European Universities: Hochschulallianzen bauen Europas Bildungsraum aus
Am 17. Oktober 2026 richtet sich der Blick von der Universität Greifswald weit über Mecklenburg-Vorpommern hinaus: Präsidenten und Rektoren von Hochschulen aus den European Universities-Allianzen haben ihre gemeinsame Rolle bei der Bewältigung europäischer Krisen bekräftigt. Im Hintergrund stehen Erfahrungen, die noch gar nicht lange zurückliegen – die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Europäischen Union während der COVID-19-Pandemie und die Unterstützung der Ukraine seit Beginn der russischen Militäraggression.
Die Unterzeichner verbinden damit ein deutliches Bekenntnis zur Europäischen Bildungsunion, zum Europäischen Hochschulraum und zum Europäischen Forschungsraum. Hochschulen sollen Fachkräfte ausbilden, die globale industrielle, technologische, gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse angehen können. Das klingt nach großer Politik, landet aber irgendwann ganz praktisch in Hörsälen, Laboren und regionalen Betrieben.
Nach dem FOREU4ALL-Diskussionspapier entwickeln die European Universities-Allianzen neue Modelle grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Sie sollen Fragmentierung verringern, regionale Innovationsökosysteme miteinander vernetzen und den freien Austausch von Wissen und Innovation in Europa fördern. Europäische Universitäten werden dabei als zentrale Träger der „Union of Skills“ und der Innovation in allen Regionen beschrieben.
Mehr als Austauschsemester
Die Allianzen sollen außerdem zur Umsetzung der Ziele des „Competitiveness Compass“ und zur Verwirklichung der „Fünften Freiheit“ des Binnenmarkts für Wissen und Innovation beitragen. Für Europas Unabhängigkeit und Souveränität gegenüber anderen globalen Mächten seien sie notwendig: zur Unterstützung lokaler und regionaler wirtschaftlicher Entwicklung, zur Stärkung europäischer Werte und Identität und zum Überbrücken regionaler Unterschiede.
Der Anspruch reicht damit deutlich weiter als ein gemeinsames Seminar oder ein zusätzliches Austauschsemester. Vorgesehen sind langfristige Bildungsstrategien, gemeinsame flexible Studiengänge und abgestimmte Curricula, automatische Anerkennung von Studienleistungen, erleichterte Mobilität sowie flexible Lernangebote und alternative Bildungswege für alle Lebensphasen. Auch Forschung, Innovation und gesellschaftliches Engagement sollen enger zusammenrücken. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Ingenieurwesen gehören zu den Themenfeldern, in denen Studierende und Forschende interdisziplinär arbeiten sollen.
Die Hochschulen sollen gemeinsame europäische interuniversitäre Campusstrukturen aufbauen. Dazu gehören gemeinsame Governance-Strukturen, integrierte Studienangebote, Microcredentials, neue Mobilitätsformate und Projekte mit der Gesellschaft. Mindestens 50 Prozent der Studierenden sollen eine physische, virtuelle oder kombinierte Mobilitätserfahrung erhalten. Studierende, Forschende und Verwaltungspersonal sollen möglichst nahtlos zwischen den Partnereinrichtungen wechseln können – zumindest ist das der Plan.
Ein Netzwerk, das größer wird
Die Initiative „Europäische Hochschulen“ bündelt die Stärken europäischer Hochschulen in langfristigen, grenzüberschreitenden Allianzen. Sie ist Teil der EU-„Europäischen Hochschulstrategie“ und wird hauptsächlich über Erasmus+ finanziert. Der Ausgangspunkt war eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron an der Sorbonne im Jahr 2017. Nach Pilotausschreibungen 2019 und 2020 wurde die Initiative im Erasmus+-Programm 2021–2027 vollständig umgesetzt. Für diese Programmlaufzeit stehen rund 1,1 Milliarden Euro zur Verfügung.
Die EU-Kommission hatte 2022 das Ziel formuliert, bis Mitte 2024 60 Allianzen mit 500 Hochschulen aufzubauen. Es wurde übertroffen: Nach dem Aufruf 2026 bestehen 65 EU-geförderte Europäische Hochschulallianzen sowie vier weitere Allianzen mit einem „Seal of Excellence“. Beteiligt sind mehr als 570 Hochschulen aus 35 Ländern.
Deutschland ist mit 68 Hochschulen dabei, darunter 18 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und 50 Universitäten. Die deutschen Hochschulen gehören zu 60 der 65 geförderten Allianzen. Damit ist Deutschland das Land mit der höchsten Beteiligung an der Initiative.
Der Blick zurück auf den Aufruf 2024 zeigt, wie schnell sich das Feld verändert hat. Nach drei Ausschreibungen gab es ebenfalls 65 EU-geförderte Allianzen, daneben acht weitere mit einem „Seal of Excellence“. Insgesamt waren damals fast 650 Hochschulen aus 36 Ländern beteiligt. Vertreten waren alle EU-Mitgliedstaaten sowie Albanien, Bosnien und Herzegowina, Island, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Norwegen, Serbien und die Türkei.
Mehr als 2.200 assoziierte Partner kamen hinzu: Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen, Städte, lokale und regionale Behörden sowie weitere Hochschulen aus Ländern des Bologna-Prozesses. Rund 35 Hochschuleinrichtungen aus der Ukraine waren als assoziierte Partner beteiligt. Deutschland stellte 67 Hochschulen – 18 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und 49 Universitäten –, die an 59 der 65 EU-geförderten Allianzen beteiligt waren. Zusätzlich wirkten acht deutsche Hochschulen an sieben der acht Allianzen mit „Seal of Excellence“ mit; sechs davon waren Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, zwei Universitäten.
Im Wintersemester 2023/24 studierten 47,7 Prozent der Studierenden in Deutschland an einer EU-geförderten Hochschule: 1.368.984 von insgesamt 2.868.311 Studierenden. Eine Zahl, die zunächst etwas trocken daherkommt, aber den Alltag dieser Netzwerke ziemlich gut sichtbar macht.
Geld, Partner und ein Qualitätssiegel
Eine Allianz besteht durchschnittlich aus etwa neun Partnerhochschulen aus verschiedenen europäischen Ländern. Beteiligte Länder sind EU-Mitgliedstaaten sowie Albanien, Bosnien und Herzegowina, Island, Montenegro, Nordmazedonien, Norwegen, Serbien und die Türkei. Regional verankert sind die Bündnisse durch zahlreiche assoziierte Partner: etwa Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen, Städte, lokale und regionale Behörden und Hochschulen aus Ländern des Bologna-Prozesses.
Die maximale Fördersumme hängt von der Zahl der Partner ab. Bei drei Partnern sind bis zu 3,24 Millionen Euro möglich, bei neun oder mehr Partnern bis zu 14,4 Millionen Euro. Wie das Geld innerhalb der Allianz verteilt wird, entscheiden die Partner selbst. Bei theoretischer Gleichverteilung wären maximal 400.000 Euro pro Hochschule und Jahr bei mindestens neun Partnern beziehungsweise 270.000 Euro pro Hochschule und Jahr bei drei bis acht Partnern möglich. Die Vertragsdauer beträgt vier Jahre, mit einer möglichen Verlängerung um zwei weitere Jahre.
Das „Seal of Excellence“ geht an Vorschläge, die wegen begrenzter Erasmus+-Mittel keine Förderung erhalten. Es bescheinigt die hohe Qualität des Vorschlags und soll die Suche nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten erleichtern. Mehrere ausgezeichnete Allianzen haben ihre Aktivitäten bereits aufgenommen und arbeiten daran, ihre strategische transnationale Zusammenarbeit weiter auszubauen.
Gefördert werden Partnerschaften verschiedener Hochschultypen: Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, Kunst- und Musikhochschulen, Technische Universitäten und klassische Universitäten. Die Allianzen sollen neue Modelle institutioneller Zusammenarbeit erproben, Ressourcen und Kompetenzen bündeln und als Modelle guter Praxis dienen. Ihre Verträge laufen vier Jahre, eine Verlängerung um zwei Jahre ist möglich. Bei der Organisation solcher Verbünde dürfte es trotzdem gelegentlich ruckeln – neun Hochschulen, mehrere Länder und dazu Partner aus Wirtschaft und Gesellschaft sind kein kleiner Stammtisch.
Von Macron bis zum Aufruf 2026
Macron schlug 2017 Europäische Hochschulen vor, an denen europäische Werte durch gemeinsame Forschung, Lehre und Austausch gelebt werden sollten. Die EU-Kommission und der Europäische Rat griffen die Idee auf. Am 14. Dezember 2017 forderte der Europäische Rat stärkere strategische Partnerschaften zwischen Hochschulen, bis 2024 etwa 20 Europäische Hochschulen, nach dem Bottom-up-Prinzip organisierte Hochschulnetzwerke und Studienmöglichkeiten in mehreren EU-Ländern mit gemeinsamem Abschluss.
Im Ratsbeschluss vom Februar 2021 wurde die Schaffung transnationaler Allianzen und die vollständige Umsetzung der Initiative unterstützt. In den Schlussfolgerungen des Rates vom 17. Mai 2021 wurden nachhaltigere Finanzierungsinstrumente gefordert, die unterschiedliche Kooperationsmodelle berücksichtigen.
Für die Zeit nach 2028/2029 entwickeln die EU-Kommission, die Allianzen, Hochschulakteure und EU-Staaten einen „Investment Pathway“. Für bereits ausgewählte Allianzen ist eine zweijährige Verlängerung vorgesehen. Eine Ausschreibung soll eine nachhaltige Finanzierung bis 2028/2029 ermöglichen.
Der Aufruf „Partnerships for Excellence – European Universities – Call for proposals 2026“ richtete sich vor allem an bestehende Allianzen, die in der Auswahlrunde 2022 gefördert wurden. Teilnehmen konnten auch andere Konsortien, sofern die Hochschulen bereits seit mindestens zwei bis drei Jahren intensiv und
