An der Universität Münster haben Forschende nach mehr als drei Jahren eine Studie zu spirituellem beziehungsweise geistlichem Missbrauch in den Bistümern Münster und Osnabrück vorgestellt. Die Untersuchung gilt nach Angaben des Forschungsteams als erste Studie zu diesem Thema in Deutschland. Grundlage sind 117 Interviews mit Betroffenen, früheren Mitgliedern und weiteren Beteiligten.

Im Mittelpunkt standen zwei katholische Gemeinschaften: „Totus Tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster und die „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück. Die Pilotstudie wurde von den Bistümern Münster und Osnabrück, der Deutschen Bischofskonferenz und einem Orden in Auftrag gegeben. Sie untersuchte ausschließlich negative Erfahrungen; positive Erlebnisse anderer Mitglieder waren nicht Gegenstand der Untersuchung.

Wenn Glaube zur Machtfrage wird

Geistlicher Missbrauch, so die Definition der Forschenden um Studienleiterin Judith Könemann, ist eine eigenständige Form von Machtmissbrauch neben sexuellem Missbrauch. Gemeint ist ein unzulässiger, von Machtinteressen gesteuerter Eingriff in das geistliche Leben und die Spiritualität eines Menschen. Religiöse Werte wie Gehorsam, Hingabe und Demut werden dabei zur Machtausübung eingesetzt, übergriffiges Verhalten religiös begründet oder gerechtfertigt. Geistlicher und sexueller Missbrauch können gemeinsam auftreten, sind aber voneinander unabhängig.

In den untersuchten Fällen forderten Leitungspersonen Selbstaufgabe, Selbstauslieferung und Unterwerfung. Genannt werden Indoktrination, Druck und Überforderung, Beschämung, Demütigung, Bloßstellung, Liebesentzug, Kontaktabbruch, Willkür und unberechenbares Verhalten. Persönliche und spirituelle Bedürfnisse Gläubiger seien ebenso ausgenutzt worden wie die eigene Autorität. Vorgaben erschienen als gottgewollt.

Betroffene berichteten von Isolation und dem Verlust ihres sozialen Umfelds. Manche hatten Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, misstrauten ihrer eigenen Wahrnehmung oder verloren die Fähigkeit zu selbstständigen Entscheidungen. Gesundheitliche Beeinträchtigungen kamen hinzu; nach dem Austritt war es für einige schwer, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In einzelnen Fällen wurden sogar Alltagsentscheidungen – etwa die Urlaubsplanung – von Leitungspersonen oder anderen Mitgliedern abhängig gemacht.

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Bei Kindern, die in die Gemeinschaften hineingeboren wurden, stellte die Studie unter anderem gewaltförmige Erziehung, das Brechen des eigenen Willens und ihre Vereinnahmung als zukünftige Gläubige fest. Kinder seien in einer der Gemeinschaften nicht als eigenständige Individuen betrachtet worden und hätten keine Rechte gehabt. Teilweise sprechen die Forschenden deshalb von „sektenähnlichen Strukturen“. Viele Betroffene konnten ihre Erfahrungen später verarbeiten und wieder selbstbestimmt leben. Der Weg dorthin war allerdings häufig lang.

Totus Tuus: Druck, Beichte und kein Ausweichen

„Totus Tuus Neuevangelisierung“ entstand Anfang der 1990er-Jahre und wurde ab 2007 als geistliche Gemeinschaft dem Bistum Münster zugeordnet. Sie sprach vor allem junge Menschen an, die ihren Glauben radikal und entschlossen leben wollten. Eine starke Gemeinschaftsbildung gehörte dazu. Ab 2017 gingen zahlreiche Beschwerden ein. Der damalige Münsteraner Bischof Felix Genn leitete eine Untersuchung ein und verbot die Gemeinschaft im November 2021. Der Vatikan bestätigte das Verbot im Juli 2022 und beschloss die Auflösung.

Laut Studie herrschten hoher Gebets- und Evangelisierungsdruck sowie die Vorgabe, dass bisherige Leistungen niemals ausreichten. Das habe ständige Selbstvorwürfe gefördert; die Regeln hätten sich tief im Denken der Mitglieder verankert. Systematische Beschämung, Bloßstellung, hoher Druck, unberechenbare Willkür und Liebesentzug werden als konkrete Praktiken genannt.

Der Missbrauch habe in Groß- und Kleingruppen, bei Beichten und in der geistlichen Begleitung stattgefunden. Charismatische Leitungspersonen schufen und verstärkten Abhängigkeiten. Zweifel und Kritik seien als Sünde oder Versuchung gedeutet worden. Zeitliche und räumliche Ausweichmöglichkeiten hätten teilweise gefehlt – in Teilen spricht die Studie von einer „totalen Institution“. Vertrauliche Gespräche, Beichte und „Seelenführung“ konnten psychische Abhängigkeiten zusätzlich festigen.

Ein Ausstieg gelang häufig erst mit Unterstützung von außen. Solche Menschen waren für Betroffene ein „Anker der Realität“. Die Leitungen der untersuchten Gemeinschaften weisen die Vorwürfe vollständig zurück.

Die „Christusgemeinschaft“ entstand Mitte der 1970er-Jahre, war vor allem im Bistum Osnabrück tätig und kirchenrechtlich nie anerkannt. Sie entstand im Umfeld der Thuiner Franziskanerinnen und ist inzwischen aufgelöst. Auch hier berichten die Forschenden von strengen Normen. Insbesondere Frauen seien unter Druck gesetzt worden, den Vorstellungen der Leitungen zu entsprechen.

Die Bistümer unter Erklärungsdruck

Den Bistumsleitungen wirft die Studie vor, auf Hinweise oft nicht, zu spät oder nicht konsequent reagiert zu haben. Verantwortliche in Münster und Osnabrück hätten Schwierigkeiten gehabt, die Missstände anzuerkennen und dagegen vorzugehen. Mitglieder sowie Menschen, die Probleme ansprachen, seien über längere Zeit nicht oder kaum als relevant wahrgenommen worden.

Die Forschenden kritisieren, dass das Bistum Münster erst nach einer größeren Zahl von Beschwerden tätig wurde. Frühere Hinweise seien als Einzelfälle behandelt worden. Lange habe man vor allem die positiven Seiten der Gemeinschaft gesehen und sich von der Begeisterung junger Mitglieder beeinflussen lassen. Zum Veröffentlichungszeitpunkt wollte sich das Bistum zunächst nicht äußern, weil es die Studie noch nicht gelesen hatte. Für den 5. Oktober 2026 war eine Pressekonferenz mit Bischof Heiner Wilmer angekündigt.

Wilmer will bestehende Schutzmaßnahmen ausbauen und präzisieren. Auch die Standards für geistliche und seelsorgliche Begleitung sollen verbessert werden. Er verwies zudem auf eine von seinem Vorgänger Felix Genn erlassene Disziplinarordnung für Kleriker.

Bischof Dominicus Meier erklärte, die Studie habe ihn als Ordensmitglied und Angehörigen einer Geistlichen Gemeinschaft sprachlos gemacht. Über Jahrzehnte seien geistliche Gemeinschaften als eine Art „Rettung“ angesehen worden. Dadurch seien problematische Seiten übersehen worden. Das Thema sei inzwischen Bestandteil von Personalgesprächen und Visitationen. Bei Gemeinschaften päpstlichen Rechts, für die er nicht zuständig ist, stehe er regelmäßig mit der zuständigen Vatikanbehörde in Kontakt.

Meier fordert alle Geistlichen Gemeinschaften auf, die Studie eigenständig zu prüfen, ihre Regeln zu überarbeiten und sämtliche Mitglieder über das Thema zu informieren. Bischofskonferenz-Generalsekretärin Beate Gilles betonte zugleich das Selbstbestimmungsrecht katholischer Gemeinschaften und ihre Freiheit gegenüber bischöflicher Bevormundung. Aufsicht und Kontrolle müssten deshalb mehrere Interessen ausgleichen.

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission des Bistums Münster verlangt eine gemeinsame Strategie. Dazu gehören sollen Machtkontrolle, unabhängige Beschwerdestellen und professionelle Prüfverfahren. Geplant ist außerdem eine bundesweit zentrale Anlaufstelle für Betroffene von spirituellem oder sexuellem Missbrauch. Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz soll die Ergebnisse und Folgen der Studie beraten.

Ein Orden schaut zurück

Maria Cordis Reiker, Generaloberin der Thuiner Franziskanerinnen, räumte ein, dass ihre Vorgängerinnen trotz Hinweisen zu lange gezögert hätten, eine Schwester mit starkem charismatischem Einfluss aus der Begleitung junger Menschen zu entfernen. Die damalige Lage sei komplex und unübersichtlich gewesen.

Nach Konflikten innerhalb der Gemeinschaft befasst sich der Orden kontinuierlich mit dem Verhältnis von Nähe und Distanz. Die neue Studie soll dort noch ausführlicher ausgewertet werden. Das klingt nüchtern, ist aber keine Kleinigkeit: Gerade in geistlichen Beziehungen verschwimmen Grenzen oft leise – erst ein Rat, dann eine Vorgabe, irgendwann scheinbar kein eigener Schritt mehr.

Geistliche Gemeinschaften sind Zusammenschlüsse von Gläubigen, die vielen Menschen eine geistliche Heimat bieten. Sie unterscheiden sich stark nach Größe, Struktur, Organisation und Tätigkeit. Attraktiv sind sie besonders für Menschen, die ihren Glauben intensiv, radikal und entschlossen leben wollen. Die Studienergebnisse sollen helfen, spirituellen Missbrauch künftig zu verhindern sowie Intervention und Prävention zu verbessern.