Erfurter Ringvorlesung untersucht Krieg und Frieden zwischen Europa, Gesellschaft und digitaler Kriegsführung
Am 29. Oktober 2026 beginnt in Erfurt eine neue öffentliche Ringvorlesung über „Krieg und Frieden“. Alle zwei Wochen, donnerstags von 18.15 bis 19.45 Uhr, geht es im Rathausfestsaal im Erfurter Rathaus, Fischmarkt 1, um eine Frage, die selten weit weg wirkt: Wie lässt sich friedliches Zusammenleben organisieren, wenn Konflikte eskalieren, Grenzen sich verschieben und digitale Technologien die Kriegsführung verändern?
Veranstaltet wird die Reihe im Wintersemester 2026/27 von den Erfurter Hochschulen und der Stadt Erfurt. Beteiligt sind die Universität Erfurt, die Fachhochschule Erfurt, die Health and Medical University Erfurt (HMU), die Internationale Berufsakademie (iba) und die IU Internationale Hochschule. Die Vorträge richten sich an Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Interessierten. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Auftakt mit internationaler Politik und Europa
Den Start übernimmt Prof. Dr. Sophia Hoffmann von der Universität Erfurt. Ihr Vortrag trägt den Titel „Krieg und Frieden verstehen: Internationale Politik und Europa im Wandel. Wie sicher ist unsere Gegenwart?“ Beginn ist um 18.15 Uhr. Im Anschluss sind Fragen, Austausch und Diskussion vorgesehen – also kein bloßes Zuhören und dann ab nach Hause.
Hoffmann ist Professorin für internationale Politik und Konfliktforschung. Sie spricht über Ursachen von Kriegen und Bedingungen für Frieden, über kriegerische Auseinandersetzungen und Friedensphasen, aktuelle politische Debatten sowie politikwissenschaftliche und historische Perspektiven. Auch besondere Entwicklungen in Deutschland und Europa kommen zur Sprache. Als klassische Einführung ist die Veranstaltung ausdrücklich nicht angelegt; die gesamte Ringvorlesung nähert sich dem Thema aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln.
Zu Hoffmanns Forschungsschwerpunkten gehören Nachrichtendienstforschung, internationale Flüchtlingspolitik, humanitäre Hilfe und Entwicklungspolitik. Feldforschungen in Syrien, Jordanien und dem Libanon führten sie zu den internationalen Beziehungen Westasiens und zu den Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in der Region. Vor ihrer Berufung an die Universität Erfurt im Oktober 2021 leitete sie am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin eine Forschungsgruppe zu deutsch-arabischen Geheimdienstbeziehungen, führte ein Postdoktorandenprojekt an der Universität Bremen durch und lehrte am Geneva Graduate Institute.
Promoviert hat Hoffmann an der School of Oriental and African Studies in London; weitere Abschlüsse erwarb sie an der London School of Economics sowie der University of Sussex. Sie ist Autorin des Buches „The Crisis before the Storm: Iraqi migrants in Syria“ (Syracuse University Press, 2016) und zahlreicher Fachartikel, unter anderem in „Security Dialogue“, „Intelligence and National Security“ und dem „International Journal of Middle East Studies“. Gefördert wurde ihre Forschung unter anderem durch das EU-COFUND-Programm, die VolkswagenStiftung und das Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Von Paarbeziehungen bis zur digitalen Kriegsführung
Die Ringvorlesung fragt, was Krieg und Frieden eigentlich bedeuten, wie Konflikte entstehen und verhindert werden können und welche Voraussetzungen eine friedliche Gesellschaft braucht. Auf dem Programm stehen außerdem die Spuren von Krieg und Frieden in Landschaften, die Auswirkungen von Konflikten in Paarbeziehungen, der Einfluss der Digitalisierung auf die Kriegsführung sowie das Verhältnis von Frieden und Freiheit in Europa.
Neben internationaler Politik geht es um Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Technik, Umwelt und Alltag. Referentinnen und Referenten aller fünf Erfurter Hochschulen bringen ihre jeweiligen Perspektiven ein. Die Termine und Themen stehen unter www.campus-erfurt.de/Ringvorlesung.
Ein praktischer Hinweis gehört dazu: Wegen eines defekten Fahrstuhls ist das Rathaus derzeit nicht barrierefrei erreichbar. Das ist für manche Besucherinnen und Besucher keine Nebensache, sondern entscheidet darüber, ob sie überhaupt in den Rathausfestsaal gelangen.
Was Friedens- und Konfliktforschung untersucht
Die Friedens- und Konfliktforschung ist eine politikwissenschaftliche Teildisziplin der Internationalen Beziehungen. Sie untersucht quantitativ und qualitativ innerstaatliche, zwischenstaatliche und transnationale bewaffnete Konflikte und Kriege. Zu ihren Methoden gehören Deskription und empirische Analyse. Das Forschungsfeld ist interdisziplinär und verbindet unter anderem Völkerrecht, Internationale Beziehungen, Sicherheitsstudien, politische Theorie und Philosophie.
Als Gründungsvater und theoretischer Vordenker gilt Johan Galtung. 1959 gründete er in Oslo das Peace Research Institute Oslo (PRIO), das als erstes Friedensforschungsinstitut Europas gilt. Im gleichen Zusammenhang erschien mit dem Journal of Peace Research das erste wissenschaftliche Fachjournal des Feldes.
In Deutschland entwickelte sich die Forschung vergleichsweise spät. 1968 gründeten Forschende verschiedener Disziplinen aus dem deutschsprachigen Raum die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung. Bundespräsident Gustav Heinemann setzte sich 1969 in seiner Antrittsrede für eine Stärkung des Forschungsfeldes ein. Im Herbst 1970 wurde die Institutionalisierung mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGF) offiziell vollzogen.
Danach entstanden zunächst außeruniversitäre Institute: die Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HFSK) in Frankfurt am Main und das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg (IFSH). Die Verankerung an deutschen Universitäten verlief langsamer. Anfang der 1970er-Jahre wurden am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin zwei Professuren eingerichtet: Innenpolitik und Friedensforschung sowie Internationale Politik und Friedensforschung.
2000 beschloss der Deutsche Bundestag die Förderung aus Bundesmitteln und gründete die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF). Sie erhielt ein Stiftungskapital von 25,56 Millionen Euro. Zu ihren Aufgaben gehören die allgemeine Förderung der Friedens- und Konfliktforschung, der Schutz ihrer politischen und finanziellen Unabhängigkeit sowie der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Politik. Zum Wintersemester 2002/03 wurde an der Universität Hamburg der erste eigenständige Masterstudiengang des Fachs eingerichtet.
Galtung unterschied zwischen negativem und positivem Frieden. Negativer Frieden meint die Abwesenheit von Krieg beziehungsweise direkter physischer Gewalt. Positiver Frieden geht darüber hinaus: Er umfasst zunehmende soziale Gerechtigkeit und eine gesamtgesellschaftliche Friedenskultur.
Wann wird aus Gewalt ein Krieg?
Der Begriff Krieg lässt sich wissenschaftlich quantitativ und qualitativ bestimmen. Eine verbreitete quantitative Definition stammt von J. David Singer und Melvin Small aus dem Projekt Correlates of War der University of Michigan. Sie verstehen Krieg als länger andauernde Gewaltanwendung mit erheblichen Opferzahlen; als Schwellenwert gelten mindestens 1.000 getötete Kombattanten pro Jahr.
Daran gibt es Kritik. Die Wahl des Schwellenwerts sei teilweise willkürlich, außerdem seien Opferzahlen wegen hoher Dunkelziffern und propagandistischer Verzerrungen nur begrenzt verlässlich.
Der ungarische Konfliktforscher István Kende definiert Krieg qualitativ anhand von drei Merkmalen. Erstens müssen mindestens zwei bewaffnete Streitkräfte beteiligt sein; auf mindestens einer Seite stehen reguläre staatliche Kräfte wie Militär, paramilitärische Einheiten oder Polizei. Zweitens brauchen beide Seiten ein Mindestmaß an zentraler Organisation der Kämpfenden und der Kampfhandlungen, etwa durch organisierte Verteidigung oder geplante Guerilla- und Partisanenoperationen. Drittens müssen die bewaffneten Operationen kontinuierlich und nicht nur vereinzelt oder spontan stattfinden; die Konfliktparteien verfolgen eine planmäßige Strategie.
Untersucht werden Eigenschaften internationaler und innerstaatlicher Konflikte, ihre notwendigen und hinreichenden Ursachen, ihr Verlauf, ihre Prävention, Lösung und Kosten. Konflikte können aus wahrgenommenen oder tatsächlich bestehenden Interessengegensätzen und Unzufriedenheit entstehen – etwa durch ethnische Diskriminierung, fehlende politische Beteiligung, ungleichen Ressourcenzugang oder kulturelle Unterdrückung.
Konstruktivistische und poststrukturalistische Ansätze betonen, dass solche Unzufriedenheiten teilweise durch Gewaltunternehmer oder extremistische Gruppen konstruiert werden. Andere Forschende sehen in jeder Gesellschaft genügend Spannungen; entscheidend für den Ausbruch seien dann die Gelegenheitsstrukturen potenzieller Rebellen. Dazu zählen schwache Staatlichkeit, interne oder externe Finanzierungsquellen, Rückzugsgebiete und gute Rekrutierungsmöglichkeiten. Paul Collier und Anke Hoeffler gehen davon aus, dass Bürgerkriege vor allem ausbrechen, wenn sie vielen oder wichtigen Akteuren Möglichkeiten zur Bereicherung bieten.
Zwischen- und innerstaatliche Konflikte können
