Am Münchner Flughafen ist das „TUM RoboGym powered by NEURA“ eröffnet worden. Auf mehr als 2.300 Quadratmetern sollen künftig humanoide und Service-Roboter trainieren – nicht im sterilen Labor, sondern möglichst nah an jenen Situationen, die später in Fabriken, Lagern, Kliniken oder auf Bauernhöfen warten.

Betreiber sind das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der Technischen Universität München (TUM) und NEURA Robotics. Ihr Anspruch ist groß: Das Zentrum soll Europas größtes Forschungs- und Trainingszentrum für Physical AI werden und Forschung mit industriellen Anwendungen verbinden. Zunächst ist das RoboGym für drei Jahre geplant, eine zeitnahe Erweiterung ist vorgesehen.

48 Trainingszellen für die Arbeit von morgen

Rund 100 humanoide und Service-Roboter sollen in 48 Trainingszellen Fähigkeiten erlernen. Ab Mitte 2026 soll dort eine große Flotte humanoider Roboter unter realen Bedingungen trainieren. Auf dem Programm stehen unter anderem Kartons falten, Komponenten montieren, Werkzeuge bedienen, Flaschen abfüllen sowie Holzkomponenten be- und entladen. Intralogistik und Industrieaufgaben bilden die Schwerpunkte – also jene Tätigkeiten, bei denen Menschen heute oft stundenlang dieselben Handgriffe wiederholen.

Für Simulationen und das Training von KI-Modellen steht zusätzliche Rechenleistung bereit. Die gesammelten Daten werden in einem kuratierten Cloud-Data-Lake für die Forschung an Physical AI gespeichert. Größtenteils sollen die im RoboGym erzeugten Trainingsdaten außerdem über das Neuraverse, NEURAs hardwareübergreifende Plattform für Trainingsdaten, der Robotik-Community zugänglich gemacht werden.

Perspektivisch soll das Zentrum auch Industriepartnern und Start-ups offenstehen. Beteiligt sind bereits Unternehmen aus über zehn Branchen, darunter Pharma, Medizintechnik, Automobilbau, Verpackung, Logistik, Pflege und Landwirtschaft. TUM und NEURA investieren zum Start gemeinsam rund 17 Millionen Euro, davon übernimmt NEURA Robotics rund 11 Millionen Euro.

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Im TUM Convergence Center am Flughafen hat die Universität außerdem einen Ort für Studierende, Forschende und Industriepartner eröffnet. Geleitet wird das RoboGym von TUM-MIRMI-Direktor Lorenzo Masia; Achim Lilienthal ist Vizedirektor des MIRMI. Die Partner wollen damit europäische Forschung und Fachkräfte in Robotik und Künstlicher Intelligenz stärken. Langfristig soll die Grundlage für ein weltweit nutzbares Betriebssystem für Roboter entstehen.

Ein neuer 4NE1 und viele Daten

NEURA Robotics nutzte die Eröffnung, um die vierte Generation seines humanoiden Roboters „4NE1“ vorzustellen. Das Modell ist 20 Prozent leichter als die Vorgängerversion, besitzt eine sensorisierte Textil-Außenhaut, weiterentwickelte Hände und sogenannte Smart Limbs. Gesteuert wird es über das Perception-Language-Action-Modell „Neuron AI“. Für die Serienfertigung ist der Roboter vorbereitet.

Das Unternehmen kooperiert zudem mit Bosch. Bei Datenerfassungen wurden mehr als 1.000 Beschäftigte mit Sensoranzügen ausgestattet – ein Aufwand, der zeigt, wie hungrig lernende Robotersysteme nach Bewegungsdaten sind. NEURA-Roboter sollen laut Unternehmensangaben sehen, hören und tasten können, autonom handeln und aus Erfahrungen lernen.

NEURA Robotics wurde 2019 von David Reger in Metzingen gegründet. Das Unternehmen entwickelt Industrie- und Haushaltsroboter nach einem einheitlichen „One-Device“-Ansatz. Reger hatte im Juni bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar von Investoren wie Nvidia, Amazon und Tether eingeworben.

Der Expansionsplan ist entsprechend weit gespannt: Bis Ende 2026 will NEURA weltweit fünf Trainingszentren betreiben, darunter eines im chinesischen Hangzhou. Zehn weitere Zentren sollen folgen, darunter ein deutscher Standort in Kooperation mit der RWTH Aachen. Mehr als 2.600 Unternehmen haben sich laut Artikel bereits für Trainingsplätze beworben.

Der Blick nach Asien macht den Druck sichtbar. Nach Daten von Interact Analysis gibt es in China bereits mehr als 90 Datensammelzentren für humanoide Robotik, mindestens 50 weitere befinden sich im Bau. In Europa existieren demnach weniger als zehn vergleichbare Einrichtungen.

Vom Flughafen bis in den Stadtrat

Auch in Ingolstadt wurde im Stadtrat über ein geplantes Technologie-Transferzentrum für humanoide Robotik und KI diskutiert. Zündstoff lieferte dabei nicht nur die Technik: Eine rund 100-seitige Ausarbeitung lag den Fraktionen erst wenige Tage vor der Sitzung vor. Da kann selbst ein Roboter kaum schnell genug sortieren.

Barclays-Analystin Zornitsa Todorova prognostiziert bei sinkenden Kosten und ausbleibenden regulatorischen Hürden einen Anstieg der weltweit installierten humanoiden Roboter von 15.000 im Vorjahr auf bis zu eine Million im Jahr 2030. Noch ist das allerdings kein etablierter Massenmarkt. Die Branche steckt in einer frühen Entwicklungsphase, technologische und regulatorische Fragen sind offen.

Der Kapitalmarkt setzt trotzdem kräftige Signale. 2025 flossen rund 2,65 Milliarden US-Dollar in Unternehmen der humanoiden Robotik – mehr als in den Jahren 2018 bis 2024 zusammen. Die Summe erfasst allerdings nur einen Teil der gesamten Investitionen in humanoide Robotik.

Getrieben wird die Entwicklung von Fortschritten bei Künstlicher Intelligenz, Sensorik und Hardware sowie vom wachsenden Bedarf an Automatisierung. Moderne Roboter können ihre Umgebung zunehmend wahrnehmen, Informationen verarbeiten, aus Erfahrungen lernen und flexibel auf neue Situationen reagieren. Genau diese Verbindung von KI und Robotik bildet die Grundlage für Physical AI – mit möglichen Einsatzfeldern in Industrie, Logistik, Pflege und weiteren Branchen mit repetitiven Aufgaben oder Fachkräftemangel.

Eine Studie des FERI Cognitive Finance Institute in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IPA soll die technologischen Entwicklungen, wirtschaftlichen Potenziale und strukturellen Herausforderungen KI-basierter Robotik untersuchen. Am Münchner Flughafen bekommt diese Entwicklung derweil einen ziemlich konkreten Schauplatz: 48 Trainingszellen, viele Sensoren und Roboter, die erst einmal lernen müssen, wie man einen Karton richtig faltet.