Am 29. Oktober 2026 bekommt die germanistische Linguistik an der Bergischen Universität Wuppertal ein neues Gesicht: Prof. Dr. Stefan Hinterwimmer übernimmt eine Professur. Er untersucht, wie Sprache funktioniert, welche Perspektiven sie vermittelt und wie sie gesellschaftliche Vorstellungen prägt.

Eine Aussage entsteht für Hinterwimmer nicht allein aus Wörtern und Grammatik. Auch Kontext und Situation spielen hinein, ebenso die Absichten der Sprechenden, das Vorwissen der Beteiligten und der Bezug sprachlicher Ausdrücke – etwa von Pronomen. Ein kleines „das“ kann dabei erstaunlich viel offenlassen.

Wenn Sprache mehr meint, als dasteht

Hinterwimmers Forschung verbindet Semantik und Pragmatik: Die Semantik untersucht sprachliche Bedeutung, die Pragmatik fragt, wie Äußerungen im jeweiligen Zusammenhang verstanden werden. Kleine sprachliche Einheiten wie Wörter oder Wortteile fügen sich zu Sätzen, Dialogen und Texten zusammen. So werden komplexe Gedanken ausdrückbar. Die Bedeutung entsteht dabei überwiegend kompositionell – aus der Bedeutung der einzelnen Teile und der Art, wie sie zusammengefügt werden.

Doch der Satz steht nie ganz allein im Raum. Betonung, Gestik und situative Faktoren können seine Bedeutung verschieben; solche Einflüsse werden der Pragmatik zugerechnet. Genau hier setzt ein Forschungsschwerpunkt Hinterwimmers an: die sprachliche Vermittlung unterschiedlicher Perspektiven. Er untersucht das Zusammenspiel von gesprochener Sprache und Gesten ebenso wie die gemeinsame Wirkung von Bild und Text, etwa in Internet-Memes.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Cornelia Ebert von der Goethe-Universität Frankfurt leitet Hinterwimmer ein Forschungsprojekt zur Perspektivierung in der visuellen Kommunikation. Es gehört zum DFG-Schwerpunktprogramm „Visuelle Kommunikation“. Ein Beitrag aus dieser Zusammenarbeit ist 2021 erschienen: „On the Interaction of Gestural and Linguistic Perspective Taking“ von Stefan Hinterwimmer, Umesh Patil und Cornelia Ebert. 2025 folgten unter anderem Beiträge zur Perspektivangleichung von Gestik und Sprache sowie zu prototypischen und nicht prototypischen begleitenden Gesten im Verbphrasenbereich.

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Pronomen, Erzählstimmen und politische Wörter

Künftig möchte Hinterwimmer verstärkt untersuchen, wie Sprache politische Debatten und gesellschaftliche Vorstellungen prägt. Im Mittelpunkt stehen dabei unter anderem die politisch umkämpften Bedeutungen von „Demokratie“, „Liberalismus“ und „Volk“. Auch die sprachliche Entstehung von Feindbildern und die Frage, wie Gruppen beschrieben werden, gehören dazu.

Ein weiterer Forschungsbereich betrifft das Verhältnis von grammatischem Geschlecht zu sozialem und biologischem Geschlecht. Dazu passt das Projekt zu Pronomen wie „das“, die sich auf vorherige Aussagen beziehen. Gerade bei verneinten Sätzen ist oft unklar, auf welchen Teil der vorherigen Aussage ein solches Pronomen zielt. Die Projekte gehören zum Kölner Sonderforschungsbereich „Prominenz in Sprache“.

Die Publikationsliste zeigt, wie breit dieses Feld ist. 2026 veröffentlichten Sebastian Walter und Stefan Hinterwimmer den Aufsatz „Monsters aren’t enough: (Non-)indexical shift in indirect discourse“ in SKASE 23(2), 80–103. Ebenfalls 2026 erschien von Stefan Hinterwimmer und Sonja Zeman „Perspectival mechanisms of modality. Semantic shifts of modal verb sollen + infinitive in German“ in Evolutionary Linguistics Theory 7, 51–79. Im selben Jahr steuerte Hinterwimmer zum Handbuch den Beitrag „Expressivity and perspectivity“, S. 726–747, bei.

Auch Erzähltexte sind ein großes Arbeitsgebiet: 2024 schrieb Hinterwimmer über Perspektivübernahme in Narrativen sowie gemeinsam mit Christopher Saure über Erzähler- und Figurenperspektive in der Erlebten Rede. Mit Sara Meuser und Maximilian Hörl untersuchte er die Rolle lokaler und globaler Prominenz für Perspektivübernahme und Protagonistenprominenz. 2023 erschienen Arbeiten zu bewertenden Ausdrücken und deutschen Demonstrativpronomen sowie zur Wechselwirkung der Perspektivprominenz von Erzählern und Protagonisten.

Seine Liste umfasst außerdem „Perspective Taking“, eine 2018 gemeinsam mit Petra B. Schumacher herausgegebene Sonderausgabe von Glossa, sowie „Different Kinds of Specificity Across Languages“, 2013 mit Cornelia Ebert bei Springer herausgegeben. Als Monografie veröffentlichte Hinterwimmer 2008 die überarbeitete Dissertation Q-Adverbs as Selective Binders: The Quantificational Variability of Free Relatives and Definite DPs bei Mouton de Gruyter in Berlin/New York. Gemeinsam mit Daniel Gutzmann und Andreas Trotzke ist außerdem Pragmatik. Eine Einführung bei J. B. Metzler in Stuttgart angekündigt.

Von Regensburg über Berlin und Köln nach Hamburg

Hinterwimmer studierte Sprachwissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Universität Regensburg. 2006 promovierte er in Linguistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, 2015 habilitierte er sich an der Universität zu Köln.

Von 2019 bis 2024 war er Akademischer Rat im Fach Germanistik an der Bergischen Universität Wuppertal. Anschließend wechselte er als Professor für Linguistik des Deutschen an die Universität Hamburg; diese Position hatte er bis September 2026 inne. Nun führt sein Weg zurück nach Wuppertal – mit Forschung, die vom Pronomen bis zur politischen Großvokabel reicht.

Seine Bibliografie ist dabei fast schon ein eigenes Forschungsarchiv: Sie reicht von Arbeiten über Demonstrativpronomen, Quantifikation, Konditionalsätze und Diskursteilchen bis zu Studien über Perspektive in deutschen und französischen Texten. Genannt seien „Prominent Protagonists“ (2019), „Demonstrative Pronouns as Anti-Logophoric Pronouns: An Experimental Investigation“ (2020), „German wie-Complements: Manners, Methods and Events in Progress“ (2021), „The Interpretative Options of Anaphoric Complex Demonstratives“ (2022) und „Accounts of perspective taking in narrative“ (2024).

Hinzu kommen Beiträge in Sammel- und Tagungsbänden, darunter „The Interaction of Gender Marking and Perspective Taking in German“ (2024), „Shifted face emoji in indirect discourse: A mixed-quotational approach“ (2025) und „In case falls is relevant“ in den Proceedings of CLS 60. Frühere Arbeiten behandeln unter anderem die bayerische Diskurspartikel fei, die Modalpartikeln fei und aber, freie Relativsätze, Fokus, Themenstrukturen und die Interpretation von bestimmt und gewiss.

Auch Handbuchartikel gehören dazu: Neben „Expressivity and perspectivity“ veröffentlichte Hinterwimmer Texte zu nominaler und adverbialer Quantifikation, Quantoren, Präsuppositionen sowie zum Verhältnis von Informationsstruktur und wahrheitskonditionaler Semantik. Nicht begutachtete Beiträge widmen sich etwa dem Brenner und der Perspektive in den Romanen von Wolf Haas, außerdem liegen Arbeitspapiere zu Semantik und Informationsstruktur vor.

Wozu das außerhalb der Universität nützt

Der Forschungsbereich Semantik und Pragmatik am Leibniz-Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft untersucht sprachliche Bedeutung und die Verbindung zwischen Sprache und außersprachlichem Denken. Grundlagenforschung dieser Art kann praktisch werden: in der Informationstechnologie, bei der Verständlichkeitsoptimierung medizinischer Leitlinien und von Schulbüchern sowie in der Sprachdiagnostik.

Das klingt zunächst trocken. Ist es aber nicht, wenn ein Pronomen in einem verneinten Satz plötzlich mehrere Bezugsmöglichkeiten eröffnet oder eine Geste den Blickwinkel einer Äußerung verändert. Dann merkt man, wie viel in Sprache steckt – und wie schnell ein einzelnes Wort eine Debatte, ein Bild oder eine Erzählung in eine andere Richtung schiebt.