Petra Broistedts Bilanz als Göttinger Oberbürgermeisterin: Wohnungsbau, Zusammenhalt und offene Baustellen
Am 31. Oktober 2026 endet Petra Broistedts Amtszeit als Göttinger Oberbürgermeisterin. Seit November 2021 steht die 62-jährige SPD-Politikerin an der Spitze der Stadt – als erste Frau in diesem Amt. Ihre Nachfolge übernimmt Onyeka Oshionwu. Heute, am 29. Oktober 2026, bleiben Broistedt noch wenige Arbeitstage.
Viel Zeit für große politische Würfe ist da nicht mehr. Auf dem Programm stehen vor allem repräsentative Termine: Ehrungen, Trauungen, Einweihungen und Zeugnisübergaben. Den Oberbürgermeisterwahlkampf bewertet Broistedt als fair. Auffällig intensiv hätten sich die Kandidatinnen und Kandidaten in den sozialen Medien eingesetzt. Oshionwu habe dort besonders erfolgreich für Veränderung und mehr Bürgerbeteiligung geworben.
Abschied mit London, Mexiko und Doppelkopf
Nach dem Ausscheiden geht es zunächst zur Familie. In London will Broistedt das Kind ihrer Tochter betreuen. Am ersten Weihnachtstag wird ihr Ehemann 70 Jahre alt. Noch vor dem Jahreswechsel reist das Paar nach Mexiko – der Vater des Enkelkindes stammt aus Mexiko.
Ganz aus dem Arbeitsleben verabschieden möchte sie sich nicht. Allerdings will Broistedt künftig freier entscheiden, welche Arbeit sie in welchem Umfang übernimmt. Mehr Zeit für Gartenarbeit, Lesen, Doppelkopf und persönliche Kontakte klingt ebenfalls verlockend. Sogar eine Tätigkeit als Theaterkartenkontrolleurin kann sie sich vorstellen. Ein deutlich anderer Takt als im Rathaus, vermutlich.
Broistedt wurde in Uelzen geboren, ist verheiratet und hat eine Tochter, einen Sohn sowie ein Enkelkind. Sie studierte Sozialpädagogik, kam 2008 nach Göttingen, arbeitete später als Dezernentin in Hameln und kehrte 2016 nach Göttingen zurück. 2021 wurde sie zur Oberbürgermeisterin gewählt.
Wohnraum, Hagenweg und ein ungelöstes Problem
Als wichtigstes Vermächtnis nennt Broistedt Wohnungsbau und soziale Gerechtigkeit. Die Stadt schuf Baurecht für rund 3000 Wohneinheiten, viele davon sind bereits gebaut oder befinden sich im Bau. Die Problemimmobilie Hagenweg 20 kaufte die Stadt; dort errichtet die Städtische Wohnungsbaugesellschaft einen Neubau. Eine Taskforce vermittelt Bewohnerinnen und Bewohner aus Problemimmobilien in andere Wohnungen.
Offen bleibt die Lage an der Groner Landstraße 9. Ein Kauf der Wohnungen nach dem Modell Hagenweg sei finanziell und personell nicht möglich, zudem seien die Eigentumsverhältnisse schwierig. Die Stadt setzt darauf, dass künftig ein alleiniger Eigentümer die Sanierung übernimmt. Broistedt übermittelte dem Land außerdem einen Forderungskatalog für Änderungen am Wohnungsschutzgesetz.
Auch der gescheiterte Versuch, das Jobcenter an den Landkreis zurückzugeben, gehört für sie auf die Minusseite. Die Stadt übernehme Kreisaufgaben ohne ausreichende Finanzierung, sagt Broistedt. Das Jobcenter verursache für Göttingen jährlich Kosten von etwa fünf bis sechs Millionen Euro. Die Mehrheit des Stadtrats lehnte die Rückgabe ab.
Zusammenhalt, Schwimmbäder und 140 Millionen Euro
Zu ihren positiven Erinnerungen zählt Broistedt die Zusammenarbeit mit christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden. Zwei Tage nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 organisierte die muslimische DITIB-Gemeinde gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde eine Gedenkveranstaltung. Broistedt befürwortet auch den Muezzin-Ruf der DITIB-Moschee einmal monatlich für etwa zwei Minuten und verweist dabei auf die Religionsfreiheit.
Nach Beginn des Ukraine-Kriegs halfen Göttinger bei der Aufnahme Geflüchteter. Knapp 1000 Menschen fanden in den ersten Monaten bei Privatpersonen eine Unterkunft. In der Stadt gibt es außerdem Aktionen gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
Trotz schwieriger Finanzlage investierte Göttingen aus den Krisen heraus weiter in Bildung und Kindertagesstätten. Innerhalb von drei Jahren sind dafür 140 Millionen Euro vorgesehen. Freiwillige Leistungen für Kultur und Sport wurden nicht vollständig gestrichen.
Zum Göttinger Alltag gehören für Broistedt auch drei Freibäder, die überwiegend in gutem Zustand seien, sowie das Badeparadies Eiswiese. Dazu kommen zusätzliche Sportflächen des Universitätssports. Die Sportvereine verzeichneten auch nach der Corona-Pandemie Mitgliederzuwächse – ein kleines, aber ziemlich lebendiges Zeichen dafür, dass die Stadt nicht nur aus Sitzungen und Aktenordnern besteht.
Klima, Universität und die Stadt nach Broistedt
Das Vermitteln zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik beschreibt Broistedt als belastend, zugleich aber als besonders reizvoll. Für die kommenden Jahre sieht sie vor allem beim Klimaschutz und bei der Klimaanpassung Arbeit. Göttingen verfügt über einen Klimaplan, einen Hitzeaktionsplan und ein Klimaanpassungskonzept. Die Starkregenvorsorge wurde mehrfach ausgezeichnet. Außerdem legte die Stadt die Grundlagen für die Elektrifizierung der Busflotte und einen neuen Busbetriebshof.
In Innenstadtbereichen brauche es mehr verschattete öffentliche Orte. Langfristig seien auch klimatisierte öffentliche Räume notwendig, etwa Schulen. Der Wandel zu einer nachhaltigen Stadt ist dabei keine Aufgabe, die das Rathaus im Alleingang erledigen kann. Organisationen, Initiativen, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Bürgerinnen engagieren sich teils seit Jahren für eine nachhaltige Entwicklung.
Grenzen gibt es trotzdem: Die Stadt kann Bürgerinnen nicht vorschreiben, wie sie ihre Häuser sanieren sollen. Unternehmen kann sie nicht verbieten, Plastiktüten zu verwenden, und Bildungseinrichtungen keine bestimmten Unterrichtsinhalte vorschreiben. Sie kann aber Anreize schaffen, beraten und als Promoterin auftreten. Wer selbst aktiv werden möchte, findet auf den Seiten „Welche Unterstützung gibt es?“ und „Wie kann ich mitmachen?“ verschiedene Möglichkeiten.
Überregional wurden laut Broistedt der Verlust des Exzellenzstatus der Universität, die Vorgänge um die Uni-Präsidentschaft und der suspendierte Landrat wahrgenommen. Gleichzeitig werde Göttingen als Wissenschafts- und Forschungsstadt mit enger Verbindung zur Wirtschaft, starken Life Sciences und großem Entwicklungspotenzial gesehen. Für die Universität und ihr Umfeld ist das eine eher nüchterne, aber wichtige Einordnung.
2026 feiert Göttingen den 125. Geburtstag des Gänseliesels. Auch die Sanierung des Gänselieselbrunnens wurde von anderen Oberbürgermeistern beachtet. Während Broistedt ihre letzten Termine absolviert, bleibt damit ein Stadtbild, in dem Rathaus, Universität, Freibäder, Baustellen und das Gänseliesel ziemlich selbstverständlich nebeneinanderliegen – und in dem bald eine neue Oberbürgermeisterin oder ein neuer Oberbürgermeister den Schlüssel übernimmt.
