Heute ist der 4.10.2026. An der Uni Münster geht es um eine Frage, die schnell nach Grundsatzdebatte klingt, aber ziemlich konkret wird: Wie kann ein Islam mit Widersprüchen, Kritik und unterschiedlichen Perspektiven umgehen, ohne sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen?

Der islamische Philosoph Ahmad Milad Karimi plädiert für einen selbstkritischen Islam. Menschliche religiöse Auslegungen seien grundsätzlich begrenzt und fehlerhaft. Gerade diese Einsicht könne demütig machen. Ein „erwachsener Glaube“ habe deshalb keine Angst vor Vernunft, Wissenschaft, Zweifel, Kritik oder anderen Perspektiven. Er lasse sich hinterfragen – und bleibe dadurch lebendig.

Karimi lehrt seit 2016 Kalām, islamische Philosophie und Mystik und ist Professor an der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. In den vorliegenden Angaben wird er außerdem als Professor für Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster beschrieben. Seine Botschaft ist klar: Wer religiöse Überzeugungen für unfehlbar hält, macht aus Glauben schnell ein starres System.

Keine Konkurrenz zwischen Antisemitismus und Rassismus

Gemeinsam mit Mouhanad Khorchide veröffentlichte Karimi im Freiburger Herder-Verlag das Buch „21 Visionen für einen Islam der Zukunft“. Darin wendet er sich dagegen, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus gegeneinander auszuspielen.

Der Schutz jüdischen Lebens relativiert antimuslimischen Rassismus nicht. Wer antimuslimischen Rassismus benennt, dürfe beim Antisemitismus nicht schweigen. Zugleich müsse die historische Singularität der Shoah geachtet werden. Auch Antisemitismus in muslimischen Kontexten müsse klar benannt und bekämpft werden.

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Karimi stellt dabei die unteilbare Würde jedes Menschen in den Mittelpunkt. Sie müsse unabhängig davon verteidigt werden, welcher Gemeinschaft eine betroffene Person angehört oder ob sie zur eigenen Gruppe zählt. Ein Entweder-oder, bei dem das Leid der einen Seite gegen das Leid der anderen aufgerechnet wird, führt für ihn in eine Sackgasse.

Der Hintergrund dieser Debatte ist in Deutschland seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 unübersehbar. Antisemitische Vorfälle und Auseinandersetzungen über ihre Ursachen nahmen deutlich zu. RIAS dokumentierte in den ersten zwei Monaten danach 994 antisemitische Vorfälle: drei Fälle extremer Gewalt, 29 Angriffe, 32 Bedrohungen und 72 gezielte Sachbeschädigungen. OFEK verzeichnete 2023 zwölfmal so viele Unterstützungsanfragen wegen antisemitischer Gewalt und Diskriminierung wie 2022.

Betroffene erlebten Antisemitismus an Schulen und Hochschulen, im öffentlichen Nahverkehr, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft und bei Demonstrationen. Bis April 2024 registrierte das Bundeskriminalamt etwa 2.300 antisemitische Straftaten im Zusammenhang mit dem Nahostkrieg, vor allem Sachbeschädigungen und Volksverhetzungen. Die meisten wurden einer „ausländischen“ oder „religiösen Ideologie“ zugeordnet. RIAS stellte allerdings unterschiedliche politische Tätergruppen fest: Etwa jeder fünfte Vorfall wurde antiisraelischem Aktivismus zugerechnet, sechs Prozent hatten laut RIAS einen islamistischen Hintergrund.

Wenn Verdacht zur Pauschale wird

Die öffentliche Debatte konzentrierte sich stark auf propalästinensische Proteste, bei denen antisemitische Äußerungen vorkamen und Menschen mit muslimischem oder migrantischem Hintergrund präsent waren. Als Beispiel gilt das Verteilen von Baklava durch das palästinensische Samidoun-Netzwerk am 7. Oktober in Berlin-Neukölln. Muslimische Communities gerieten dadurch teilweise pauschal unter Verdacht.

Im November 2023 forderte Robert Habeck „die hier lebenden Muslime“ auf, sich ausdrücklich von Antisemitismus zu distanzieren. Medienberichte stellten muslimische Schüler teilweise pauschal als islamistisch oder antisemitisch dar und diskutierten eine angebliche „Islamisierung“ deutscher Schulen. Solche Zuschreibungen werden als Fortsetzung einer seit Beginn der 2000er Jahre geführten Debatte über einen „Neuen Antisemitismus“ beschrieben.

Beeinflusst wurde diese Debatte unter anderem durch israelfeindliche Demonstrationen und Anschläge seit dem Jahr 2000, islamistische Terroranschläge in Europa und muslimische Migration nach Europa. Der Begriff „importierter Antisemitismus“ gilt dabei als problematisch, weil er Antisemitismus externalisiert und den Antisemitismus unter der Mehrheitsbevölkerung ausblendet.

Der moderne Antisemitismus wurde in wesentlichen Punkten von europäischen Akteuren im 19. und 20. Jahrhundert geprägt. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ stehen beispielhaft für die internationale Verbreitung antisemitischer Verschwörungserzählungen; auch die Hamas bezog sich in ihrer Charta von 1987 darauf.

Deutschland ist eine postmigrantische Gesellschaft. Rund ein Drittel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, mehr als fünf Millionen Menschen sind Muslime. Antisemitismus kommt auch unter Nachkommen Zugewanderter und religiösen Minderheiten vor, wird dadurch aber nicht automatisch „importiert“.

Religion, Herkunft und politische Prägung

Die Autoren der Analyse plädieren für eine multidimensionale Betrachtung antisemitischer Einstellungen im Kontext von Migration. „Muslimischer Antisemitismus“ kann sehr unterschiedliche Gruppen pauschal zusammenfassen: Sunniten, Schiiten, Atheisten, Islamisten und Menschen aus unterschiedlichen Ländern. Zugleich kann der Begriff auf religiöse Einflussfaktoren hinweisen.

„Arabischer Antisemitismus“ kann regionale politische Einflüsse wie arabischen Nationalismus oder Panarabismus beschreiben, ohne Antisemitismus ausschließlich religiös zu erklären. Als besonders geeignet wird der Begriff „islamisierter Antisemitismus“ bezeichnet. Er beschreibt, wie moderne antisemitische Narrative mit islamischen Traditionen und Quellen verknüpft werden.

Der ägyptische Intellektuelle Sayyid Qutb verband in den 1950er Jahren europäische antisemitische Vorstellungen, insbesondere die Idee einer jüdischen Weltverschwörung, mit Koranerzählungen. Daraus entstand das Narrativ eines jüdischen Verschwörers, der den Islam beziehungsweise Muslime seit jeher bedrohe. Antisemitismus funktioniert dabei als „flexibler Code“: Er kann Erzählungen aus religiösen, kulturellen und politischen Zusammenhängen verbinden und verändert sich mit den historischen Bedingungen. Erklärungen, die Antisemitismus allein aus Religion ableiten, gelten als undifferenziert und potenziell rassistisch.

Empirisch nachweisbar sind antisemitische Vorurteile auch unter Menschen, die sich als Muslime bezeichnen. Eine Studie von Jannik M. K. Fischer und Peter Wetzels stellte in drei repräsentativen Befragungen erhöhte antisemitische Einstellungen unter Muslimen in Deutschland fest. Der Anteil manifester antisemitischer Einstellungen stieg demnach seit 2021 kontinuierlich und erreichte 2023 rund 17 Prozent. Eine deutliche Mehrheit der muslimischen Bevölkerung hatte damit keine manifesten antisemitischen Einstellungen.

Eine Hochschulstudie von Thomas Hinz, Anna Marczuk und Frank Multrus kam zu dem Ergebnis, dass muslimische Studierende häufiger antisemitische Einstellungen äußerten als christliche oder konfessionslose Studierende. Ein Teil dieses Unterschieds hing mit der eigenen oder familiären Herkunft aus einem Land nahe der Konfliktregion zusammen. Auch christliche Studierende äußerten häufiger antisemitische Einstellungen, wenn ihre Eltern aus einem solchen Land stammten. Die Haltung zum Nahostkonflikt ist also nicht ausschließlich an Religionszugehörigkeit gebunden.

Entscheidend kann vielmehr die konkrete Auslegung der Religion sein, besonders dogmatisch-fundamentalistische oder traditionell-konservative Einstellungen. Laut Berlin-Monitor ähneln Muslime mit antisemitischen Ressentiments in ihren Wertvorstellungen konservativen und autoritären nichtmuslimischen Gruppen. Antisemitismus wird daher eher mit konservativ-autoritären Einstellungen als mit Religion allein in Verbindung gebracht.

Auch antimuslimischer Rassismus nimmt zu

Neben dem Antisemitismus nahm nach dem 7. Oktober auch antimuslimischer Rassismus zu. CLAIM dokumentierte in den ersten sieben Wochen nach dem Hamas-Angriff mehr als 180 gewaltvolle antimuslimische Übergriffe, Beleidigungen und Drohungen. Schon im November lag die Zahl über dem Vorjahresniveau. Moscheen in Deutschland erhielten Drohschreiben, die unter anderem mit Fäkalien und Schweinefleisch gefüllt waren.

Bis Anfang April 2024 registrierte das Bundeskriminalamt im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt antimuslimische Straft