Heute wird die Uni-Halle der Universität Bielefeld zur offenen Werkstatt: Vom 4. bis 12. November 2026 gestalten sechs internationale Graffiti-Künstlerinnen bisher weiße Wände im Hauptgebäude. Das passiert mitten im laufenden Semesterbetrieb – zwischen Vorlesungen, schnellen Wegen über den Flur und dem ganz normalen Hochschultrubel.

Organisiert wird das Projekt gemeinsam mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und dem Bielefelder Kulturverein „hoch2wei“, der sich für urbane Kunst und Streetart engagiert. Die Flächen sind durch Sanierungsarbeiten und die Einrichtung des zweiten Bauabschnitts entstanden. Viel weiße Wand also. Was darauf kommt, ist nicht festgelegt: Die Künstlerinnen dürfen sich frei entfalten, nur die Farbauswahl ist vorgegeben.

Sechs Stimmen, viele Arbeitsweisen

Mit dabei sind Nense aus Chile, RosyOne aus der Schweiz, Jakob der Bruder aus Österreich, Salvaje Selva aus Spanien, Sue Bendek aus Kolumbien/Deutschland und Friendly aus Hongkong. Einige arbeiten mit Spraydosen, andere greifen überwiegend zu Pinseln und herkömmlichen Farben. Es wird also nicht überall zischen und dampfen – an manchen Stellen dürfte es eher nach Farbe, Staub und Uni-Flur riechen.

Für die Sprüharbeiten können die Dachfenster der Uni-Halle geöffnet werden. Laut „hoch2wei“ gibt es dort bereits eine gute Luftzirkulation. Besucherinnen dürfen den Künstlerinnen während der Arbeitszeiten zusehen, und zwar innerhalb der Öffnungszeiten des Hauptgebäudes: Montag bis Freitag von 6:45 bis 22 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 7:30 bis 18 Uhr.

Schon 2015 waren bei einem Festival Graffiti-Arbeiten auf Bauflächen der Universität entstanden. Diese Werke prägten laut Universität über Jahre das Erscheinungsbild der Uni-Halle, mussten im Sommer wegen der Sanierung jedoch entfernt werden. Die neuen Bilder sollen voraussichtlich bis 2029 sichtbar bleiben – danach werden auch sie wieder verschwinden.

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Ein Wandbild als Verbindung nach Chile

Die Teilnahme von Nense, einem Wandmaler und Muralisten aus Santiago de Chile, stellt eine direkte Verbindung zum Chile-Wandbild vor dem Audimax her. Das denkmalgeschützte Wandbild wurde 1976 von chilenischen Exilstudierenden geschaffen und besteht 2026 seit 50 Jahren an der Universität Bielefeld.

Das Kulturprogramm beginnt heute, am 4. November, um 12 Uhr mit einer Auftaktveranstaltung in der Uni-Halle. Es ist offen und kostenlos und richtet sich an Studierende ebenso wie an Kulturinteressierte und Bürgerinnen aus Bielefeld und der Region.

Am Freitag, 6. November, zeigt hoch2wei ab 19 Uhr vor dem Chile-Wandbild den Film „Chile Estyle“ über die Street-Art- und Graffitiszene in Chile. Der Eintritt ist frei. Nense führt in das Thema ein, danach gibt es ein Gespräch mit ihm. Am Dienstag, 10. November, können Interessierte von 12 bis 16 Uhr an den Wänden in der Uni-Halle selbst künstlerisch arbeiten.

Zum Abschluss folgt am Donnerstag, 12. November, vor dem Chile-Wandbild das Panel „Kunst als politische Ausdrucksform“. Organisiert wird die Podiumsdiskussion vom AStA. Unter anderem sprechen Frieda Wieczorek vom Bunker Ulmenwall und Sven Niemann, Graffiti-Guide aus Paderborn.

Von politischen Wänden und bunten Hügeln

Der politische Bezug der Veranstaltung passt zur Geschichte der Street Art in Chile. Moderne Wandmalerei entstand dort vor allem aus politischen Zusammenhängen: Mitte der 1960er Jahre wurden im Wahlkampf für den sozialistischen Kandidaten Salvador Allende Wände gestaltet, beeinflusst vom mexikanischen Muralismo. Nach dem Militärputsch von 1973 und während der Diktatur Augusto Pinochets wurde Wandmalerei zunehmend zu einer heimlichen Protestform im öffentlichen Raum.

Mit der Rückkehr zur Demokratie gewann Graffiti in den 1990er Jahren an Bedeutung. Die US-amerikanische Hip-Hop-Kultur prägte die Entwicklung, politische Botschaften verbanden sich mit weiteren Formen der Street Art. Auch Chileninnen und Chilenen, die aus dem politischen Exil zurückkehrten, brachten neue Ideen und künstlerische Einflüsse mit.

Street Art kann dabei vieles heißen: großflächige Murals mit aufwendigen Motiven und häufig politischen Botschaften, schnelle Tags, Bombings mit großen Buchstaben und Zahlen, Aufkleber und Stencils. Dazu kommen Cut-outs, Kacheln, „Knitting“ an Ampeln und Pichação. Vieles davon ist illegal; ob ein Werk als Kunst oder Schmiererei gilt, wird unterschiedlich bewertet. Ganz neu ist das Ringen um bemalte Wände ohnehin nicht. Gekratzte Schriften im Alten Ägypten sowie Zeichnungen aus dem Römischen Reich, der Maya-Kultur und der Wikingerzeit spiegelten bereits Themen des jeweiligen lokalen Lebens wider.

Besonders sichtbar ist die Entwicklung in Valparaíso, das sich seit den frühen 1990er Jahren zu einem Zentrum der Street Art in Chile und möglicherweise in Südamerika entwickelte. Eine Stiftung initiierte dort das Freiluftkunstprojekt „El museo a cielo abierto“. Auf dem Stadthügel Bellavista gestalteten angesehene lateinamerikanische Künstlerinnen Wandbilder; das Projekt regte weitere Straßenkunst in der Stadt an. Viele Einwohnerinnen duldeten die Aktivitäten, später erhielten Künstlerinnen zunehmend Aufträge für Hotels, Cafés und Bürogebäude.

Heute gehören große Murals an Häuserdächern, bemalte Treppenstufen und humorvolle Botschaften an Eingangstüren zum Stadtbild Valparaísos. Genannt werden unter anderem Inti, Cekis, Chaquipunk, UnKolorDistinto, Anis, Lalio Mutay, LRM und Marceli Millan. Die Stadt zählt inzwischen zu den internationalen Metropolen der Street Art – wobei auch dort nichts für die Ewigkeit gemalt ist: Bilder werden übermalt, verändert oder verschwinden.

In Bielefeld darf jetzt erst einmal zugeschaut, diskutiert und selbst ausprobiert werden. Die Wände in der Uni-Halle sind noch weiß. Nicht mehr lange.