„Dear Evan Hansen“ in Lüneburg: Zwischen Bühnenrolle, digitalem Druck und psychischer Gesundheit
In Lüneburg wird es ernst: Studierende der Leuphana Universität bringen das Broadway-Musical „Dear Evan Hansen“ von Benj Pasek und Justin Paul auf die Bühne. Seit Januar proben sie für die Uni-Produktion, deren Premiere für den 21. Oktober geplant ist. Heute, am 18.10.2026, liegt dieser Termin nur noch wenige Tage zurück – im Theater dürfte die Anspannung entsprechend spürbar sein.
Das Stück handelt von Einsamkeit, Ausgrenzung und dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Evan Hansen schreibt auf Empfehlung seiner Therapeutin Briefe an sich selbst. Einer dieser Briefe fällt seinem Mitschüler Connor in die Hände. Kurz darauf nimmt Connor sich das Leben. Evan verstrickt sich anschließend in eine Lüge und rückt plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Wenn eine Rolle nahegeht
Evan-Darsteller Matthis Schreder studiert Digital Media. Erfahrungen mit Ausgrenzung, Einsamkeit und Mobbing kennt er aus seiner Schulzeit. Das macht die Rolle nicht leichter, aber vielleicht greifbarer. Auch Justus Harms, der Connor spielt, findet in dem Musical ein vertieftes Verständnis für mentale Gesundheit – dazu kommen humorvolle und hoffnungsvolle Momente, die das schwere Thema nicht einfach nur schwer sein lassen.
Die Belastungen junger Menschen stehen dabei nicht bloß als Bühnenstoff im Raum. Seit der Corona-Pandemie berichten rund 14 Prozent der jungen Menschen von starken Belastungen, vor der Pandemie waren es etwa 9 Prozent. Soziale Medien können den Druck noch verstärken: mithalten, aussehen, funktionieren, bloß nicht den Anschluss verlieren.
Gesundheitspsychologe Lorenz Grolig von der Leuphana Universität erklärt, dass in sozialen Medien überwiegend die positiven Seiten des Lebens gezeigt würden. Der automatische Vergleich mit diesen Darstellungen könne unrealistische Erwartungen an sich selbst erzeugen. Daraus könne psychischer Druck entstehen; in manchen Fällen steige auch das Risiko für eine psychische Erkrankung.
Abstand nach der Probe
Die Studierenden halten die realitätsnahe Darstellung für wichtig. Viele Musicals spielen in Fantasiewelten, hier kann sich das Publikum eher in den Figuren wiederfinden. Das ist nah dran – manchmal vermutlich unangenehm nah.
Musikalische Leiterin Rebecca Lang achtet deshalb neben der Inszenierung darauf, dass die Darstellerinnen und Darsteller Abstand zu ihren Rollen gewinnen. Am Ende der Probe helfen Übungen dabei: das Gesicht abwaschen oder sich kräftig schütteln. Ein kurzer körperlicher Schnitt zwischen Evan, Connor und dem eigenen Alltag.
Trotz Einsamkeit und Verlust soll beim Publikum vor allem Hoffnung ankommen. Für Justus Harms liegt die zentrale Botschaft darin, dass es schön sei, am Leben zu sein.
Der digitale Druck wächst mit
Wie sehr digitale Kommunikation und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen können, zeigen auch Daten des WHO-Regionalbüros für Europa vom 25. September 2024 aus Kopenhagen. Die HBSC-Studie zum Gesundheitsverhalten von Kindern im schulpflichtigen Alter befragte fast 280.000 Jugendliche im Alter von 11, 13 und 15 Jahren. Die Erhebung von 2022 umfasste 44 Länder und Regionen Europas, Zentralasiens und Kanadas.
Der Anteil Jugendlicher mit problematischer Social-Media-Nutzung stieg demnach von 7 Prozent im Jahr 2018 auf 11 Prozent im Jahr 2022. Gemeint ist ein suchtähnliches Verhaltensmuster: fehlende Kontrolle über die Nutzung, Entzugserscheinungen bei Nichtnutzung, die Vernachlässigung anderer Aktivitäten und negative Auswirkungen auf den Alltag. Mädchen waren häufiger betroffen als Jungen, nämlich mit 13 gegenüber 9 Prozent.
36 Prozent der Befragten gaben an, ständig online mit Freunden in Kontakt zu stehen. Bei 15-jährigen Mädchen waren es 44 Prozent. Frühere Untersuchungen brachten problematische Nutzung mit geringerem seelischem und sozialem Wohlbefinden sowie höherem Substanzkonsum in Verbindung. Auch weniger Schlaf und späteres Zubettgehen wurden damit verknüpft – mit möglichen Folgen für Gesundheit und schulische Leistungen.
Ganz so einfach ist das Bild allerdings nicht. Jugendliche, die soziale Medien intensiv, aber nicht problematisch nutzten, berichteten zugleich von stärkerer Unterstützung durch Gleichaltrige und ausgeprägteren sozialen Verbindungen. Online sein kann also Druck bedeuten, aber ebenso Nähe herstellen. Beides passt in denselben Bildschirm.
Auch digitale Spiele tauchen in den WHO-Daten auf: 34 Prozent der Jugendlichen spielten täglich, 22 Prozent an Spieltagen mindestens vier Stunden. 12 Prozent waren durch problematisches Spielverhalten gefährdet; Jungen häufiger als Mädchen, 16 gegenüber 7 Prozent. 68 Prozent wurden als nicht-problematische Spieler eingestuft. Frühere HBSC-Daten aus fünf Ländern verbanden problematisches Online-Spielen mit geringerer Lebenszufriedenheit, häufigeren psychischen Beschwerden und weniger Unterstützung durch Gleichaltrige.
Was Schulen und Plattformen tun können
Die WHO betont, dass Medienkompetenz in vielen Ländern unzureichend ist oder nicht mit der technologischen Entwicklung Schritt hält. Empfohlene Maßnahmen sollen altersgerecht, geschlechtersensibel und kulturell angepasst sein. Sie sollen digitale Kompetenzen und gesundes Online-Verhalten fördern und gefährdete Jugendliche gezielt unterstützen.
Gefordert werden mehr Investitionen in Schulen und digitale Bildung, evidenzbasierte Programme zu Social-Media-Nutzung, Online-Sicherheit, kritischem Denken und gesundem Spielen sowie ein besserer Zugang zu vertraulicher und bezahlbarer psychischer Gesundheitsversorgung. Offene Gespräche über digitales Wohlbefinden gehören laut WHO in Familien, Schulen und Gemeinschaften. Dafür braucht es auch Schulungen für Pädagogen und Gesundheitsfachkräfte, mehr Verantwortung der Plattformen und die Durchsetzung von Altersbeschränkungen.
Das Ziel: Jugendliche sollen fundierte Entscheidungen über ihre Online-Aktivitäten treffen und ihr digitales mit ihrem nicht-digitalen Leben ausgleichen können. In der Uni Lüneburg wird daraus nun ein Bühnenabend mit Musik, Lügen, Verlust und hoffentlich einem kleinen Licht am Ende.
