EU-Abgeordnete prüfen Amazons algorithmische Kontrolle in Logistikzentren
Am 28. Oktober 2026, einen Tag nach dem Ende einer zweitägigen Reise, steht bei Amazon wieder die Frage im Raum, wie viel Kontrolle ein Arbeitsplatz verträgt. Eine Delegation des Beschäftigungsausschusses des Europäischen Parlaments besuchte am 26. und 27. Oktober Logistikzentren in Dortmund, Mönchengladbach und Sosnowiec in Polen. Insgesamt arbeiten dort rund 5.000 Menschen. Acht EU-Abgeordnete wollten sich die Lager ansehen und mit Beschäftigten sowie Gewerkschaftsvertretern sprechen.
Anlass waren Vorwürfe, die bereits bei einer öffentlichen Anhörung am 28. Januar 2026 erhoben worden waren. Beschäftigte und Gewerkschafter berichteten von permanenter Leistungsmessung, algorithmischer Steuerung von Arbeitstempo und Aufgaben, knapp bemessenen Pausen, gesundheitlichen Belastungen und möglichen Nachteilen für Menschen, die sich gewerkschaftlich organisieren. Bei dieser Anhörung traten erstmals hochrangige Amazon-Vertreter vor dem Ausschuss auf; zuvor hatte das Unternehmen die Teilnahme wiederholt verweigert.
Kontrolle per Kamera, Karte und Handscanner
In den besuchten Lagern, so schilderten es Beschäftigte, entsteht der Leistungsdruck nicht nur durch Vorgesetzte. Sicherheitskameras, Zugangskarten-Scans und fortlaufend registrierende Handscanner liefern Daten über Bewegungen und Arbeitsschritte. KI-gestützte und algorithmische Systeme werten diese Informationen aus. Die Folge, berichten Arbeitnehmer, seien erheblicher psychischer und körperlicher Druck sowie ein Arbeitstempo, das kaum Luft lässt.
Algorithmisches Management bedeutet in diesem Zusammenhang Software, die Aufgaben, das Arbeitstempo und mögliche Pausenzeiten festlegt. Wie genau die Leistungsdaten erhoben und verarbeitet werden, bleibe für die Beschäftigten oft unklar. Und wer schneller arbeitet, kann offenbar rasch mit höheren Zielvorgaben konfrontiert sein. Ein kleiner digitaler Sprung – und schon läuft die nächste Runde schneller.
Eine Umfrage von UNI Europa aus dem Jahr 2023 zeigt, wie verbreitet die Belastung sein könnte: Etwa die Hälfte der befragten Amazon-Beschäftigten berichtete von negativen Auswirkungen der Überwachung auf die psychische oder körperliche Gesundheit. Die Gewerkschaftsfunktionärin Agata Wypiór von Solidarność sagte, der permanente Bewertungsdruck sei für viele Beschäftigte psychisch kaum zu bewältigen.
Eine Gewerkschaftspetition kritisiert außerdem, dass algorithmische Bewertungssysteme technische Ausfälle, Gerätefehler und Lieferverzögerungen nicht angemessen berücksichtigten. Die Verantwortung dafür werde stattdessen den Beschäftigten zugerechnet. Delegationsleiterin Li Andersson von Die Linke beschrieb die Arbeitsorganisation als digitales Überwachungssystem mit intransparenten Leistungszielen. Sie berichtete zudem von Druck und Entlassungen gegenüber Gewerkschaftsmitgliedern und Streikenden.
Streit um Gesundheit und Tarifverträge
Oliver Roethig von UNI Europa verwies auf überdurchschnittlich hohe Krankheitsraten bei Amazon. Auf krankheitsbedingte Fehlzeiten reagiere das Unternehmen mit Einschüchterung und Sanktionen, erklärte er. Beschäftigte berichteten zudem, das Management habe Tarifverhandlungen wiederholt verweigert. Abgeordnete bezeichneten die geschilderte Überwachung als systematisch und forderten Tarifverhandlungen.
Estelle Ceulemans aus der Fraktion S&D verlangte wegen der Produktivitätsziele verbindliche EU-Vorgaben und ein Gesetz für hochwertige Arbeitsplätze. Die EU-Kommission will im Dezember einen entsprechenden Gesetzesvorschlag vorlegen. Unter dem Namen „Quality Jobs Act“ bereitet sie eine mögliche Regulierung solcher Systeme vor. Arbeitnehmervertreter fordern darin Schutzmaßnahmen gegen algorithmische Arbeitssteuerung und gegen Digitalisierungsrisiken für soziale Sicherungssysteme.
Amazon weist die Vorwürfe zurück. Sprecherin Natalia Yakimiuk hatte die Behauptungen zur Arbeitsplatzüberwachung bereits bei der Anhörung am 28. Januar zurückgewiesen. Das Unternehmen bezeichnet seine Lager als sichere, moderne Arbeitsplätze mit wettbewerbsfähiger Bezahlung und Investitionen in Sicherheitstechnik. Außerdem kündigte Amazon an, 2027 mehr als 16 Milliarden Euro in Deutschland investieren zu wollen.
Polen, Saisonkräfte und ein langer Konflikt
In Polen zahlt Amazon seit dem 1. Oktober Monatsgehälter von 6.472 bis 8.404 Złoty brutto, darin enthalten ist eine Anwesenheitsprämie von 15 Prozent. Für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft plant das Unternehmen dort den Einsatz von mehr als 10.000 Saisonkräften. In den Hallen wird es dann voraussichtlich noch voller, lauter und hektischer – gerade in jener Zeit, in der jedes Paket möglichst schnell weiter soll.
Der Konflikt zwischen dem Europäischen Parlament und Amazon zieht sich seit mehreren Jahren. Er umfasst Auseinandersetzungen über Arbeitsbedingungen während der Pandemie und die wiederholte Nichtteilnahme von Unternehmensvertretern an parlamentarischen Anhörungen. Am 27. Februar 2024 entzog das Parlament Amazon-Lobbyisten die Zugangsausweise. Seit Anfang 2026 läuft ein Verfahren zur Wiederherstellung der Akkreditierung.
Auch außerhalb Deutschlands und Polens wächst der Druck. Die italienische Datenschutzbehörde untersagte Amazon im Februar 2026 per Eilanordnung, bestimmte Daten von mehr als 1.800 Beschäftigten im Lager Passo Corese zu verarbeiten. Betroffen waren unter anderem Angaben zu Krankheiten und gewerkschaftlicher Zugehörigkeit. Der Eingriff gilt allerdings nur für den Standort in Italien und lässt sich laut dem zugrunde liegenden Artikel nicht unmittelbar auf Deutschland oder Polen übertragen.
Was aus den Besuchen werden soll
Im Europäischen Parlament läuft parallel ein Verfahren zu künstlicher Intelligenz und algorithmischem Management am Arbeitsplatz. Die Ergebnisse der Besuche in Dortmund, Mönchengladbach und Sosnowiec sollen in die europäische Debatte über die Regulierung algorithmischer Systeme einfließen. Für den 27. November 2026 planen Gewerkschaften weltweite Proteste unter dem Motto „Make Amazon Pay“.
Als Hintergrundquelle wurde außerdem ein Dokument des Deutschen Bundestages herangezogen. Der bereitgestellte Inhalt besteht aus binären PDF-Daten und komprimierten Datenströmen; ein lesbarer Nachrichtenartikel oder überprüfbare Fakten sind daraus nicht erkennbar.
Quelle 1: Borncity
Quelle 2: Berliner Zeitung
Quelle 3: Deutscher Bundestag
