenüber den USA und China zurück, bei Gehirnmaschinen-Schnittstellen und Neuro