An der Nordwand der Zugspitze haben sich in der vergangenen Woche mehrere Kubikmeter Fels gelöst. Eine große Staubwolke hing danach über dem Berg. Verletzt wurde niemand, Sachschäden wurden nicht gemeldet.

Wenige Tage später rückten Forscher der Technischen Universität München (TUM) an, um die Ursache und die Gefahr weiterer Abbrüche zu untersuchen. Verantwortlich ist das Team von Michael Krautblatter vom TUM-Lehrstuhl für Hangbewegungen. Die Fachleute kennen solche Fälle bereits: Sie haben unter anderem Abbrüche am Hochvogel und oberhalb der Stüdlhütte am Großglockner ausgewertet.

Der Fels brach an einer warmen Stelle

Für die Untersuchung nutzten die Forschenden fest im Fels installierte Sensoren, die die Kerntemperatur messen. Dazu kamen Infrarotaufnahmen eines Drohnenflugs vom 25. September, mit denen sich die Oberflächentemperatur bestimmen lässt. Die vorläufigen Daten bestätigen den ersten Verdacht: Die Erwärmung des Permafrosts könnte den Felssturz begünstigt haben.

Permafrost wirkt im Zugspitzmassiv wie ein „Gesteinskleber“. Er hält verschiedene Gesteinsschichten zusammen. Schon bei Temperaturen zwischen –1 und 0 Grad kann dieser gefrorene Untergrund seine Stabilität verlieren. Tauen Eisschichten auf, dringt Wasser in den Boden ein und beschleunigt den Tauprozess. Risse, kleinere Abbrüche und schließlich auch große Fels- oder Bergstürze können die Folge sein.

Die TUM stellte fest, dass der Fels genau an einer Stelle abbrach, an der sich der Permafrost stark erwärmt hatte. In einem nahegelegenen Forschungsstollen wurde 15 Meter tief im Fels eine Temperatur von –0,7 Grad gemessen. Seit 2007 entspricht das einer Erwärmung um 0,5 Grad: Damals lagen die Werte dort noch bei −1,2 Grad. Die betroffene Frostschicht ist in den vergangenen 19 Jahren also wärmer und instabiler geworden.

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Der Klimawandel gilt als eine Ursache dieser Entwicklung. Er begünstigt Hitzewellen und macht sie häufiger und länger. Extrem heiße Sommer verstärken den Effekt. Allerdings arbeitet sich die Wärme nur langsam ins Felsinnere vor. Zwischen Außen- und Felstemperatur liegen laut Johannes Leinauer von der TUM etwa drei Monate. Die stärkste Erwärmung des Permafrosts wird deshalb erst in den kommenden Monaten erwartet.

13.800 Kubikmeter auf der Tiroler Seite

Der Felssturz ereignete sich am vergangenen Dienstag auf der Tiroler Seite der Zugspitze, in unzugänglichem Gelände. Der Hauptabbruch kurz vor 7 Uhr wurde von zahlreichen kleineren Abbrüchen davor und danach begleitet. Auch anschließend lösten sich weiter kleinere Gesteinsmengen. Insgesamt gingen rund 13.800 Kubikmeter nieder.

Der betroffene Bereich war etwa 100 mal 40 Meter groß, rund 80 Grad steil und lag auf ungefähr 2.800 Metern Höhe. Genau dort erwarten Fachleute sogenannten warmen Permafrost. Leinauer bezeichnete den Abbruch als größeres Ereignis – Felsstürze dieser Größenordnung kommen an der Zugspitze allerdings alle paar Jahre vor.

Für die Zukunft erwarten die Forscher mehr kleinere Felsabbrüche. Abstürze von wenigen Kubikmetern bis zu mehreren zehntausend Kubikmetern werden laut Leinauer definitiv zunehmen. Ob und wann ein sehr großer Felssturz bevorsteht, lasse sich dagegen nicht pauschal beantworten.

Größere Abbrüche kündigen sich häufig an: Der betroffene Bereich lockert sich, bewegt sich sichtbar aus der Wand heraus, und kleinere Blöcke lösen sich. Genau solche Veränderungen sollen an der 2.962 Meter hohen Zugspitze künftig regelmäßiger erfasst werden. Geplant ist ein Laserscanner, der die Nordwand aus vier Kilometern Entfernung vermisst und Veränderungen sichtbar macht.

Ein Frühwarnsystem für die Alpen

An der TUM laufen mehrere Projekte zur Überwachung von Gesteinsbewegungen, auch an der Zugspitze. Das Ziel ist ein Frühwarnsystem für die Alpen. Am Hochvogel ist ein solches System bereits im Einsatz.

Überwachung bedeutet dabei mehr als ein gelegentlicher Blick auf die Felswand. Zum Einsatz kommen geologische Untersuchungen, Laserscanning, Radar, GPS, Kameras und weitere Sensoren. Kleinere Steinschläge und zunehmende Bewegungen können größere Ereignisse ankündigen. Frühwarnsysteme, Schutzdämme und andere technische Maßnahmen bleiben wichtig, müssen aber wirksam und finanzierbar sein.

Gegen Millionen Kubikmeter Gestein reichen Fangnetze nicht aus. Sie können einzelne Steine aufhalten und etwa Straßen schützen, aber keinen großen Fels- oder Bergsturz stoppen. Wenn Schutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen oder zu teuer werden, können sogar Umsiedlungen oder der Bau von Infrastruktur an anderen Orten notwendig werden. Das ist aufwendig und belastend, kann bei guten Alternativen aber neue Perspektiven eröffnen.

Für Menschen in den Tälern steht einiges auf dem Spiel: Größere Sturzereignisse können Straßen, Seilbahnen und Gebäude zerstören. Bei erhöhter Steinschlagaktivität sollten gefährdete Bereiche verlassen und steile Felswände nicht unnötig lange unterquert werden. Sperrungen gelten auch für Ortskundige; gesperrte Wege sollten besonders Ortsunkundige nicht betreten. Ein Helm ersetzt keine Sperrung und verhindert nicht jede Lebensgefahr.

Die Alpen geraten sichtbar in Bewegung

Der Hitzesommer 2026 hat gezeigt, wie stark sich die Hochgebirge verändern. Am Mont Blanc, am Matterhorn und an der Zugspitze kam es zu Felsstürzen. Ein Video zeigt sogar einen Bergsteiger im Grand Couloir am Mont Blanc, der einem Abbruch nur knapp entkommt. Die Route liegt auf etwa 3.340 Metern und gilt als besonders gefährlich; im August wurde sie wegen der erhöhten Stein- und Felssturzgefahr gesperrt.

Im Mont-Blanc-Massiv wurden 2026 bereits etwa 450 größere Felsstürze gezählt. Auch in anderen Hochgebirgsregionen nehmen Steinschläge, Muren sowie Fels- und Bergstürze zu. Am Matterhorn war der Aufstieg Bergführern zufolge zu gefährlich.

In den Alpen liegt die Erwärmung inzwischen etwa drei Grad über dem vorindustriellen Niveau – mehr als doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. Gletscher schmelzen, der Permafrost taut auf, schneebedeckte Flächen werden kleiner. Dadurch dringt Sonnenwärme stärker in den Untergrund ein.

Permafrost bezeichnet Boden oder Gestein, das mindestens zwei Jahre ununterbrochen gefroren bleibt. Oberhalb von etwa 2.500 Metern bestehen erhebliche Flächen daraus. Das Eis im gefrorenen Fels und Schutt wirkt wie ein Bindemittel. Taut es auf, können durch Klüfte getrennte Bereiche ihre Stabilität verlieren. Wasser, Starkregen und wiederholtes Tauen und Gefrieren schwächen den Untergrund zusätzlich.

Berge sind kein zusammenhängender Gesteinsblock, sondern bestehen aus miteinander verbundenen Gesteinsteilen. Nach dem Auftauen fällt so lange loses Material ab, bis sich ein neues Gleichgewicht bildet. Ein Felssturz bewegt meist mehrere tausend Kubikmeter größerer, zusammenhängender Felsmassen. Bei einem Bergsturz brechen sehr große Massen heraus – bis zu Millionen Kubikmeter, die ganze Landschaften verändern können.

Mehr Ereignisse, neue Gefahrenkarten

Verwitterung und Erosion sind natürliche Prozesse. Der Klimawandel beschleunigt sie jedoch in bestimmten Höhenlagen. Für die Ostalpen wird inzwischen eine Häufung von Sturzereignissen beobachtet. Einer Studie zufolge traten größere Felsstürze im Alpenbogen im 20. Jahrhundert etwa alle drei bis fünf Jahre auf, im 21. Jahrhundert dagegen etwa zwei- bis dreimal pro Jahr. Sehr große Ereignisse gab es früher ungefähr alle zehn Jahre, inzwischen laut einem Forscher etwa alle zwei Jahre.

Felsstürze ereignen sich zunehmend auch an Orten, an denen sie historisch nicht bekannt waren. Gefährdete Siedlungen und Infrastrukturen müssen deshalb neu bewertet werden. Im Alpenraum gibt es zwar langjährige Erfahrungen mit Naturgefahren wie Lawinen, Warnsysteme und Sperrungen sind dort etabliert. Diese Erfahrungen sollen nun stärker auf sommerliche Gefahren wie Felsstürze übertragen werden.

Die Alpen werden trotz des tauenden Permafrosts und zunehmender Starkniederschläge nicht zusammenfallen. Besonders oberhalb von 3.000 Metern dürften sich Sturzereignisse zunächst deutlich häufen. Dadurch entstehen mehr Nischen und Ausbruchstellen in den Bergformen.