Frankreichs 1-Euro-Mensa bringt Studierende satt, Beschäftigte aber an ihre Grenzen
In Frankreich kostet das komplette Mensa-Menü für Studierende seit dem 4. Mai nur noch einen Euro. Der Preis gilt für alle, auch für internationale Studierende. Das Angebot kommt an – so gut, dass die Warteschlangen inzwischen selbst zum Problem werden. Seit Beginn dieses Semesters gaben die Uni-Mensen 48 Prozent mehr Mahlzeiten aus als zum Semesterbeginn 2025: insgesamt 1,3 Millionen Portionen.
Auf dem Tablett liegen ein Hauptgericht und zwei Beilagen, etwa Vorspeise und Dessert, Joghurt oder Obst. Der tatsächliche Durchschnittspreis einer Mahlzeit beträgt laut Cnous allerdings acht Euro. Der Staat übernimmt derzeit 88 Prozent der Kosten und stellt insgesamt 50 Millionen Euro bereit. Damit werden auch Investitionen in die Ausstattung der Restaurants finanziert; außerdem reicht das Budget für 204 zusätzliche Vollzeitkräfte.
Ein Euro auf dem Teller, Druck in der Küche
Die Produktions-, Lager- und Servicekapazitäten der regionalen Studierendenwerke, der Crous, sind weitgehend ausgeschöpft. In den Küchen klappern die Töpfe früher, die Tabletts stapeln sich, und für die Beschäftigten wird das Arbeitstempo immer höher. Gewerkschaften riefen deshalb Anfang der Woche zu einem Streik auf. Sie berichten von Müdigkeit, Stress und angespannten Arbeitsbedingungen.
Am Dienstag, 22. September, legten Beschäftigte auf Aufruf von CFDT, FO und UNSA die Arbeit nieder. In den Pays de la Loire blieben fünf Restaurants geschlossen: drei in Nantes und zwei in Saint-Nazaire. Die Beteiligung dort lag zwar unter dem Landesdurchschnitt. Nach Angaben mehrerer Quellen ist die Erschöpfung der Beschäftigten aber ähnlich stark wie im übrigen Frankreich.
Gwenaël Le Guevel von der CFDT betonte, die Gewerkschaften seien nicht grundsätzlich gegen das 1-Euro-Essen. Sie kritisierten vor allem die Umsetzung. Beschlossen wurde die Maßnahme im Rahmen des Budgets 2026, nachdem die Regierung von Sébastien Lecornu sie der Parti socialiste zugesagt hatte, um ein Misstrauensvotum zu vermeiden. Nach Gewerkschaftsangaben fehlten von Anfang an zusätzliches Personal und Material.
Das Cnous hatte mit einer um 12 Prozent steigenden Auslastung gerechnet. Die Gewerkschaften sprechen inzwischen landesweit von bis zu 40 Prozent mehr Andrang. In Nantes entstehen dadurch lange Schlangen, die sich durch die Restaurants ziehen. Im Restaurant Chantrerie versorgen maximal fünf Beschäftigte – drei in der Küche und zwei im Service – rund 1.000 Studierende innerhalb von zweieinhalb Stunden.
Küchenchef Philippe Glevarec hält mindestens eine weitere Person in der Küche für nötig. Weniger als einen Monat nach Beginn des neuen Studienjahres seien die Beschäftigten bereits erschöpft gewesen. Manche beginnen um 6:30 Uhr und arbeiten bis 15 Uhr, einzelne Wochen kommen auf 43 Arbeitsstunden. Bezahlt wird der Mindestlohn oder nur geringfügig mehr.
Die Schlange frisst die Mittagspause
Für Studierende ist der niedrige Preis natürlich ein Glücksfall – wenn sie überhaupt bis zur Ausgabe kommen. Eine Studentin aus Amiens sagte Franceinfo, sie habe wegen der Wartezeiten bereits Mahlzeiten ausfallen lassen. Ein Student erklärte, eine einstündige Mittagspause reiche für den Restaurantbesuch nicht aus. Im Restaurant Tertre in Nantes müssen Studierende seit Beginn des Studienjahres bis zu 1,5 Stunden warten.
Viele versuchen deshalb, vor Mittag zu kommen. Das klappt wegen der unterschiedlichen Stundenpläne aber nicht jeden Tag. In der Cafeteria gibt es ebenfalls eine Mahlzeit für einen Euro, meist ein Sandwich oder eine Pasta-Box. Auch dort kann sich die Schlange ziehen. Wer es eilig hat, kauft außerhalb teurer ein – oder lässt das Essen ganz aus.
Normalerweise schließen die Restaurants um 13:45 Uhr. Wegen des Andrangs verlängern sie ihre Öffnungszeiten teilweise bis 14 Uhr. Für die Beschäftigten bedeutet das nicht einfach ein paar Minuten mehr, sondern volle Lager, zusätzliche Wege und noch weniger Luft. Gewerkschaften warnen vor überlasteten Beständen und steigenden Kosten.
Die Crous beziffern den Finanzbedarf für die Maßnahme auf 90 Millionen Euro. Im Budget 2026 sind dafür jedoch nur 50 Millionen Euro vorgesehen. Die Gewerkschaften halten diese Summe für zu niedrig, um die Einnahmeausfälle zu decken. Ein im Juli 2026 veröffentlichter parlamentarischer Bericht kommt laut Artikel zu dem Schluss, dass das 1-Euro-Essen das Wirtschaftsmodell der Crous gefährdet.
Cnous-Präsidentin Bénédicte Durand forderte die regionalen Studierendenwerke auf, die jeweils maximal tragfähige Kapazität ihrer Einrichtungen sicherzustellen. Bei der Umsetzung müssten Sicherheit und Wohlergehen von Mitarbeitenden und Studierenden laufend berücksichtigt werden. Sonst, warnen Beschäftigte, könnten einzelne Universitätsrestaurants schließen.
Der Streik kann fortgesetzt werden. Weitere Arbeitsniederlegungen von Crous-Beschäftigten sind für den 29. September im Rahmen der landesweiten Mobilisierung des öffentlichen Dienstes möglich. Hochschul- und Forschungsminister Philippe Baptiste kündigte für den Haushaltsentwurf 2027 zusätzliche 143 Millionen Euro an; die Finanzierung ist noch nicht endgültig gesichert.
Wer in Frankreich Unterstützung bekommt
Das 1-Euro-Menü steht inzwischen allen Studierenden offen. Daneben vergibt der französische Staat über CNOUS und CROUS weiterhin Stipendien nach sozialen Kriterien, vor allem an Studierende aus einkommensschwachen Familien. Je nach persönlicher Situation liegen sie jährlich zwischen 1.042 und 5.736 Euro.
Wer ein CROUS-Stipendium erhält, kann von den Studiengebühren an öffentlichen Universitäten befreit werden und hat Vorrang bei der Vergabe eines CROUS-Studierendenwohnheimplatzes. Für sehr gute Abiturergebnisse ist außerdem eine zusätzliche Beihilfe möglich – dafür braucht es ein französisches Abitur.
Wie hoch die Förderung ausfällt, hängt vom Einkommen der Eltern, der Zahl der Kinder und der Entfernung zwischen Wohn- und Studienort ab. Für das Studienjahr 2022/2023 wurden die Einkommen des Jahres 2020 anhand des Steuerbescheids von 2021 berücksichtigt. Ein Online-Rechner hilft dabei, den möglichen Anspruch und die Förderhöhe zu prüfen.
Französische Staatsangehörige müssen am 1. September des Studienjahres jünger als 28 Jahre sein, eine Erstausbildung an einer öffentlichen oder privaten Bildungseinrichtung in Frankreich oder einem Mitgliedstaat des Europarats absolvieren und an einer förderfähigen Ausbildung teilnehmen.
Für Bürgerinnen und Bürger der EU, des Europäischen Wirtschaftsraums oder der Schweiz gilt zusätzlich mindestens eine dieser Bedingungen: eine eigene Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung in Frankreich, ein Einkommen des Vaters, der Mutter oder des gesetzlichen Vormunds in Frankreich oder ein ununterbrochener Aufenthalt von mehr als einem Jahr in Frankreich am 1. September des betreffenden Jahres.
Personen anderer Staatsangehörigkeiten benötigen etwa einen von OFPRA anerkannten Flüchtlingsstatus, vorübergehenden Schutz, die andorranische Staatsangehörigkeit und den vorherigen Besuch eines französischen Gymnasiums im Fürstentum oder eine befristete Aufenthaltskarte beziehungsweise eine „carte de résident“. Zusätzlich müssen sie seit mindestens zwei Jahren in Frankreich wohnen und dort seit mindestens zwei Jahren einen steuerlichen Anknüpfungspunkt haben.
Der Antrag läuft elektronisch über das „Dossier social étudiant“ (DSE). Der Antragszeitraum reicht vom 20. Januar bis 15. Mai vor Beginn des Studienjahres. Weitere Informationen gibt es auf Französisch bei den CROUS und auf den Websites der jeweiligen regionalen CROUS-Vertretungen.
Auch an der Uni Mainz dürfte man bei einem vollständigen Menü für einen Euro kurz schlucken – diesmal vor Neid. In Frankreich riecht es in den Mensen derzeit allerdings nicht nur nach warmem Essen, sondern auch nach Überstunden, Stress und der bangen Frage, ob die nächste Ausgabe noch zu schaffen ist.
