Warum die AfD in Ostdeutschland aufsteigt und die Brandmauer bleibt
In Ostdeutschland gelten AfD-Ergebnisse von etwa 40 Prozent immer häufiger als normal. Im Westen liegt die Partei meist zwischen 20 und 30 Prozent, in Großstädten oft unter 20 Prozent. Nach jüngsten Wahlen und Umfragen zeigt die Kurve weiter nach oben. In Mecklenburg-Vorpommern legte die AfD deutlich zu, blieb aber hinter den eigenen Erwartungen zurück. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig könnte trotz Verlusten mit Unterstützung der Grünen im Amt bleiben – den Aufstieg der AfD würde das nicht stoppen.
Auch in Berlin blieb das Ergebnis auf dem für Großstädte typischen Niveau. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen erreichte die AfD laut Infratest dimap im Juli 2026 36 Prozent. Die SPD kam auf 29 Prozent, die Linke auf zwölf, die CDU auf neun und die Grünen auf fünf Prozent. 2022 hatte die AfD dort noch bei 19 Prozent gelegen, 2024 stand die CDU ebenfalls bei 19 Prozent. Jetzt sind es neun. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD ebenfalls vor der CDU.
Eine Partei im Aufwind, eine Mitte ohne Rezept
Die Parteien der politischen Mitte haben den Aufstieg bislang weder durch Regierungspolitik noch durch überzeugende Konzepte zur Rückgewinnung früherer Wähler gestoppt. Die etablierten Volksparteien verlieren laut dem zugrunde liegenden Artikel seit längerer Zeit an inhaltlicher und personeller Substanz. Die CDU war davon lange weniger betroffen, schied nun aber in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Landtag aus. Der Artikel wertet das auch als Folge der Kanzlerschaft von Friedrich Merz.
Die Entwicklung ist dabei nicht einfach der gleichzeitige Absturz aller anderen Parteien. Eher bröckeln traditionelle Parteibindungen seit Jahren – und die AfD profitiert davon. Nach 1990 waren diese Bindungen in Ostdeutschland weniger stabil als im Westen, wo CDU, SPD oder FDP teilweise über Generationen gewählt wurden. Wechselwählen ist im Osten verbreiteter. Die AfD trifft also auf ein politisches Umfeld, in dem alte Haltepunkte schwächer geworden sind.
35 Jahre nach der Wiedervereinigung liegen Wirtschaftskraft und Finanzkraft der ostdeutschen Länder weiterhin unter dem Durchschnitt, auch wenn sich der Abstand zu schwächeren westdeutschen Ländern verringert hat. Westdeutsche Familien konnten über längere Zeit Eigentum, Unternehmen und Kapital aufbauen und vererben; diese Kontinuität war in der DDR deutlich geringer. Auf den höchsten Leitungsebenen der Bundesbehörden sind Ostdeutsche laut Bericht der Ostbeauftragten weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Da kann schon der Eindruck entstehen, dass über ostdeutsche Regionen vor allem Menschen entscheiden, die nicht dort leben.
Die Wiedervereinigung war für viele Ostdeutsche ein umfassender Systemwechsel: Betriebe verschwanden, Berufe verloren an Wert, Eigentumsstrukturen veränderten sich, Verwaltungen wurden neu aufgebaut. Für viele fielen Bundesrepublik, Arbeitsplatzverlust, Abwanderung, Privatisierung und gesellschaftliche Neuordnung zeitlich zusammen. Der Deutschland-Monitor 2025 zeigt, dass Menschen mit negativen Erfahrungen früherer tiefgreifender Veränderungen neue Umbrüche häufiger als Risiko bewerten.
Migration, Energiewende, Digitalisierung und Strukturwandel werden deshalb nicht nur als aktuelle Sachthemen betrachtet, sondern auch vor dem Hintergrund biografischer Erfahrungen. In strukturschwachen Regionen sind Veränderungsskepsis, Unzufriedenheit mit der Demokratie, geringes Institutionenvertrauen und das Gefühl politischer Einflusslosigkeit besonders ausgeprägt. Zwischen strukturstarken Regionen in Ost und West sind die Unterschiede laut Deutschland-Monitor deutlich geringer. Entscheidend sind vor allem wirtschaftliche Schwäche, Bevölkerungsverlust und geringe politische Selbstwirksamkeit.
Warum die Brandmauer für die AfD so wichtig ist
Die AfD verfolgt das Ziel, die Union so weit zu schwächen, dass sie ihre Bedeutung verliert. Tino Chrupalla sprach davon, die Union „pulverisieren“ zu wollen; Alice Weidel nannte als Ziel, sie zu einer „Splitterpartei“ zu machen. Gleichzeitig bietet die AfD der Union Gespräche an und fordert ein Ende der sogenannten Brandmauer. Laut dem Artikel besteht die Strategie darin, die Union durch Zusammenarbeit innerlich zu spalten und dadurch weitere Wähler zu gewinnen.
Anknüpfungspunkte sieht der Artikel in der Übernahme von AfD-Positionen, besonders in der Migrationspolitik, sowie in CDU-Vertretern, die eine Kooperation befürworten. Auch Medienvertreter und Professoren wie Andreas Rödder von der Universität Mainz und Christian Stecker aus Darmstadt treten laut Artikel für Gespräche und eine Zusammenarbeit der Union mit der AfD ein. Rödder, früher Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission, befürwortet demnach eine Unions-Minderheitsregierung. Stecker spricht von einer möglichen „Versöhnung“ und „Paartherapie“ zwischen den politischen Lagern.
Die AfD begrüßt solche Vorschläge – und verbindet Gespräche mit der Forderung, ihre migrationspolitischen Positionen zu übernehmen. CDU, SPD, Grüne und Linke lehnen Koalitionen mit der AfD ab; die CDU-Bundesführung bekräftigte diese Haltung erneut. Bei AfD-Wählern kann dieser Ausschluss von Regierungsverantwortung allerdings den Eindruck verstärken, ihre Stimme werde politisch nicht ernst genommen.
Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler und Parteienforscher, sieht in der Brandmauer trotzdem einen demokratischen Grund, nicht bloß taktisches Kalkül. Korte arbeitet zu Fragen des deutschen Parteiensystems, zu Wahlen, politischen Entscheidungsprozessen und politischer Führung. In einem am 16. August 2026 veröffentlichten YouTube-Gespräch der Unionstiftung ordnet er die Stärke der AfD in Ostdeutschland gesellschaftlich und historisch ein – mit Blick auf Wahlverhalten, regionale politische Erfahrungen, Vertrauen in demokratische Institutionen und die wahrgenommene Problemlösungskompetenz der Parteien.
Die AfD erzielt im Osten hohe Zustimmungswerte und hat sich zugleich programmatisch deutlich radikalisiert. Sie wird zunehmend nicht nur aus Protest, sondern aus Überzeugung gewählt. Korte verweist auf rechtsextreme Entwicklungen innerhalb der Partei und warnt vor politischen Vorstellungen, die Menschen unterschiedlich bewerten oder hierarchisieren. Eine solche Hierarchisierung berührt die Menschenwürde und grundlegende Prinzipien des Grundgesetzes.
Eine glaubwürdige Union könne nicht mit einer Partei zusammenarbeiten, die als gesichert rechtsextrem eingestuft werde, sagt Korte. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Zugleich unterscheidet Korte zwischen institutionalisierter Zusammenarbeit und der Zustimmung der AfD zu einzelnen Anträgen anderer Parteien. Eine solche Zustimmung sei nicht automatisch dauerhafte politische Kooperation oder Annäherung.
Ein Dilemma bleibt: Die Brandmauer kann der AfD möglicherweise keinen Anreiz geben, moderater oder pragmatischer zu werden. Daraus folgt für Korte aber nicht automatisch, dass eine Lockerung die bessere Lösung wäre. Hohe Wahlergebnisse machen problematische politische Positionen nicht weniger kritisch. Demokratische Legitimation durch Wahlen und die inhaltliche Bewertung politischer Forderungen sind zwei verschiedene Fragen.
Zwischen Protest, Überzeugung und Alltagssorgen
Die AfD verbindet Migration, soziale Sicherheit, Energiepolitik, Institutionenkritik und das Gefühl politischer Fremdbestimmung. Laut Bundeszentrale für politische Bildung verknüpfen AfD-Wähler Sorgen über Migration häufig mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, Verteilung, Sicherheit und staatlicher Fairness. Die Unterstützung lässt sich deshalb nicht ausschließlich als kultureller Konflikt über Migration erklären.
Die frühere Erklärung, AfD-Wahlen seien vor allem spontane Protestentscheidungen, reicht für anhaltende Zustimmungswerte von über einem Drittel nicht mehr aus. Ideologische Nähe zu den Positionen der AfD beeinflusst die Wahlentscheidung zunehmend; ein Teil der Wähler wählt die Partei bewusst wegen ihrer Inhalte. Korte warnt vor einer Politik, die ausschließlich aus Angst vor der AfD betrieben wird.
Vor Ort sieht der politische Kontrollverlust manchmal ganz unspektakulär aus: ein geschlossenes Krankenhaus, eine zusammengelegte Schule, der Bus, der nur noch selten kommt. Solche lokalen Verschlechterungen können das Gefühl staatlicher Leistungsschwäche verstärken. Viele Westdeutsche unterschätzen, dass die gemeinsame staatliche Ordnung seit 1990 mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen verbunden ist.
Politische Kommunikation wird stark von bundespolitischen Debatten, sozialen Netzwerken und großstädtischen Medienmilieus geprägt. Manche Menschen erkennen ihre Alltagssorgen darin nicht wieder. Die AfD nutzt diese Distanz und stellt sich als Gegenpol zum politischen Establishment dar. In strukturschwachen Regionen verfängt das leichter als dort, wo Arbeitsplätze entstehen, Menschen zuziehen und politische Entscheidungen im eigenen Leben tatsächlich als beeinflussbar erscheinen.
Ostdeutschland ist politisch ohnehin kein einheitlicher Block. Berlin, Leipzig, ländliche Regionen Brandenburgs, die Lausitz und Univers
