Im Rahmen eines spannenden Projekts, das die digitale Edition von Gotthold Ephraim Lessings mystisch-philosophischen Dialogen zum Ziel hat, wird derzeit die historische Publikationsgeschichte des Werkes „Ernst und Falk – Gespräche für Freymäurer“ aufbereitet. Am 7. Mai 2026 wurde das Projekt „Lessing digital“ ins Leben gerufen, das sich auf die Manuskripte und deren komplexe schöpferische und gesellschaftliche Kontexte konzentriert. Die Kolleg:innen an der Herzog August Bibliothek und der Universität Göttingen bündeln ihre Kräfte, um einen historisch-kritisch konsolidierten Text zu präsentieren und dabei die vielseitigen Zensurmaßnahmen und Druckkontexte der damaligen Zeit zu berücksichtigen. Die Digitalisierungsarbeit ist auf eine Dauer von zweieinhalb Jahren angelegt und wird großzügig vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert.
Im Zentrum des Projekts steht die Erfassung und Analyse von „unique identifiers“ für Personen, Orte und Freimaurerbegriffe. Dies ermöglicht nicht nur eine detaillierte Verknüpfung analoger und digitaler Wissensressourcen, sondern auch die Schaffung eines umfassenden Registers, das für Forschende von großem Nutzen ist. Dabei werden auch die unterschiedlichen Überlieferungsvarianten berücksichtigt, um die Akteure und ihre Praktiken im Druckprozess nachzuvollziehen.
Einblicke in die Editionsarbeit
Besonders hervorzuheben sind die spezifischen editorischen Herausforderungen, denen sich die Forscher:innen stellen. Die Beurteilung der Abhängigkeit des Werkes im Kontext seines Veröffentlichungsprozesses wird mit Fragen zur Zensur und der Distribution verknüpft. Die digitale Visualisierung von Zensurspuren und Texteingriffen wird ebenso untersucht wie die detaillierte Analyse von Handschriften, die weitere Einblicke in die Entstehung des Werkes bieten. So untersucht man etwa das Manuskript der ersten drei Gespräche der Staatsbibliothek zu Berlin, in dem verschiedene Eingriffe dokumentiert sind. Diese Eingriffe reichen von Setzerzeichen bis zu Anmerkungen, die auf die aktive Rolle der Bibliothekare hinweisen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Projekts ist die Entwicklung eines eingriffsorientierten Editionstyps, der die Verknüpfung von textkritischer Editionsarbeit mit inhaltlich-praxeologischen Aspekten fördert. Hierbei steht nicht nur der Text selbst, sondern auch die Vielzahl der involvierten Akteure wie der Herausgeber Christian Friedrich von Knigge im Fokus. Knigge war maßgeblich an der Veröffentlichung des Fortsetzungsdrucks beteiligt, der die einzige Textgrundlage für das vierte und fünfte Gespräch darstellt. Diese umfassende Betrachtung bietet eine wertvolle Basis für die Forschung und lässt das literarische und gesellschaftliche Leben des 18. Jahrhunderts lebendig werden.
Die umfassende digitale Edition von Lessings Werkphase in Wolfenbüttel (1770-1781) wird am Ende dazu dienen, ein vollständiges und strukturiertes digitales Angebot zu schaffen, das nicht nur Lesefreude bereitet, sondern auch Fachleuten alle nötigen Informationen bereitstellt. Die standardisierten Datenformate für Vernetzungen haben bereits jetzt das Potential, die wissenschaftliche Landschaft nachhaltig zu beeinflussen.
Das „Lessing digital“-Projekt bietet nicht nur einen tiefen Einblick in die Publikationsgeschichte eines der einflussreichsten Werke der Aufklärung, sondern hebt auch hervor, wie veränderlich und dynamisch der Prozess der Textproduktion war. Der stetige Austausch zwischen verschiedenen akademischen Institutionen, darunter die Freie Universität Berlin und die Universität Bielefeld, sorgt dafür, dass aus verschiedenen Perspektiven geforscht und diskutiert wird.