ENLIGHT-Konferenz in Bern: Wie Studierende mit realen Problemen für Europas Zukunft lernen
Vom 22. bis 24. Oktober 2026 war die Universität Bern Gastgeberin der jährlichen ENLIGHT Teaching and Learning Conference. Rund 250 Studierende, Dozierende und Hochschuldidaktiker:innen aus zehn europäischen Universitäten kamen dafür in die Schweiz. Das Thema: «Context and Learning».
Gemeint ist Lernen, das Wissen und Fähigkeiten in reale oder bedeutungsvolle Zusammenhänge stellt. Theoretische Inhalte sollen mit den Lebenswelten und persönlichen Interessen der Lernenden verbunden werden – mit gesellschaftlichen Themen, anderen Fächern und späteren Arbeitsfeldern. Das klingt zunächst selbstverständlich, ist im Hochschulalltag aber oft ein ziemlicher Spagat.
Lernen, das nach draußen führt
Im Mittelpunkt standen praxisnahe, inter- und transdisziplinäre Lernansätze sowie die Verbindung von Studium und beruflicher Praxis. Die Konferenz nahm dabei vier Bereiche in den Blick: Methoden wie problemorientiertes und herausforderungsbasiertes Lernen, innovative physische Lehr- und Lernräume, fachbezogene Kontexte zwischen Disziplinen sowie Arbeitskontexte mit realen Aufgaben, Berufen und externen Partnern.
Auch wissenschaftliche Kompetenzen spielten eine Rolle. Zahlreiche Projekte zeigten, wie Studierende nicht bloß Wissen aufnehmen, sondern selbst an Fragestellungen arbeiten. An der Universität Gent entwickeln sie unter anderem ein umweltfreundliches Segelboot oder ein selbstfahrendes elektrisches Rennauto. Im «Practical Statistical Training» der Universität Göttingen sitzen sie dagegen vor unvollständigen und unübersichtlichen realen Daten – «Messy Data» eben. Studiendesign und der Umgang mit fehlenden Daten gehören dort ausdrücklich dazu.
Workshops, Showcase-Sessions und Campfire-Sessions boten Raum für den Austausch. Ein Workshop dauerte 90 Minuten und war auf höchstens 25 Teilnehmende begrenzt; gefragt waren aktive Zusammenarbeit, Ideenentwicklung, die gemeinsame Gestaltung von Lehrangeboten oder «Critical Friends»-Formate. Die 60-minütigen Showcase-Sessions kombinierten drei Kurzpräsentationen mit Frage- und Diskussionsrunden zu innovativen, übertragbaren Lehransätzen.
Das Programm sollte eine ausgewogene Beteiligung und vielfältige Perspektiven aus dem Netzwerk sichern. Eingeladen waren Lehrende, hochschuldidaktische Entwicklerinnen und Entwickler sowie Studierende aller zehn ENLIGHT-Universitäten. Beiträge konnten bis zum 31. März 2026 über ein bereitgestelltes Formular eingereicht werden. Ein bisschen Konferenzküche, ein bisschen Werkstatt – und hoffentlich weniger Frontalvortrag als früher.
Ein Preis für globale Fragen
Der ENLIGHT Teaching & Learning Award 2026 ging an den Kurs «Environment, Health, and Climate Change» der Universität Uppsala. Beteiligt sind Lehrpersonen der Universitäten Tartu in Estland und Groningen in den Niederlanden. Der Kurs verbindet globale Herausforderungen mit Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg. Studierende sollen nicht nur Wissen erwerben, sondern kritisch denken und an der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft mitwirken.
Alle zehn Universitäten hatten zuvor einen Kurs eingereicht. Die Jury bestand aus je einer Studentin oder einem Studenten jeder ENLIGHT-Universität. Ausgezeichnet werden innovative Unterrichtspraktiken und besonderes Engagement in der Ausbildung. Zu den Kriterien gehören transdisziplinäre Zusammenarbeit, forschungsorientierte Lehre, internationale und interkulturelle Lernumgebungen, reale gesellschaftliche Herausforderungen, neue Formen studentischer Beteiligung und die Übertragbarkeit innerhalb des ENLIGHT-Netzwerks.
Ausgeschrieben hatte den Preis das ENLIGHT-Team der Universität Göttingen. Lehrende aus Göttingen konnten ihre Unterlagen bis zum 30. April 2026 per E-Mail an enlight@uni-goettingen.de senden; nach einer internen Auswahl erhielten alle Bewerberinnen und Bewerber im Mai 2026 eine Rückmeldung. Kontaktstelle ist das ENLIGHT Team der Abteilung Göttingen International, Von-Siebold-Str. 2, 37075 Göttingen.
Neben dem Lehrpreis wurden Projekte in den Bereichen Nachhaltigkeit, Diversität und Inklusion ausgezeichnet. In der Kategorie «Diversity & Inclusion» gewann die Berner Initiative CLASH, das «Collectif de Lutte contre les Attitudes Sexistes en milieu Hospitalier». Am Berner Institut für Hausarztmedizin betreibt CLASH eine anonyme Meldeplattform gegen Sexismus, organisiert Sensibilisierungsschulungen und setzt sich für Zivilcourage bei sexistischen Äusserungen ein. Bereits 2023 erhielt die Initiative den Chancengleichheitspreis Prix Lux.
Ein knapp zwei Meter hoher Leuchtturm am Veranstaltungsort nahm das ENLIGHT-Logo auf. Er stand für Vernetzung und die Ausstrahlung guter Lehre – ein ziemlich großes Zeichen für ein Netzwerk, das sonst oft in Sitzungsräumen und digitalen Kalendern verschwindet.
Europa als gemeinsamer Lernraum
ENLIGHT umfasst zehn forschungsintensive Volluniversitäten: Gent, Göttingen, Tartu, Bordeaux, Galway, Groningen, Uppsala, Bratislava, Baskenland und Bern. Zusammen kommen sie auf rund 350’000 Studierende, 75’000 Mitarbeitende und mehr als eine Million Alumni. Die Universität Bern ist seit Dezember 2022 assoziiertes Mitglied; ihre Mitgliedschaft wird finanziell von Movetia unterstützt.
Die Allianz arbeitet an internationalen Austauschformen in Forschung und Lehre. Gesundheit, Digitalisierung, Klimawandel, Energie, gesellschaftliche Gerechtigkeit sowie Kultur und Kreativität gehören zu den Themenfeldern. Langfristig geht es um gemeinsame Wissensentwicklung, erleichterte Mobilität und einen europaweiten Campus mit gemeinsamen Curricula und Abschlüssen.
Fritz Sager, Vizerektor Lehre der Universität Bern, betonte den Austausch als zentrales Ziel der Konferenz. Die Teaching and Learning Conference findet jährlich an einer anderen ENLIGHT-Universität statt und widmet sich innovativen, studierendenzentrierten sowie forschungsorientierten Lehr- und Lernansätzen.
Die nächste Runde beginnt nicht erst am Eröffnungstag: Das Göttinger ENLIGHT-Team hatte den Award bereits vor der Konferenz ausgeschrieben. Jede ENLIGHT-Universität konnte einen Kurs nominieren. Die Universität Bern lud die Community zugleich ein, das Programm mitzugestalten – mit Methoden, Räumen, Fachperspektiven und Arbeitsbezügen, die im besten Fall über den eigenen Campus hinaus funktionieren.
Was interdisziplinäres Lernen leisten kann
Interdisziplinäres Lernen heißt mehr, als Fachleute nebeneinander an einen Tisch zu setzen. Informationen, Methoden, Perspektiven, Konzepte oder Theorien aus mindestens zwei Disziplinen werden verbunden, um Produkte zu entwickeln, Phänomene zu erklären oder Probleme zu lösen, die innerhalb eines einzelnen Fachs nicht bearbeitbar wären.
Psychologie, Ökonomie und Geografie könnten etwa Strategien gegen den Klimawandel entwickeln. Biologie, Erziehungswissenschaft und Politikwissenschaft könnten eine Kampagne zum Schutz der Artenvielfalt entwerfen. Soziologie, Erziehungswissenschaft und Theologie könnten gemeinsam ein Integrationsprojekt in einer Unterkunft für Geflüchtete umsetzen. Entscheidend ist, dass die verschiedenen Beiträge zu einem praktischen Produkt, einer Lösung oder einer neuen theoretischen Erkenntnis zusammenwachsen – mit gemeinsamem Ziel, gemeinsamem Arbeitsweg und einem Ergebnis, das ohne die anderen Disziplinen nicht entstanden wäre.
Studierende bringen dabei fachliche Gegenstände, Annahmen, Forschungsergebnisse, Methoden, Instrumente und Verfahren ihrer jeweiligen Disziplinen ein. Das erfüllt drei Aufgaben der Hochschullehre: Im akademischen Modus geht es um Wissen und Theorien, im Employability-Modus um Kommunikations-, Kooperations- und Innovationskompetenzen für die Arbeitswelt, im Modus der Verantwortung um kritische Gewissenhaftigkeit, Nachhaltigkeitsziele und persönliche Verantwortungsübernahme.
Im akademischen Modus entsteht ein ganzheitlicherer Blick auf wissenschaftliches Wissen. Studierende erhalten Einblicke in interdisziplinäre Forschung und Publikationstätigkeit, sammeln praktische Erfahrungen in gemischten Teams, kombinieren Forschungsmethoden verschiedener Einzelwissenschaften und entwickeln daraus neue, integrierte Erkenntnisse. Das steht auch mit der humboldtschen Einheit von Forschung und Lehre in Verbindung.
Für den Beruf bedeutet das: die Fachsprache anderer verstehen und die eigene verständlich machen, gemeinsame Ziele und Arbeitsweisen entwickeln, komplexe Projekte bearbeiten, die eigene Disziplin vertreten und Ideen tatsächlich umsetzen. Im Modus der Verantwortung rücken Klimawandel, Meeresverschmutzung, Migration, Unterernährung, Armut, Korruption, Geschlechterungleichheiten, menschenunwürdige Arbeit und globale Konflikte in den Blick. Solche Probleme sind zu verwoben, um sie von einer einzigen wissenschaftlichen Disziplin lösen zu lassen.
Für interdisziplinäre Kompetenzen werden drei Bereiche unterschieden: andere Disziplinen kennenlernen und verstehen, Perspektiven zusammenführen und die eigenen Denkweisen, Fachgrenzen sowie den gemeinsamen Prozess reflektieren. Eine Methode dafür heißt «Lieblingstheorien». In interdisziplinären
