Deutsche Einheit zwischen Erinnerung, Demokratie und anhaltender Wirtschaftslücke
Heute, am 2. Oktober 2026, liegt in Bremen ein Gefühl in der Luft, das nicht einfach in eine Festtagsrede passt. Sorge und Dankbarkeit stehen bei den Radio-Bremen-Meinungsmeldern an erster Stelle: 31 Prozent nennen Sorge, 29 Prozent Dankbarkeit. An der Online-Befragung nahmen 2.952 Personen teil. Ihre Geschichten erzählen allerdings überwiegend aus westdeutscher Perspektive.
Eine davon beginnt auf einer Laufstrecke. Holger Hartmann aus Bremen lief am 30. September 1990 beim ersten gesamtdeutschen Berlin-Marathon durch Ost- und West-Berlin. Die Mauer war gefallen, ihre Reste aber noch deutlich zu sehen; die offizielle Wiedervereinigung stand noch bevor. Als Hartmann durch das Brandenburger Tor lief, musste er weinen.
Erinnerungen, die nicht gleich klingen
Berlin war damals noch keine einheitliche Stadt. Der Potsdamer Platz lag laut Hartmann völlig leer, im Ostteil standen nur wenige Zuschauer. Im Westen jubelten Hunderttausende. Hartmann ist heute 62 Jahre alt. Drei Jahrzehnte später steckt diese Szene noch immer erstaunlich klar in seiner Erinnerung.
Für Wolfgang Fass aus Schwachhausen ist der Tag der Deutschen Einheit ein Freudentag. Den Mauerfall nennt er unvergesslich. Seine Frau war drei Jahre vor der Wende aus der DDR geflohen. Danach, so schildert Fass, gerieten ihre Angehörigen unter sogenannte „Sippenhaft“: Die Schwester verlor kurz nach der Flucht unter einem Vorwand ihren Studienplatz, die Eltern wurden von der Polizei verhört und schikaniert.
Nach der Grenzöffnung siedelten die Eltern und die Schwester in den Westen über. Trotzdem blieb die Angst, die Mauer könnte wieder aufgebaut werden. Fass beschreibt das Ende der DDR als Ende des Eingesperrtseins und warnt davor, die DDR zu verklären. Der heute 64-Jährige wünscht sich, dass Schulen in Bremen ausführlicher über die deutsche Teilung und das Unrecht in der DDR sprechen. Der Feiertag erinnere schließlich auch daran, wie wertvoll Demokratie sei.
Monika Diagbon aus der Östlichen Vorstadt setzt den eigentlichen Tag der Deutschen Einheit auf den 9. November 1989, den Tag der Maueröffnung. Das erste Wochenende danach verbrachte sie in Hamburg. Innenstadt und Zufahrtsstraßen waren voller Menschen, viele Besucherinnen und Besucher aus der DDR wurden herzlich empfangen. Später fuhr Diagbon mit Freunden zu Gegenbesuchen in den Osten. Die Atmosphäre sei sehr ungezwungen gewesen.
Viel davon, bedauert die heute 58-Jährige, sei verschwunden. Beschwerden über Staat und Politik angesichts der finanziellen Unterstützung aus dem Westen für den Osten findet sie schwer nachvollziehbar. Auch den Vorwurf, Westdeutsche hätten Ostdeutsche nach der Wende allein gelassen, hält sie für ungerecht. Dass Menschen angesichts der jüngeren deutschen Geschichte demokratiefeindliche Parteien wählen, versteht sie nicht.
Was die Zahlen sagen – und was nicht
Die Radio-Bremen-Befragung lief vom 17. bis 23. September 2026. Die Teilnehmenden waren zwischen 15 und 91 Jahre alt, im Durchschnitt knapp 58. 2.335 kamen aus Bremen, 105 aus Bremerhaven und 424 aus dem Umland; 88 machten dazu keine Angabe.
| Geschlecht | Anzahl |
|---|---|
| Männlich | 1.532 |
| Weiblich | 1.299 |
| Divers | 26 |
| Keine Angabe | 95 |
Die Befragung erfasste nicht, ob die Teilnehmenden ursprünglich aus Ost- oder Westdeutschland stammen. Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf die teilnehmenden Radio-Bremen-Meinungsmelder. Weil die Online-Teilnahme freiwillig war, sind sie nicht repräsentativ für die Bevölkerung in Bremen, Bremerhaven und Umgebung.
Eine weitere Radio-Bremen-Geschichte beschäftigt sich damit, wie Bremer bereits 1984 zur Wiedervereinigung standen. Daneben zeigt eine Umfrage von infratest dimap, wie Deutschland 35 Jahre nach der Wiedervereinigung auf die Einheit blickt: 61 Prozent der 1.306 befragten Wahlberechtigten sind mit dem Stand der Einheit sehr zufrieden oder zufrieden, 34 Prozent weniger oder gar nicht zufrieden.
Im Westen äußern sich 64 Prozent zufrieden und 31 Prozent unzufrieden. Im Osten liegt das Verhältnis bei 50 zu 46 Prozent. Als wichtigste positive Folgen nennen 29 Prozent den Wegfall von Mauern und Grenzen, Reisefreiheit und Familienzusammenführungen. Für 22 Prozent stehen die Wiederherstellung eines gemeinsamen Landes und Volkes im Vordergrund. 17 Prozent nennen Demokratie und politische Freiheitsrechte – dieser Punkt wird überdurchschnittlich häufig im Osten genannt. Wirtschaftlicher Aufschwung sowie modernisierte Städte und Infrastruktur kommen auf 11 Prozent.
Offen bleibt für 25 Prozent vor allem ein vergleichbarer Wohlstand zwischen Ost und West; im Osten sagen das 38 Prozent. 17 Prozent vermissen ein besseres gegenseitiges Verständnis, darunter 21 Prozent im Osten und 16 Prozent im Westen. Dazu gehört teilweise auch die stärkere Anerkennung ostdeutscher Biografien.
Die Unterschiede bei Einkommen, Renten und Vermögen sind weiterhin greifbar: Das durchschnittliche Nettovermögen liegt in Ostdeutschland bei 151.000 Euro, in Westdeutschland bei 360.000 Euro. Mit der Arbeit der Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD sind 74 Prozent im Westen und 84 Prozent im Osten unzufrieden.
Auch beim Funktionieren der Demokratie kippt die Stimmung. 42 Prozent sind zufrieden, 56 Prozent unzufrieden. Laut infratest dimap waren die Werte seit Beginn der regelmäßigen Befragung 1998 noch nie so schlecht. Im Westen äußern sich 53 Prozent unzufrieden, im Osten 67 Prozent.
Warum wirtschaftliche Unterschiede bleiben
Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung liegt die Produktivität Ostdeutschlands noch immer mehr als 20 Prozent unter dem westdeutschen Niveau. Der Ökonom Ufuk Akcigit untersucht gemeinsam mit Forschenden des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), wie DDR-Wirtschaftsstrukturen, die Privatisierung durch die Treuhandanstalt und die spätere Unternehmensentwicklung diese Lücke geprägt haben.
Die Forschenden arbeiten mit digitalisierten DDR-Unternehmensdaten, Treuhandverträgen sowie Daten zu Unternehmen, Produkten und Eigentumsverhältnissen nach 1990. Sie betrachten drei Phasen: die Planwirtschaft der DDR, die Privatisierung staatseigener Betriebe durch die Treuhandanstalt und die Entwicklung der Unternehmen im wiedervereinigten Deutschland.
Politische und wirtschaftliche Institutionen wurden nach der Wiedervereinigung schnell verändert. Wettbewerbsfähige Unternehmen, Technologien, Managementwissen, Zuliefernetzwerke und Innovationssysteme entstehen dagegen nicht über Nacht – dafür braucht es Jahrzehnte. Produktive DDR-Betriebe konnten nur begrenzt wachsen, unproduktive Unternehmen mussten selten schließen, und die Anreize für Innovation waren schwach.
In Marktwirtschaften sorgt „schöpferische Zerstörung“ dafür, dass neue und produktive Unternehmen wachsen, während weniger produktive schrumpfen oder verschwinden. In der DDR waren Gründungen und Schließungen, Arbeitsplatzverlagerungen und das Wachstum junger Firmen deutlich seltener. Übertraf ein Betrieb sein Produktionsziel, erhöhten die Behörden anschließend häufig die Vorgaben. Dieser Sperrklinken- oder Ratchet-Effekt bremste den Anreiz zur Produktivitätssteigerung bis in die 1980er-Jahre erheblich.
Der DDR fehlten nicht grundsätzlich qualifizierte Arbeitskräfte oder Forschung. Das Planungssystem verhinderte jedoch, dass Wissen und technisches Können ausreichend in wettbewerbsfähige Unternehmen und kommerzielle Innovationen umgesetzt wurden. Modellrechnungen zufolge hätte das jährliche Produktivitätswachstum in Planwirtschaften um etwa 1,8 Prozentpunkte höher liegen können, wenn Unternehmen stärker auf Produktivitätsunterschiede hätten reagieren können.
Nach 1990 erschwerten Maßnahmen zur Sicherung von Beschäftigung den Wechsel von Arbeitskräften und Kapital zu produktiveren Unternehmen. Qualifizierte Fachkräfte wanderten nach Westdeutschland ab, wodurch vor Ort weniger Wissen übertragen wurde. Forschung wurde schwächer in Patente und kommerzielle Innovationen umgesetzt; Unterschiede bei Unternehmenslandschaft, Humankapital, wirtschaftlichen Fähigkeiten und Innovationsnetzwerken kamen hinzu.
Treuhand, Arbeitsplätze und Technologietransfer
Die Treuhandanstalt dokumentierte mehr als 18.000 Beschäftigungszusagen. Unternehmen wurden damit verpflichtet, bestimmte Arbeitsplatzzahlen zu sichern oder zu schaffen. Kurzfristig war das messbar: Betr
