TUM-Kinderoase: Vertikaler Holzbau schafft Platz für 60 Kinder mitten in München
Mitten auf dem TUM-Campus, an der Gabelsberger Straße zwischen Architekturfakultät, Hauptcampus und Mensa, steht ein Haus, das sich nicht sofort als Kindereinrichtung zu erkennen gibt. Rostig rotbraun schimmert die Fassade. 2.085 Lamellen aus Cortenstahl legen sich wie ein schützender Vorhang um den Bau – davor rauscht der Verkehr, dahinter beginnt eine fast vollständig aus Holz gebaute Kinderlandschaft.
Die Ingeborg Pohl Kinderoase ist ein neues Kinderbetreuungszentrum der Technischen Universität München. Sie soll vor allem jungen Berufstätigen und Wissenschaftlerinnen helfen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Ausgangspunkt war die Vision der Stifterin, Frauen auf wissenschaftlichem Karriereweg eine arbeitsplatznahe Betreuung ihrer Kinder zu ermöglichen. Heute, am 30.10.2026, steht das Gebäude auf jenem ehemaligen Parkplatz, der zuvor vor allem eines bot: Asphalt, Verkehr und Lärm.
Ein vertikaler Spielplatz
Fünf Geschosse stapeln sich auf rund 800 Quadratmetern Grundfläche. Der Bau misst 15,10 × 17,46 Meter und bietet Platz für 60 Kinder. Innen ist die Organisation klar: Im Erdgeschoss liegen Empfang, Verwaltungsräume und ein durch Glas einsehbarer Kinderwagen-Abstellplatz. Die Kindergruppen sind nach Altersstufen geordnet; jede Gruppe nutzt ein eigenes Geschoss.
Auf den mittleren und oberen Ebenen liegen Räume, in denen gespielt, Sport getrieben und gegessen wird. Sie stehen allen Altersgruppen offen. Im zweiten Obergeschoss befindet sich ein Mehrzweck-Sportraum. Ganz oben wartet die teilweise überdachte Terrasse mit ihrem eigenen Spielbereich, die „Himmelswiese“. Dort gibt es Luft, Sonne und Wind – und einen weitreichenden, unverbauten Blick über München. Für Kinder ist das vermutlich wichtiger als jede noch so ausgeklügelte Raumgrafik.
Francis Kéré beschreibt die Kinderoase als vertikalen Spielplatz, aus der Perspektive der Kinder entworfen: laufen, klettern, rutschen, wieder hinunter, noch einmal. An der Nordfassade verbinden Rutschen die einzelnen Ebenen. Der Spielbereich ist dabei nicht bloß ein lustiges Extra, sondern wirkt zugleich als akustischer Puffer gegen die Gabelsbergerstraße und schützt die dahinterliegenden Gruppenräume.
Holz, Stahl und ein gelbes Treppenhaus
Für den Holzbau wurde hauptsächlich Fichte verwendet. Das Gebäude besteht nahezu vollständig aus Holz; Ausnahmen bilden die südliche Fluchttreppe und das Fundament. Kéré arbeitete mit dem TUM-Professor und Holzexperten Hermann Kaufmann zusammen, die Ausführungsplanung des konstruktiven Holzbaus übernahmen HK Architekten. Gemeinsam mit HK Architekten aus Österreich wurde auch die Fassade entwickelt.
Hinter den abgehängten Cortenstahl-Lamellen liegt eine durchgehende schwarze Holzverkleidung. Die Fassadenelemente geben dem Haus sein eigenwilliges Gesicht und greifen den spielerischen Charakter der Nutzung auf. Drinnen setzt das zitronengelbe Treppenhaus einen kräftigen Kontrapunkt. Es soll auf einen Wunsch der Stifterin zurückgehen. Die Räume gruppieren sich um diese zentrale Achse und leiten daraus ihre dynamische Form ab.
Ganz romantisch ist die Lage freilich nicht. Deshalb reagiert auch die Anordnung der Räume auf den Lärm: Ruhige Räume liegen an der von der Straße abgewandten Rückseite, Lernbereiche im zentralen Gebäudeteil. Zur Gabelsbergerstraße befinden sich Funktionsräume an der Nordfassade. Der vertikale Spielplatz dort übernimmt gleichzeitig die Rolle eines Schallschutzes – ein ziemlich cleverer Tauschhandel zwischen Toben und Ruhe.
Bei der Planung wurden Energieeffizienz, thermischer Komfort, Brandschutz und Akustik berücksichtigt. Die Konstruktion soll kreative Räume für Kinder schaffen, zugleich Komfort ermöglichen und umweltbewusstes Bauen unterstützen. Nach Angaben von Kéré Architecture zielt das Projekt darauf, seinen CO₂-Fußabdruck zu reduzieren, und verbindet Einfachheit mit Qualität.
Eine Rutsche bis zur Mensa?
Für die Dachterrasse hatte Kéré noch eine größere Idee: Sie sollte sich auf das Dach der benachbarten Mensa ausdehnen. Beide Bereiche könnten über eine große Rutsche verbunden werden. So entstünde ein gemeinsamer öffentlicher Raum für Kinder, Studierende und Universitätsmitarbeitende. Bislang ist dieser Vorschlag nicht realisiert.
Der Gedanke passt trotzdem gut zu diesem Ort. Die Kinderoase steht nicht abgeschottet irgendwo am Stadtrand, sondern mitten im Hochschulbetrieb, zwischen Hörsälen, Büros, Mensa und viel Bewegung. Der Dachraum bleibt dabei der Außenbereich der Kita; die „Himmelswiese“ ist teilweise überdacht und öffnet den Kindern den Blick weit über die Stadt.
Als Beispiel für vertikale innerstädtische Nachverdichtung zeigt das Haus, wie wenig Grundfläche nötig sein kann, wenn Funktionen nach oben wandern. Das ist keine Nebensache, denn Städte wachsen und verändern sich laufend. Innerstädtische Freiflächen gibt es kaum noch. München kennt dieses Gedränge ebenso wie Wien, wo die Suche nach zusätzlichem Raum längst innerhalb bestehender Stadtstrukturen stattfinden muss.
Nachverdichtung als Zukunftsfrage
Eine am Institut für Architektur und Entwerfen der Technischen Universität Wien verankerte Arbeit setzt an einem anderen Gebäudebestand an: an kommunalen Bauten der Nachkriegszeit, besonders an Gemeindebauten der 1950er Jahre. Ihr Ausgangspunkt ist die globale Erderwärmung und die Notwendigkeit, im Bausektor konsequent zu handeln. Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sollen in der Architektur zur Voraussetzung werden – schließlich beeinflussen heutige Planungen kommende Generationen und die Umwelt.
Untersucht wurden zunächst urbane Nachverdichtung, Nachhaltigkeit und die Kreislauffähigkeit von Gebäuden. Es folgten eine umfassende Analyse Wiener Gemeindebauten, die Untersuchung europäischer Referenzprojekte und Interviews, in denen praktische Erfahrungen aus Wien einflossen. Daraus entstand ein Bausystem für Aufstockungen. Seine Umsetzbarkeit wurde an einem Beispielprojekt in Wien geprüft.
Das Ergebnis ist ein seriell anwendbares, nachhaltiges und kreislauffähiges Bausystem in Holz-Hybridbauweise. Es ist als Modell für die vertikale Nachverdichtung von Kommunalbauten der 1950er Jahre gedacht und soll Planerinnen und Planern als Grundlage für nachhaltiges Stadtwachstum dienen. Bestandssanierung und die Aufwertung des baulichen Umfelds sollen dabei zusätzlichen Nutzen für die Bewohnerinnen und Bewohner schaffen.
In München wächst derweil auf einem ehemaligen Parkplatz eine Kita in die Höhe. Unten kommen Kinderwagen und Verwaltung an, oben weht der Wind über der „Himmelswiese“ – und irgendwo dazwischen saust wahrscheinlich gerade jemand die Rutsche hinunter.
Quelle: db deutsche bauzeitung
Weitere Informationen: Kéré Architecture
Kontext: Repositorium der Technischen Universität Wien
