Zum Tag der offenen Moschee hat der Islamtheologe Mouhanad Khorchide muslimische Gemeinden zu einem deutlichen Signal für einen weltoffenen Islam aufgefordert. Im Deutschlandfunk sagte er, Gemeinden müssten prüfen, welchen aktiven Beitrag sie zu demokratischen Werten und zur Bekämpfung von Antisemitismus leisteten.

Nach Gewalttaten wie dem Anschlag am Rande des diesjährigen Berliner CSD müssten muslimische Gemeinden offen für Selbstkritik sein. Vertreter des Islams sollten Gewalt nicht nur verurteilen, sondern auch fragen, ob theologische Grundlagen unbeabsichtigt Gewalt begünstigten. Khorchide ist Direktor des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster.

Zwischen Begegnung und Selbstprüfung

Der Tag der offenen Moschee dient zugleich der Begegnung. Gespräche, Besuche und Einblicke in den Alltag der Gemeinden können helfen, Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen. Khorchide verweist allerdings auch auf ein schwieriges Muster: Die Verbindung des Islams mit Gewalt sei besonders in Regionen verbreitet, in denen vergleichsweise wenige Muslime lebten.

Viele muslimische Gemeinden seien weiterhin durch frühere Gastarbeiterstrukturen und die Herkunft ihrer Mitglieder geprägt. Umso stärker müsse geklärt werden, wie sich Muslime als Deutsche identifizieren könnten. Dazu gehöre, den Koran vor dem Hintergrund demokratischer Grundwerte und heutiger Erkenntnisse zu interpretieren.

„Ohne Judentum kein Islam“

Wie eng Khorchide Islam und Judentum theologisch verbunden sieht, zeigte sich bereits bei einem Hanns-Lilje-Forum der Hanns-Lilje-Stiftung. Der Islam-Wissenschaftler forderte dort, jüdisches Leben aktiv zu schützen und zu fördern, und plädierte für eine grundlegende Erneuerung des Verhältnisses zwischen Islam und Judentum.

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In seinem Buch „Ohne Judentum kein Islam“ beschreibt Khorchide den starken Einfluss jüdischer Überlieferungen auf den Islam. Am Dienstagabend war er dazu in der Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover zu Gast. Anlass für das Buch waren laut Khorchide insbesondere die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 und die zunehmende Lagerbildung.

Bei Schulbesuchen habe er beobachtet, wie sich proislamische und projüdische Jugendliche innerhalb weniger Minuten in feindselige Gruppen aufteilten. Eine projüdische Haltung sei aus islamischer Sicht jedoch kein bloßes Zeichen von Toleranz, sondern ein grundlegender Bestandteil muslimischen Glaubens.

Moses, Jerusalem und politische Narrative

Bei einer chronologischen Lesart des Korans berufe sich Mohammed zunächst vor allem auf Moses und nicht auf Abraham. Moses werde im Koran am häufigsten erwähnt. Jüdische Erzählungen hätten Mohammed als Grundlage für die Verkündigung des Islam gedient. Daraus leitet Khorchide die Pflicht von Muslimen ab, jüdisches Leben aktiv zu schützen.

Theologisch stünden sich Islam und Judentum laut Khorchide sehr nahe. Als Beispiele nennt er Speisevorschriften, die in vielen Fällen aus dem Judentum übernommen worden seien. Außerdem hätten Mohammed und die frühen Muslime jahrelang in Richtung Jerusalem gebetet.

Dass dieses Bewusstsein in der islamischen Welt wenig verbreitet sei, führt Khorchide vor allem auf politische Narrative zurück, die religiöse und theologische Argumente überlagerten. Viele Muslime begründeten Vorurteile hauptsächlich mit dem Nahost-Konflikt. Islamistische Propaganda in sozialen Medien verdrehe koranische Aussagen und fördere antijüdische Ressentiments.

Die Gemeinsamkeiten sollten nach Khorchides Ansicht dauerhaft im Bildungssystem, in der Jugendarbeit und in den Medien vermittelt werden. Seine Forderung nach Selbstkritik reicht damit von der Frage nach demokratischen Werten bis zum konkreten Umgang mit jüdischem Leben – ein weiter Bogen, der am Tag der offenen Moschee in Gemeinden, Schulen und im Netz weiterdiskutiert werden dürfte.

Die Nachricht wurde am 3. Oktober 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Der Bericht steht im Zusammenhang mit Khorchides Arbeit am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster.