München, 16.10.2026. Ein Taubenpaar sitzt auf dem Nest, dicht an dicht, während unter dem Brutplatz ein Gewichtssensor jede Bewegung registriert. Niemand muss die Tiere anfassen oder stören. Genau solche stillen Messungen bilden die Grundlage einer Studie der Technischen Universität München (TUM), die untersucht hat, wie sich städtische Fütterungsverbote auf das Brutverhalten von Stadttauben auswirken.

Das Ergebnis klingt zunächst fast beruhigend: Die Tauben brüteten ihre Eier trotz der Verbote erfolgreich aus. Doch der Preis dafür ist nicht unbedingt klein. Wenn weniger Futter verfügbar ist, verlassen die Weibchen das Nest häufiger zur Nahrungssuche. Die Männchen übernehmen dann mehr Zeit bei der Brut und der Nestpflege. Die Aufmerksamkeit für die Eier blieb dadurch trotz der eingeschränkten Versorgung weitgehend konstant.

Wer brütet, wer sucht Futter?

Für die in Royal Society Open Science veröffentlichte Untersuchung analysierte das TUM-Team 75 Nester von Stadttauben. Einige Tiere lebten in kontrollierten Taubenschlägen mit gleichbleibender Futterversorgung, andere mussten sich in der Stadt selbst ernähren. Besonders deutlich zeigte sich der beschriebene Effekt in drei Städten mit Fütterungsverboten.

Bei ausreichender Nahrung übernahmen die Weibchen einen größeren Anteil der Brutzeit. Sie wogen außerdem etwa 35 Gramm mehr und konnten länger auf den Eiern sitzen. Bei den Männchen stellten die Forschenden keinen entsprechenden Gewichtsunterschied fest. Weil sie weniger stark an die Brut gebunden waren, konnten sie offenbar mehr Zeit mit der Nahrungssuche verbringen.

Brandon Mak, der Studienleiter, sieht darin einen Hinweis darauf, wie flexibel sich die Tiere organisieren. Fällt Futter weg, verschiebt sich die Arbeit im Nest: Das Weibchen geht häufiger los, das Männchen bleibt länger zurück. Für die Eier reicht diese Aufteilung zunächst aus. Nach dem Schlüpfen könnten die Küken wegen unzureichender Nahrung jedoch einem erhöhten Sterberisiko ausgesetzt sein.

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Mak schlug deshalb vor, Taubeneier zur Populationskontrolle durch künstliche Nachbildungen zu ersetzen. So ließe sich die Zahl der Tauben begrenzen, ohne das Nahrungsangebot zu reduzieren. Denn weniger Futter verschlechtert den körperlichen Zustand der Weibchen und kann die Küken beeinträchtigen. TUM-Professor Wolfgang Weisser betonte, ein Verständnis des Verhaltens städtischer Tiere sei wichtig, um mit ihnen umzugehen.

Ein alter Bruttrieb und leere Mägen

Tauben wurden über mehr als 7.000 Jahre darauf gezüchtet, unabhängig vom Nahrungsangebot möglichst häufig zu brüten. Dieser „Brutzwang“ unterscheidet sie laut dem Artikel von vielen anderen Tieren: Ihre Nachwuchsmenge hängt demnach nicht einfach vom verfügbaren Futter ab.

Fütterungsverbote können deshalb dazu führen, dass Jungtiere verhungern. Nach dem Tod der Jungen beginnen die Elterntiere jedoch rasch erneut mit dem Brüten. Mehrere Stadtverwaltungen hätten nach jahrzehntelangen Versuchen bestätigt, dass Verbote keinen nachhaltigen Effekt hätten.

Ohne zusätzliches Futter suchen Tauben verstärkt nach Essensresten und Abfällen. Der Artikel führt an, dass dies Durchfall, den sogenannten „Hungerkot“, verursache und zur Verschmutzung von Städten beitrage. Die Tiere müssten den ganzen Tag zu Fuß nach Nahrung suchen und bei Menschen betteln. Das Bild der gemütlich über den Platz schlendernden Taube bekommt da einen ziemlich harten Unterton.

Wie drastisch die Folgen ausfallen können, zeigt laut dem Artikel das Beispiel einer stark abgemagerten Taube in Bonn. Sie habe wegen des dortigen Fütterungsverbots kurz vor dem Hungertod gestanden. Auf dem Bild sei das Brustbein deutlich sichtbar; normalerweise werde es von Fleisch bedeckt.

Taubenschläge statt Futtersuche

Betreute Taubenschläge sollen diese Probleme für Tauben, Bürger und Stadtverwaltungen verringern. Dort erhalten die Tiere Körnerfutter und frisches Wasser, außerdem eine gesundheitliche Versorgung durch artgerechte Ernährung. Standorttreue Tauben halten sich überwiegend im Schlag auf, weil sie nicht den ganzen Tag in der Stadt nach Nahrung suchen müssen.

Auch der Kot bleibt zu einem großen Teil dort: 80 bis 90 Prozent des Taubenkots können im Schlag gesammelt und fachgerecht entsorgt werden. Für die Populationskontrolle werden die Taubeneier durch Gipseier ersetzt. Der Bruttrieb läuft weiter, Nachwuchs schlüpft aber nicht. Ein Konzept, das weniger nach großer Geste klingt als nach täglicher, ziemlich mühsamer Arbeit mit Wasser, Körnern, Nestern und viel Geduld.

Die TUM-Studie macht dabei sichtbar, was bei einem Verbot leicht untergeht: Ein geringeres Futterangebot beendet das Brutverhalten nicht einfach. Es verteilt die Aufgaben im Nest neu und trifft vor allem den körperlichen Zustand der Weibchen. Gleichzeitig verweist der Artikel zu betreuten Taubenschlägen auf die Folgen außerhalb des Nestes – auf Nahrungssuche zwischen Abfällen, „Hungerkot“ und die Frage, wer den Stadtraum sauber hält.

Von TUM München aus betrachtet beginnt die Diskussion damit nicht beim nächsten Taubenfoto auf dem Gehweg, sondern bei den Bedingungen, unter denen diese Tiere leben, brüten und ihre Küken versorgen. Und manchmal bei einem kleinen Gewichtssensor unter einem Nest.

Quelle: noticiasambientales.com
Zusätzliche Informationen: stadttauben-bonn.de