Münster eröffnet Deutschlands erste islamisch-theologische Fakultät
Am 24. September 2026 ist an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die erste islamisch-theologische Fakultät Deutschlands eröffnet worden. Der Festakt fand im Universitätsschloss statt. Rektor Johannes Wessels sprach von einem langen Weg, geprägt von komplizierten Gesprächen – und von großer Einmütigkeit am Ende.
Die neue Fakultät soll gemeinsam mit der katholischen und der evangelischen theologischen Fakultät das Profil der Universität prägen. Zugleich ist sie als Zentrum für interreligiösen Austausch gedacht. Zur Eröffnung kamen Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und verschiedenen Religionen, darunter die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan, NRW-Staatsministerin Gonca Türkeli-Dehnert, der Rabbiner Gábor Lengyel, Münsters Bischof Heiner Wilmer und die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Adelheid Ruck-Schröder.
„Islamische Theologie mit und für Europa“
Gründungsdekan ist Mouhanad Khorchide. Er ist seit 2010 Professor für islamische Religionspädagogik und leitet bislang das Zentrum für Islamische Theologie in Münster. Die neue Fakultät, sagte Khorchide, solle eine „islamische Theologie mit und für Europa“ entwickeln.
Eine Fakultät sei keine Kanzel, betonte er. Predigten gehörten in die Moschee; an der Universität müsse wissenschaftlich und frei geforscht werden. Islamische Theologie müsse ergebnisoffen, rational und gesellschaftlich verantwortlich arbeiten. Khorchide forderte außerdem, der Islam müsse seine Opferrolle ablegen und eigene Beiträge zu gesellschaftlichen Herausforderungen formulieren.
Seine Worte hatten auch eine persönliche Seite. Khorchide berichtete, wiederholt Morddrohungen erhalten zu haben. In einer polarisierten Gesellschaft dürfe islamische Theologie trotzdem nicht zur Interessenvertretung werden, sondern müsse Mitgestaltung leisten – angesichts von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit auch als Brückenbauer.
Dass islamische Verbände bislang nicht an die Fakultät heranträten, um Imame ausbilden zu lassen, kritisierte der Gründungsdekan. Der Islam in Deutschland sei weiterhin vor allem nach nationalen und sprachlichen Gruppen aufgeteilt: arabisch, türkisch, albanisch oder pakistanisch. Nötig sei ein deutsches und europäisches muslimisches Selbstverständnis. Khorchide fragte nach Moscheegemeinden, die Muslimen mit Lebensmittelpunkt in Deutschland Heimat bieten könnten. Den Verbänden wolle die Fakultät dennoch offen begegnen. Der Islam könne, so seine Aussage, eine gesellschaftliche Ressource sein.
Mehr Rechte, mehr Verantwortung
Im Unterschied zum bisherigen Zentrum kann die Fakultät eigene Ordnungen und Studiengänge einrichten, Prüfungen abnehmen sowie Promotionen und Habilitationen durchführen. Ab dem Wintersemester 2026/27 sollen acht Professorinnen und Professoren in Münster lehren.
Zusammen mit den katholischen, evangelischen und weiteren religionswissenschaftlichen Einrichtungen soll ein „Campus der Theologie“ entstehen. Geplant ist außerdem eine gemeinsame Bibliothek mit rund 600.000 Beständen. Das klingt nach viel Papier, ist aber auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass islamische Theologie nun institutionell an einer staatlichen Universität verankert ist.
Der Rabbiner Gábor Lengyel wandte sich als Holocaust-Überlebender und ehemaliger israelischer Soldat direkt an Khorchide. Er sagte ihm Unterstützung zu und bot sich den Studierenden als Gesprächspartner an. Lengyel wolle dazu beitragen, dass Judentum und Islam zu Stimmen für Versöhnung und Frieden werden – ohne Unterschiede zu beseitigen.
Bischof Heiner Wilmer überbrachte die Glückwünsche des Bistums Münster. Christliche, islamische und jüdische Theologie müssten wach, leidenssensibel und ethisch orientiert sein, erklärte er. Angesichts von Polarisierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit habe Theologie die Verantwortung, gemeinsam an gesellschaftlichen Herausforderungen zu arbeiten.
Adelheid Ruck-Schröder erinnerte an die Gründung der evangelischen Fakultät in Münster im Jahr 1919. Sie sollte den Protestanten in der katholisch geprägten Stadt eine Stimme geben. Eine vergleichbare Funktion könne die islamische Fakultät nun für Muslime übernehmen.
Ein Festakt mit Blick über Münster hinaus
Den Festvortrag hielt der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas. Er bezeichnete die Gründung als historisches Ereignis für die Wahrnehmung des Islam in Deutschland, für den interreligiösen Dialog und für den moralischen Universalismus. Joas warb für einen interreligiösen moralischen Universalismus, der das Wohl aller Menschen berücksichtigt, und warnte vor einer Rückkehr zu partikularistischen Positionen.
Die Eröffnung in Münster steht in einem größeren Zusammenhang. Die Bundesregierung startete 2010 eine Initiative zur Ausbildung von Imamen und Lehrkräften für islamischen Religionsunterricht an deutschen Universitäten. Ein Forschungsprojekt der Universität Münster untersucht seither die Entstehung islamisch-religiösen Expertentums und die Professionalisierung der islamischen Theologie in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen Zentren für islamische Theologie an staatlichen Universitäten.
Die auf zwei Jahre angelegte Implementationsstudie prüft, ob die Instrumente zur Ausbildung islamischer Religionslehrkräfte und geistlichen Personals funktionieren und wie sich das institutionelle Verhältnis zwischen Universitäten und islamischen Verbänden entwickelt. Eine zentrale Frage lautet, ob sich das in Deutschland für christliche Kirchen geltende Verhältnis zwischen Staat und Religion auf den Islam übertragen lässt. Untersucht werden dafür mögliche Lösungsmodelle und ihre Erfolgsaussichten.
In die Untersuchung einbezogen werden die Zentren in Tübingen, Frankfurt am Main, Münster, Osnabrück, Gießen und Erlangen-Nürnberg. Das Forschungsdesign nimmt drei Perspektiven in den Blick: die Berufsprofile und institutionellen Grundlagen, die Beziehungen zwischen Universitäten und islamischen Verbänden sowie die Sicht der Studierenden.
Gefragt wird also nach der tatsächlichen Situation islamischer Theologie an den Universitäten, ihrer beruflichen und praktischen Ausrichtung und den Grundlagen der Einrichtungen. Ebenso analysiert die Studie die Beziehungen zu Verbänden, transnationalen Organisationen und ausländischen Religionsbehörden wie der türkischen Diyanet, die in Beiräten mit Mitspracherechten vertreten sind.
Bei den Studierenden geht es um Studienmotive, Berufsvorstellungen, Einschätzungen des Studiums und der Berufsaussichten sowie um mögliche Kontakte zu künftigen Arbeitgebern. Auch das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Freiheit und den religiösen Überzeugungen der Studierenden wird untersucht.
Eine wichtige Rolle spielen zudem die Beziehungen zwischen professionellen Theologen und Laien in den Verbänden. Für die Institutionenbildung können sie kooperativ oder konflikthaft sein. Methodisch basiert die Studie überwiegend auf qualitativer Forschung; ergänzt wird sie durch eine quantitative Online-Befragung der Studierenden an allen Standorten. In Münster beginnt derweil mit dem Wintersemester 2026/27 der Alltag einer Fakultät, die lange angekündigt war und nun eigene Regeln, Prüfungen und akademische Abschlüsse verantwortet.
