Michel Foucaults Panopticon im digitalen Zeitalter
Heute, am 22. Oktober 2026, wäre Michel Foucault 100 Jahre alt geworden. In Frankfurt erinnern Sozialphilosoph Martin Saar und Frieder Vogelmann mit ihrem Buch „Bedingungen unserer Existenz: Zur Aktualität Michel Foucaults“ an einen Denker, dessen Fragen erstaunlich nah an unserer Gegenwart liegen. Fake News, das „Postfaktische“, das Erstarken rechter und rechtsextremer Bewegungen, soziale Medien und die Frage, wer als „normal“ oder „abweichend“ gilt: Foucaults Begriffe wirken nicht wie abgelegte Seminarunterlagen.
Foucault starb am 25. Juni 1984 in Paris im Alter von 57 Jahren. Geboren wurde er am 15. Oktober 1926 in Poitiers, in eine Arztfamilie. Er studierte an der École normale supérieure in Paris, wurde 1970 an das Collège de France berufen und blieb dort bis zu seinem Tod Inhaber des Lehrstuhls für „Geschichte der Denksysteme“. Martin Saar ist seit 2017 Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt.
Wahrheit entsteht nicht im luftleeren Raum
Saar beschreibt Foucaults zentralen Ansatz als „Denken in Bedingungen“. Wissen, Wahrheit und gesellschaftliche Ordnungen entstehen demnach unter sozialen und politischen Voraussetzungen. In seinen Studien zu Psychiatrie, Psychologie und Gerichtsverfahren untersuchte Foucault, wie Institutionen Wissen hervorbringen – und wie Machtverhältnisse in dieses Wissen eingehen.
Lügen und Manipulation, sagt Saar, seien nichts grundsätzlich Neues. Foucault habe aber gezeigt, dass Wissen und Wahrheit nicht unabhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen existieren. Deshalb wandte er sich auch gegen den Begriff „Ideologie“: Er lege nahe, hinter einer Täuschung gebe es eine unverfälschte, eigentliche Wahrheit. Genau diese klare Trennlinie wollte Foucault nicht stehen lassen.
Der französische Philosoph und Historiker analysierte das Verhältnis von Macht, Wissen, Institutionen und modernem Subjekt. Irrenanstalten, Kliniken, Gefängnisse und wissenschaftliche Disziplinen, so seine Perspektive, kategorisieren Menschen nicht nur. Sie formen und kontrollieren sie auch. „Diskurs“ bezeichnet dabei ein Ensemble aus Praktiken, Institutionen, Begriffen und Aussagen, das festlegt, was an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit gesagt werden kann.
In „Die Ordnung der Dinge“ von 1966 nannte Foucault das weitgehend unbewusste Regelwerk einer Epoche „Episteme“. Sie bestimmt, was als Wissen gilt, was gedacht werden kann und welche Fragen überhaupt gestellt werden. Renaissance, Klassik und Moderne verfügten demnach über unterschiedliche Epistemen. Der „Mensch“ als zentrales Objekt und Subjekt des Wissens sei eine relativ junge historische Konstruktion – und könne wieder verschwinden.
Von der Klinik bis zum Panopticon
„Wahnsinn und Gesellschaft“ von 1961 untersucht, wie „Wahnsinn“ von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert als medizinische und moralische Kategorie entstand. Die seit dem 17. Jahrhundert zunehmende Unterbringung psychisch Kranker deutete Foucault nicht ausschließlich als humanitären Fortschritt. Sie habe auch abweichende Stimmen zum Schweigen gebracht und „Unvernunft“ als Krankheit definiert. Die Interpretation war einflussreich, blieb aber umstritten.
In „Die Geburt der Klinik“ von 1963 beschrieb Foucault die Entstehung des „klinischen Blicks“ im späten 18. Jahrhundert. Der Körper wurde zunehmend als lesbare Oberfläche medizinischer Untersuchung behandelt; dadurch veränderten sich die Beziehungen zwischen Arzt, Patient und Krankheit. Seine eigene Ausbildung zum Psychologen, ein Diplom in Psychopathologie und die kurze Arbeit in psychiatrischen Kliniken flossen in die Untersuchung der Geschichte des Wahnsinns ein.
„Archäologie des Wissens“ von 1969 legte die Methode seiner frühen Arbeiten offen. Diskurse sollten als Systeme von Aussagen beschrieben werden, geprägt durch institutionelle, historische und politische Bedingungen – nicht anhand verborgener Bedeutungen oder Absichten interpretiert. Die Archäologie fragt nach den Regeln und Epistemen einer Zeit und ist eher synchron ausgerichtet.
Mit „Überwachen und Strafen“ von 1975 wandte sich Foucault stärker der genealogischen Methode zu. Er verglich eine öffentliche Hinrichtung von 1757 mit dem detaillierten Tagesablauf eines Gefängnisses rund 80 Jahre später. Moderne Disziplinarmacht entsteht in dieser Darstellung durch Überwachung, Klassifikation und Normalisierung. Kontrolle funktioniert zunehmend nicht durch spektakuläre Gewalt, sondern durch dauerhafte Verhaltensbeobachtung.
Das Panopticon des englischen Philosophen Jeremy Bentham diente ihm als Modell: Ein zentraler Turm kann alle Zellen einsehen. Schon die Möglichkeit ständiger Beobachtung kann Selbstdisziplin erzeugen, auch wenn tatsächlich niemand zusieht. Dass diese Idee im Zeitalter digitaler Überwachung wieder so anschlussfähig ist, hätte Foucault vermutlich nicht kaltgelassen.
Seine genealogische Methode, beeinflusst von Friedrich Nietzsche, untersucht zufällige, konfliktreiche und teilweise gewaltsame Prozesse, durch die heutige Wahrheiten und Identitäten entstanden sind. Anders als die Archäologie ist sie diachron und konzentriert sich auf historische Auseinandersetzungen. Canguilhems Wissenschaftsgeschichte hatte Foucault gezeigt, dass wissenschaftliche Begriffe innerhalb historischer und institutioneller Rahmen entstehen und sich verändern. Nietzsche prägte ihn mit der These, Wahrheit sei nicht neutral und Erkenntnis mit Interessen, Kräften und Macht verbunden.
Social Media, Identität und die AfD
Zu Instagram und den neuen Formen der Wissensverbreitung hätte Foucault laut Saar wahrscheinlich einen kritischen Blick entwickelt. Interessiert hätte er sich vermutlich nicht nur für die Plattformen selbst, sondern vor allem für ihre Machteffekte: für ihren Einfluss auf Selbstbilder und auf die Bereitschaft, soziale Normen zu übernehmen. Der tägliche Griff zum Handy wäre bei ihm wohl weniger eine Nebensache als ein kleines Labor der Selbstformung gewesen.
Identität ist nach Foucault nicht natürlich oder unveränderlich. Zwischen Klassifikation, Identifizierung und Herrschaft besteht ein enger Zusammenhang. Gesellschaften machen Menschen beherrschbar, indem sie sie einteilen, bewerten und abwerten. So entstehen als „legitim“ oder „normal“ geltende Subjekte, aber auch Menschen, die als „unnormal“, „krank“ oder „gefährlich“ markiert werden.
Foucault stand politisch links und setzte sich für gesellschaftliche Emanzipation ein. In den 1970er-Jahren engagierte er sich unter anderem für die Rechte von Gefangenen und war Gesprächspartner der Anti-Psychiatrie-Bewegung. 1971 gründete er die Groupe d’Information sur les Prisons mit, die Gefangenen eine eigene Stimme in Debatten über das Strafsystem geben sollte. Wissenschaftliche Arbeit und politisches Engagement gehörten für ihn eng zusammen.
Faschismus behandelte Foucault als historisches Phänomen und gesellschaftliche Gefahr. In einem Vorwort zu einem Buch von Gilles Deleuze und Félix Guattari plädierte er für ein „nicht-faschistisches Leben“. Zu den politischen Entwicklungen seiner eigenen Gegenwart äußerte er sich allerdings nur begrenzt. Saar und Vogelmann übertragen seine Analysen deshalb auf heutige rechtsextreme Bewegungen und die AfD.
Die Grundlage dafür bilden vor allem Foucaults Vorlesungen aus den späten 1970er-Jahren über Liberalismus und Neoliberalismus. Den ökonomisch ausgerichteten Liberalismus beschrieb er als dominante „Regierungsrationalität“. Saar und Vogelmann verbinden diese Analyse mit heutigen faschistischen oder faschisierenden Bewegungen: Prekarisierung und Unsicherheit machten moderne Individuen empfänglicher für faschistische Ansprachen und ideologische Angebote.
Gouvernementalität bezeichnet bei Foucault, wie moderne liberale Staaten Bedingungen schaffen, unter denen Menschen sich selbst regieren. So entstehen scheinbar freie Subjekte, deren Verhalten dennoch mit politischen und wirtschaftlichen Zielen vereinbar ist. Die Analyse der Bio-Macht erweitert den Blick vom einzelnen Körper auf ganze Bevölkerungen: auf Geburtenraten, Sterblichkeit, öffentliche Gesundheit und Fortpflanzung. Disziplinarmacht richtet sich auf den individuellen Körper, Biopolitik auf die Bevölkerung als biologische Größe.
Keine fertige Lösung aus dem Philosophenbüro
Foucault verstand Philosophie und Theorie nicht als direkte Lieferanten politischer Lösungen. Er untersuchte vielmehr, wie Gesellschaften in verschiedenen Epochen wissenschaftliche Fortschritte oder politische Programme als Lösung betrachteten. Auch emanzipatorische Bewegungen und progressive Ideale könnten eigene Formen der Repression hervorbringen.
Seine Kritik am Marxismus und am sowjetischen Sozialismus zielte darauf, dass eine Doktrin der Befreiung autoritäre Folgen haben könne. Foucault teilte zwar das Interesse am
