EU und Kanada schmieden eine Allianz für eine unsichere Welt
Kanada sucht die Nähe zur Europäischen Union. Heute, am 29. Oktober 2026, treffen sich die EU-Spitzen und Kanada zu einem zweitägigen Gipfel in Montréal, Québec. Der Ort ist nicht zufällig gewählt: Montréal ist europäisch, vor allem französisch geprägt – ein symbolischer Rahmen für eine Beziehung, die gerade neu sortiert wird.
Am 23. Oktober verhandelte Kanada über eine vertiefte Zusammenarbeit mit der EU. Im Raum steht ein Assoziierungsabkommen. Auch Australien und andere demokratische Staaten schauen genau hin. Hintergrund ist die Abkehr der US-Regierung unter Donald Trump von westlichen Partnern. Trumps Reaktion auf den Vorschlag einer kanadischen EU-Assoziierung: die Drohung mit neuen Zöllen.
Damit stellt sich eine ziemlich grundsätzliche Frage: Wird die EU angesichts internationaler Unruhen für demokratische Staaten wieder attraktiver? Erleben Demokratie, Frieden und freier Binnenhandel eine Renaissance – trotz interner Streitigkeiten und bürokratischer Ineffizienz? Oder wird Europa gerade deshalb als Ort von Stabilität und Sicherheit interessant, weil andernorts die Nerven blank liegen?
Ein Name, drei Vorstellungen
Seit dem Auftritt des kanadischen Premierministers Mark Carney im September vor dem EU-Parlament haben EU und Kanada ihre wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Beziehungen intensiviert. Am 16. September 2026 traf Carney außerdem mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zusammen. In ihrer Rede zur Lage der Union 2026 schlug von der Leyen vor, Kanada als erstes „assoziiertes Mitglied“ einzubinden, eine „Allianz für die Zukunft“ aufzubauen und einen gemeinsamen Raum für Wohlstand und wirtschaftliche Sicherheit zu schaffen.
Genau an dieser Wortwahl entzündet sich nun Streit. Von der Leyen hatte den Begriff „assoziiertes Mitglied“ verwendet, ohne die EU-Mitgliedstaaten vorher abzustimmen. Mehrere Staaten sind skeptisch, Deutschland will die Bezeichnung vollständig streichen. Kanada bevorzugt „Allianz für die Zukunft“. Keiner der beiden Begriffe ist in den EU-Verträgen vorgesehen. Das macht die Einordnung möglicher späterer Annäherungen – etwa von Ukraine oder Moldau – nicht gerade leichter.
Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber hält den Namensstreit für nebensächlich. Kanada sei Rohstoffmacht, Technologiepartner und sicherheitspolitischer Verbündeter. Gerade bei kritischen Rohstoffen könne das Land helfen, Europas Abhängigkeit von China zu verringern. Ferber setzt deshalb auf integrierte Lieferketten, erleichterte Investitionen und weniger Hindernisse für Unternehmen.
Als sogenannte Mittelmächte wollen EU und Kanada gemeinsam dem Druck der USA und Chinas begegnen. Seit Beginn der US-Handelskonflikte unter Donald Trump hat sich Kanada zu einem engen EU-Partner entwickelt. Das klingt nach großer Geopolitik, landet aber schnell bei sehr praktischen Fragen: Wer liefert was, unter welchen Regeln – und wie lange dauert es, bis ein Unternehmen eine Genehmigung bekommt?
U-Boote, Arktis und Löschflugzeuge
Bei den konkreten Kooperationsplänen besteht weitgehend Einigkeit. Kanada verfügt bereits über ein weitreichendes bilaterales Handelsabkommen mit der EU und hat Zugang zu Beschaffungsaufträgen des neuen EU-Verteidigungsfonds erhalten. Außerdem soll die kanadische Rüstungsindustrie in eine geplante Technologieallianz integriert werden.
Im Sommer wählte Kanada das deutsche Unternehmen ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) für den Bau von zwölf konventionellen U-Booten aus. Die Boote sollen auf deutscher Technologie basieren und gemeinsam mit Norwegen angeboten werden. Das milliardenschwere Projekt würde Kanada über Jahrzehnte an die deutsche Rüstungsindustrie binden.
Der sicherheitspolitische Hintergrund ist rauer geworden: Russland zeigt wachsende Präsenz in der Arktis, im Nordatlantik herrscht geopolitische Unsicherheit. Dazu kommen Trumps Drohung, Grönland zu annektieren, und seine Annäherung an Russland bei der künftigen Ausbeutung arktischer Rohstoffe. EU und Kanada wollen die Arktis nicht den USA und Russland überlassen. In einem Gipfelentwurf soll sie zu einem gemeinsamen „Vorzeigeprojekt“ werden.
Eine gemeinsame Gipfelerklärung sieht außerdem eine umfassende wirtschaftliche Vertiefung vor. Geplant sind der Abbau digitaler Handelsbarrieren, gemeinsame Unterstützung für die Ukraine und Investitionen in die Bekämpfung von Waldbränden. In diesem Zusammenhang wurde der Kauf von 50 kanadischen De-Havilland-Löschflugzeugen beschlossen. Zwischen U-Booten und Löschflugzeugen liegt ein ziemlicher Spagat – aber genau so breit ist die geplante Partnerschaft.
Rohstoffe, Energie und ein schwieriger Ukraine-Satz
Der Entwurf nennt geopolitische, handels-, energie-, technologie-, klima- und ressourcenbezogene Herausforderungen als Gründe für die engere Zusammenarbeit. EU und Kanada planen gemeinsame Investitionen in die Gewinnung kritischer Mineralien, stabilere Lieferketten und eine höhere Versorgungssicherheit. Vorräte kritischer Ressourcen sollen Marktschwankungen und geopolitische Auswirkungen abfedern. Dafür wollen beide Seiten Strategien und Standards angleichen und Branchen stärker miteinander vernetzen.
Im Energiebereich geht es um Flüssigerdgas, Wasserkraft, Solar- und Windenergie sowie Kernenergie. Eine Machbarkeitsstudie soll langfristige kanadische LNG-Exporte nach Europa prüfen. Das könnte Europas Abhängigkeit von US-Lieferungen senken – und damit möglicherweise einen neuen Konflikt mit der Trump-Regierung auslösen.
Der seit 2007 bestehende hochrangige Energiedialog umfasst Energiesicherheit, Energieeffizienz, erneuerbare Energien sowie Lieferketten für Wasserstoff, Flüssigerdgas, Kernbrennstoffe und nukleare Dienstleistungen. Kanada ist für die meisten Energierohstoffe Nettoexporteur in die EU. Das Land produziert konventionelles und unkonventionelles Öl, Erdgas, Wasserkraft und erneuerbare Energien.
Beim Thema Ukraine ist die Sache weniger glatt. EU-Staaten arbeiteten bis zuletzt an gemeinsamen Formulierungen zur finanziellen Unterstützung. Die EU strebt zusätzliche Beiträge Kanadas und Großbritanniens für Kiew an, weil das Finanzierungsdefizit der ukrainischen Regierung wächst. Der von der EU beschlossene 90-Milliarden-Euro-Kredit reicht nach ukrainischer Darstellung nicht aus; Präsident Wolodymyr Selenskyj beziffert den zusätzlichen Bedarf auf weitere 70 Milliarden Euro. In Italien und Frankreich sorgt die Finanzierung unter anderem für Kontroversen.
Politisch stehen EU und Kanada zur Ukraine gemeinsam. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 unterstützen beide das Land, sind Mitbegründer der G7-Plattform zur Koordinierung internationaler Geber und ist Kanada Partnerland bei den EU-Sanktionen gegen Russland. Kanadische Unternehmen beteiligen sich außerdem an der EU-Initiative „Solidaritätskorridore“, die ukrainische Exporte erleichtern soll.
Was längst miteinander verbunden ist
Das Fundament heißt CETA. Das Umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen trat im September 2017 vorläufig in Kraft. Bis 2024 waren 99 Prozent aller Zolltariflinien abgeschafft. Der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen stieg bis 2025 gegenüber 2016 um 80 Prozent und erreichte 2025 ein Volumen von 130 Milliarden Euro.
Die EU ist nach den USA Kanadas zweitgrößter Handelspartner und liegt vor China. Beide gehören weltweit zu den größten Händlern von Waren und Dienstleistungen. CETA beseitigt die meisten Zölle, verringert bürokratische Hürden, erleichtert Europäern die Arbeit in Kanada und gewährleistet EU-Unternehmen Zugang zum kanadischen Dienstleistungsmarkt. Wegen der Handelskonflikte mit den USA wollen beide Seiten nun trotzdem weitergehen.
Auch die Zusammenarbeit beim Klima ist nicht neu. EU und Kanada wollen bis 2050 klimaneutral werden und gemeinsam Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung bekämpfen. Die 2023 gegründete EU-Kanada-Grüne Allianz soll den Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaft beschleunigen. 2025 schloss sich Kanada der EU als Mitinitiator des Global Methane Pledge an. Ziel sind mindestens 30 Prozent weniger weltweite Methanemissionen bis 2030 gegenüber 2020.
Digital arbeiten beide seit 2023 in einer Partnerschaft zusammen, die auf einer gemeinsamen Vision einer am Menschen ausgerichteten digitalen Wirtschaft und Gesellschaft basiert. Auf der Liste stehen künstliche Intelligenz, sichere internationale Konnektivität, Cybersicherheit, Onlineplattformen, digitale Identität und digitale Kompetenzen. Derzeit verhandeln EU und Kanada über ein digitales Handelsabkommen.
Und dann ist da noch die Forschung. Seit 1996 kooperieren EU und Kanada formell in Forschung und Innovation, auf Grundlage eines Abkommens über wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit
