Wie viel Westen steckt in unserem Alltag – und wer entscheidet eigentlich, wo dieser Westen beginnt? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Universität Münster im Wintersemester in einer öffentlichen Ringvorlesung: „Der Westen. Eine interdisziplinäre Standortbestimmung“. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen bringen dafür aktuelle Forschungsperspektiven zusammen.

Die Vorträge finden ab dem 19. Oktober montags von 16 bis 18 Uhr ausschließlich online statt. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist erforderlich. Organisiert wird die Reihe von der Kontaktstelle Studium im Alter. Anmeldung und vollständiges Programm stehen unter uni.ms/studia-ring.

Geopolitik, Popkultur und offene Fragen

Den Auftakt bildet am 19. Oktober Prof. Dr. Paul Reuber vom Institut für Geographie. Sein Vortrag trägt den Titel „Die Rückkehr der Geopolitik. Globale Risikodiskurse in Zeiten von ‚Westlessness‘ und multipolarer Weltordnung“. Weitere Termine widmen sich unter anderem dem Beitrag von Literatur und Popkultur zur Idee des Westens sowie politischen und religiösen Aspekten.

Die Veranstaltungsbeschreibung setzt einen Schwerpunkt auf die Mitte des 20. Jahrhunderts. „Amerikanisierung“ und „Westen“ sind zwar eng miteinander verbunden, beschreiben aber unterschiedliche Formen des Kulturtransfers. Der Westen erscheint dabei als „Konfrontationsbegriff“ und als „Figur der Asymmetrie“. Offen bleibt etwa, wo und wann er beginnt, wer politisch oder kulturell dazugehört, wie er vermittelt wird und was „Westernisierung“ konkret beschreibt.

Der Historiker Jürgen Osterhammel nennt den Westen ein „sehr elastisches Sinnkonstrukt“. Zunächst wird er aus der Perspektive der deutsch-amerikanischen Bildungsgeschichte kritisch untersucht. Dabei geht es um transnationale Verflechtungen und Kulturtransfers im Schul- und Bildungswesen – und um die Frage, ob es eine „westliche“ Bildung, Kultur oder Zivilisation gab beziehungsweise gibt. Danach folgen Beispiele aus europäischer und globaler Perspektive. Vorgesehen sind Expert:innen aus der historischen Bildungsforschung und verwandten Disziplinen; die Vorträge finden auf Deutsch oder Englisch statt.

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Die Ringvorlesung soll eine distanzierte Reflexion über Vorstellungen des Westens ermöglichen, die in aktuellen Problemfeldern wieder stärker wirksam sind. Das passt zur etwas sperrigen, aber produktiven Grundfrage: Der Westen ist nicht einfach da. Er wird gemacht, vermittelt, bestritten – und manchmal auch erst im Streit sichtbar.

Was „Westernisierung“ historisch meint

In der historischen Forschung bezeichnet „Westernisierung“ den Transfer von Ideen und Werten, vor allem aus den USA, in die Nachkriegsgesellschaften Westdeutschlands, Frankreichs und Italiens zwischen 1945 und 1970. Der Begriff gilt als ein Element der Verwestlichung und ist eng mit der Amerikanisierung verbunden, muss von ihr aber unterschieden werden.

Amerikanisierung meint insbesondere die Übernahme US-amerikanischer Lebensstilelemente. „Coca-Colisierung“, „McDonaldisierung“ und das Tragen von Jeans gehören zu den oft genannten Beispielen. Westernisierung reicht weiter. Laut Anselm Doering-Manteuffel wurden westliche Werte nicht einfach einseitig aus Amerika übernommen. Es handelte sich vielmehr um einen wechselseitigen Prozess, einen „Kreislauf politischer, sozialökonomischer und kultureller Ordnungsvorstellungen“.

Die transatlantische Wertebindung prägte insbesondere die Bundesrepublik Deutschland. Remigranten, Presse und Publizistik, Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen, die Wissenschaft – etwa die Soziologie – und weitere Bereiche des öffentlichen Lebens waren daran beteiligt. So entstand allmählich eine Westorientierung, die gesellschaftliche Kräfte im Umfeld der Studentenbewegung von 1968 häufig infrage stellten. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 löste die Westorientierung von Werten und Normen erneut innergesellschaftliche Debatten aus.

Vom Bildungswesen bis zur Ethnomusikologie

Das Konzept der Westernisierung wird auch in weiteren historisch-vergleichenden und transfergeschichtlichen Forschungskontexten verwendet. Gemeint sein kann dann die Übernahme westlicher Bräuche in andere Kulturen, vor allem in kommunistisch oder islamisch geprägten Gesellschaften außerhalb des Westens, teilweise aber auch innerhalb westlicher Gesellschaften. Musikalische Praktiken liefern dafür ein Beispiel.

Die in diesem Zusammenhang genannte Literatur behandelt unter anderem die Westernisierung von SPD und DGB, das Verhältnis von Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, die Geschichte der Bundesrepublik, den Marshallplan und den Wiederaufbau Europas, gesellschaftliche Wandlungsprozesse in Westdeutschland sowie Westernisierung und Modernisierung in der Ethnomusikologie.

Für die Organisation der Vorlesung wird eine Anmeldung in HISLSF empfohlen. Teilnahme und Verbuchung der Leistungen in QISPOS sind jedoch auch ohne vorherige HISLSF-Anmeldung möglich. Die Veranstaltungsangabe nennt als Beginn den 12.10.2022; die Ankündigung der Universität führt den Auftakt am 19. Oktober und die Termine montags von 16 bis 18 Uhr ausschließlich online aus.