Am Dienstag, 6. Oktober 2026, spricht Professor Dr. Helge Braun in Lübeck über eine Frage, die gerade ziemlich nah am Alltag liegt: „Was weiß die Wissenschaft – was entscheidet die Politik?“ Der Dienstagsvortrag beginnt um 19.30 Uhr im Großen Saal der Gemeinnützigen, Königstraße 5, Lübeck-Innenstadt. Der Eintritt ist frei.

Organisiert wird der Abend vom Naturwissenschaftlichen Verein zu Lübeck. Auf dem Programm stehen wissenschaftliche Fakten, politische Entscheidungen und die Gefahr von Desinformation für eine gemeinsame Faktenbasis. Also genau jene Reibungsflächen, an denen Diskussionen heute schnell laut werden – und manchmal auch ziemlich schief.

Vom Klinikum in die Politik und an die Universität

Braun studierte Medizin in Gießen und arbeitete als Arzt sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Gießen. 2002 wurde er erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Von 2003 bis 2009 war er zusätzlich in Teilzeit klinisch sowie in Lehre und Forschung tätig.

In Berlin übernahm er unter anderem die Aufgaben des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium für Bildung und Forschung, des Staatsministers bei der Bundeskanzlerin, des Chefs des Bundeskanzleramtes und des Bundesministers für besondere Aufgaben. Außerdem war er Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Bundestags. Seit 2025 ist Helge Braun Präsident der Universität zu Lübeck.

Wenn Daten politisch werden

Wie anspruchsvoll das Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ist, zeigte auch die öffentliche Herbsttagung des Deutschen Ethikrats am 15. Oktober 2025 in Heidelberg. Ethikratsvorsitzender Helmut Frister nannte wissenschaftliche Expertise unverzichtbar für politische Entscheidungen, verwies aber zugleich auf zunehmende Zweifel, Diskreditierungen und Einschränkungen der Forschung.

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Die beiden Bereiche folgen unterschiedlichen Logiken: Wissenschaft sucht Erkenntnisse, Politik Mehrheiten. Andreas Dreuw von der Universität Heidelberg beobachtete eine wachsende Politisierung der Wissenschaft und betonte, Wissenschaftsfreiheit sei keine Selbstverständlichkeit. Der Academic Freedom Index weist auf einen weltweiten Rückgang der Wissenschaftsfreiheit hin; auch in Deutschland ist sie rückläufig. Laut Eva Winkler vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen und stellvertretender Ethikratsvorsitzender nimmt hierzulande zudem die Wissenschaftsfeindlichkeit zu.

Besonders deutlich wurde die Spannung während der Coronapandemie. Wissenschaftlich begründete Maßnahmen waren politisch umstritten, politische Entscheidungen wurden wissenschaftlich hinterfragt. Nach Einschätzung von Alexander Bogner wurden politische Maßnahmen teils durch Angriffe auf beratende Wissenschaft bekämpft. Der Streit über Studien, Zahlen und die Zuverlässigkeit von Daten verwandelte politische Konflikte in Wissenskonflikte; „alternative“ Wahrheiten wurden genutzt, um Forschende zu diskreditieren.

In Ländern mit stärker werdenden anti-pluralistischen Strömungen, etwa den USA, werden Forschungsfelder wie Gender- und Klimawissenschaft als „Woke Science“ abgewertet. Gleichzeitig erwarten viele Menschen von Wissenschaft nicht bloß Erkenntnisse, sondern eindeutige Problemlösungen. Das passt schlecht zu einer Forschung, die für Dissens, Unsicherheit und spätere Korrekturen offenbleiben muss.

Beratung ist kein Orakel

Der frühere Wissenschaftsratsvorsitzende Peter Strohschneider warnte vor einem vereinfachten Verständnis wissenschaftlicher Politikberatung als bloßem „Speaking truth to power“. Wissenschaftliche Beratung ist in der Praxis mit Machtbeziehungen verbunden; Expertise bringt stets auch Gegenexpertise hervor. Kontroversen und Unsicherheiten sind dabei Voraussetzungen für wissenschaftlichen Fortschritt und demokratisch legitimierte Entscheidungen.

Helge Braun bezeichnete die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik als anspruchsvoll. Je größer und kontroverser ein Beratungsthema sei, desto höhere Anforderungen müssten an die Zusammensetzung der Beratungsgremien gestellt werden, forderte er. Unabhängige und legitimierte Gremien sollten gestärkt werden. Interdisziplinäre Teams könnten wissenschaftlich und politisch tragfähigere Empfehlungen entwickeln.

Auch die Qualität politischer Beratung und die Evaluation politischer Entscheidungen müssten durch Standards verbessert werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien klar von politischen Schlussfolgerungen zu trennen. Nach politischen Entscheidungen brauche es außerdem einen systematischen Feedback-Kanal, damit sich Akzeptanz und Beratung weiterentwickeln können.

Armin Grunwald vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag beschrieb Wissenschaft und Politik als voneinander verschieden, aber aufeinander angewiesen. Schwierigkeiten entstünden, wenn die Politik genehme Forschungsergebnisse erwarte oder die Wissenschaft selbst politische Entscheidungen treffen wolle. Wissenschaftliche Beratung solle Optionen aufzeigen; entscheiden müssten demokratisch legitimierte Institutionen.

Frank Niggemeier vom Bundesministerium für Gesundheit nannte wissenschaftliche Exzellenz, Interdisziplinarität, Kommunikationsfähigkeit und die gewährleistete Unabhängigkeit der Beratenden als Voraussetzungen guter Politikberatung. Leopoldina-Präsidentin Bettina Rockenbach erklärte, die Akademie berate Politik und Gesellschaft auf Grundlage des wissenschaftlichen Erkenntnisstands. Evidenzbasierte Handlungsoptionen sollten in die öffentliche Debatte eingebracht werden – unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Einzelinteressen.

Vertrauen entsteht nach Rockenbach dann, wenn wissenschaftliche Qualitätssicherung nachvollziehbar erklärt und Entscheidungsspielräume sowie Zielkonflikte offengelegt werden. Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler, formulierte es grundsätzlicher: Wissenschaft sei nicht unpolitisch und Politik nicht unwissenschaftlich. Politik definiere gesellschaftliche Probleme, Wissenschaft liefere mögliche Orientierung.

Politische Rahmenbedingungen beeinflussen Forschungsthemen, Förderstrukturen, Institutionen und die Wissensproduktion. Zugleich nutzt Politik wissenschaftliches Wissen, um Entscheidungen zu begründen, Unsicherheiten zu bearbeiten und Legitimität herzustellen. Politikberatung ist damit kein reiner Wissenstransfer, sondern ein Prozess politischer Umsetzung. Wissenschaft lässt sich nicht unverändert in politisches Handeln übersetzen; politische Systeme nutzen oder ignorieren Erkenntnisse unterschiedlich. Unzureichende Beratung kann für politische Ziele herhalten, wissenschaftliche Ergebnisse können selektiv als Legitimationsquelle eingesetzt werden.

Fakten im Wettbewerb um Aufmerksamkeit

Judith Simon von der Universität Hamburg bezeichnete wissenschaftliches Wissen als gesellschaftlich bedeutsam und zugleich umkämpft. Objektivität stehe nicht im Gegensatz zur sozialen Dimension von Forschung; gerade ihr Zusammenspiel ermögliche Objektivität.

Wie Forschende öffentlich sichtbar sind, beeinflusst nach dem Kommunikationsforscher Lars Guenther das Vertrauen in Wissenschaft. Gerade in sozialen Medien müsse Wissenschaft sichtbarer werden. YouTube, X und TikTok sind laut Edda Humprecht wichtige Informationsquellen – ihre Sichtbarkeit folgt jedoch der Aufmerksamkeitsökonomie: Emotionalisierung, Personalisierung und Reichweite zählen dort mehr als wissenschaftliche Kriterien. Wissenschaftliche Fakten treten dadurch direkt in Konkurrenz zu Desinformation.

Philipp Schrögel forderte neue, niedrigschwellige, dialogische und partizipative Kommunikationsformate. Science-Festivals und Street-Art-Projekte können den Wissenschaftsjournalismus ergänzen, erreichen aber häufig vor allem ein akademisches Publikum. Dialogische Kommunikation und gemeinsames Forschen sollten deshalb stärker berücksichtigt werden.

Die Rolle spezialisierter Medien hob Marleen Halbach Theile vom Science Media Center Germany hervor. Fachjournalistinnen und -journalisten können wissenschaftliche Expertise einordnen; zugleich fehlen Redaktionen häufig Ressourcen und Wissen über wissenschaftliche Arbeitsweisen. Ein Abend im Großen Saal der Gemeinnützigen wird daraus sicher kein Orakel machen. Aber vielleicht eine brauchbare Gelegenheit, genauer hinzuhören.

Quelle zum Vortrag · Kontext: Deutsches Ärzteblatt