Neue Geschäftsführerin setzt auf Zuhören und Sichtbarkeit für Paderborns Wirtschaft
Christine Tölle ist seit vier Wochen Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Paderborn. Ihre erste Zeit beschreibt sie als ereignisreich, abwechslungsreich, intensiv und schön. Beim ersten Unternehmensfrühstück, das sie als Gastgeberin ausrichtete, war die Aufregung trotzdem da: Nach dem Bürgermeister im Rathaus zu sprechen, habe sich zugleich aufregend und ehrfürchtig angefühlt. Unter den rund 150 Gästen kannte sie viele persönlich.
Das passt zu ihrer eigenen Geschichte mit der Stadt. Tölle lebt seit vielen Jahren in Paderborn, promovierte dort in Wirtschaftsinformatik und wohnt mit ihrer Familie in Schloß Neuhaus. Aufgewachsen ist sie nahe Chicago. Ursprünglich wollte sie nicht in Paderborn bleiben. Dann lernte sie dort ihren Mann kennen, schätzte die Stadt zunehmend – und fand kurze Arbeitswege sowie Kita- und Schulangebote vor, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichterten.
Erst zuhören, dann anpacken
Paderborn habe großes wirtschaftliches Potenzial, sagt Tölle: engagierte Unternehmen, eine starke Gründerszene, Energie und bodenständige Strukturen. Was bislang fehle, sei vor allem die öffentliche Sichtbarkeit dieser Stärken. Ihre ersten Aufgaben sieht sie deshalb im Zuhören, Lernen und Verstehen. An bestehende Angebote will sie anknüpfen, Erfolgreiches ausbauen und gemeinsam mit Stadt, Unternehmen, Universität und dem eigenen Team Ziele für die Zukunft entwickeln.
Start-ups sollen dabei auf ein bereits vorhandenes Unterstützungsökosystem zurückgreifen können. Dazu gehören Beratung zu Finanzierung, Unternehmensgründung und Wachstum, Angebote von Stadt und Universität, Kontakte zu erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmern sowie kurze Wege zu den richtigen Ansprechpartnern. Wie viel Unterstützung ein Betrieb braucht, bleibt ihm überlassen: vom kurzen Telefonat bis zum dreitägigen Seminar. Die Wirtschaftsförderung wolle nichts aufdrängen, sondern ihre Leistungen an den Bedürfnissen der Kunden ausrichten.
Tölle kennt diese Perspektive auch aus eigener Erfahrung. Als sie früher eine Tätigkeit als Interim-Beraterin plante, ließ sie sich selbst von der Wirtschaftsförderung beraten. Dabei wurde unter anderem kritisch geprüft, ob die Zielgruppe passte und ob der Businessplan tragfähig war. Geblieben sei bei ihr der Eindruck fachkompetenter und zugleich menschlicher, konstruktiver Beratung.
Flächen, Innenstadt und ein heikler Brauerei-Fall
Neben Gründerinnen und Gründern unterstützt die Wirtschaftsförderung Bestandsunternehmen – etwa bei Wachstum, der Suche nach Gewerbeflächen und Infrastrukturfragen. Unternehmensbesuche, Netzwerkveranstaltungen und Angebote des Standortmanagements gehören ebenfalls dazu. Das Standortmanagement erfasst, wo Flächen gebraucht werden, und bringt Anbieter mit Interessenten zusammen. Ein Beispiel: Baut ein Unternehmen eine 2.000-Quadratmeter-Halle, benötigt aber nur 1.000 Quadratmeter, kann die übrige Fläche vermietet werden.
Neue Gewerbeflächen sollen unter anderem im interkommunalen Gewerbegebiet Paderborn-Borchen und im Zukunftsquartier entstehen. Viele Grundstücke befinden sich allerdings in Privatbesitz. Auf Grundlage des Siedlungsflächenmonitorings der Bezirksregierung schrieb die Wirtschaftsförderung Anfang des Jahres gemeinsam mit dem Bürgermeister mehr als 65 Eigentümer unbebauter Gewerbegrundstücke an und lud sie zum Dialog ein.
Für Unternehmen zählen außerdem die Bedingungen rund um den Arbeitsplatz: eine starke Innenstadt, Freizeitangebote und Gastronomie. Das Citymanagement wurde 2025 als gemeinsame Initiative von Stadt und Wirtschaftsförderung neu strukturiert. Den Innenstadtbereich will die Wirtschaftsförderung künftig stärker unterstützen.
Unruhiger ist die Lage bei der Paderborner Brauerei. Warsteiner plant, die Produktion ins Sauerland zu verlagern; wenige Monate vor dem geplanten Produktionsende ist die Zukunft des Standorts Paderborn weiterhin offen. Die Haus-Cramer-Gruppe sucht nach wie vor einen Käufer für das Werk. Nach Angaben aus Teilen der Belegschaft sahen sich Vertreter der Paulaner Brauerei Gruppe das Gelände an. Ob daraus konkretes Kaufinteresse entstanden ist, bleibt offen, eine Bestätigung entsprechender Gespräche liegt bislang nicht vor.
Die Stadt Paderborn bestätigte lediglich, dass weiterhin Verkaufsgespräche geführt werden und sie regelmäßig mit Warsteiner im Austausch steht. Rund 120 Beschäftigte warten noch immer auf Informationen über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, NGG, beschreibt die Stimmung als sehr angespannt. Einige Beschäftigte interessieren sich laut NGG für einen Wechsel zum Warsteiner Stammwerk. Wie viele dieses Angebot annehmen, könnte davon abhängen, ob der Paderborner Standort verkauft wird – und wer ihn übernimmt.
Bei einigen Paderborner Produkten steht offenbar inzwischen auf dem Etikett, dass sie im Sauerland hergestellt oder abgefüllt wurden. Die NGG beruft sich dabei auf Hinweise aus der Belegschaft. Die Angaben sollen verhindern, dass Verbraucher über den tatsächlichen Herstellungs- oder Abfüllort getäuscht werden. Die Marke Paderborner soll erhalten bleiben, das Bier künftig in Warstein produziert werden. Falls kein Käufer gefunden wird, soll die Produktion in Paderborn zum Jahresende eingestellt werden. Die Haus-Cramer-Gruppe hat auf mehrere Anfragen des WDR bislang nicht reagiert.
Tölle will die Beschäftigten ehrlich informieren und in den Prozess einbeziehen. Solange keine Entscheidung vorliegt, sollten vorläufige Aussagen vermieden werden. Die Wirtschaftsförderung könne im Kontakt mit Warsteiner Gespräche anbieten, moderieren und bei der Suche nach einer möglichen Nachnutzung der Fläche helfen. Ob das Unternehmen diese Unterstützung annimmt, entscheidet Warsteiner.
Kostenlos für Unternehmen, politisch begrenzt
Für Unternehmen und Gründer ist die Arbeit der Wirtschaftsförderung kostenlos. Die größten eigenen Ausgaben entfallen auf Personalkosten. Über Auftrag und Zuschnitt entscheidet nicht die Geschäftsführung, sondern der Aufsichtsrat gemeinsam mit dem Rat. Eine mögliche Ausweitung auf den gesamten Kreis Paderborn wird politisch beraten.
Auch die Haushaltskrise blendet Tölle nicht aus. Sie möchte strategisch nach vorne schauen und positive Impulse setzen. Starke Unternehmen könnten dazu beitragen, die Haushaltslage zu verbessern. Als Tochtergesellschaft der Stadt versteht sich die Wirtschaftsförderung als Teil Paderborns und will zur positiven Entwicklung beitragen.
Der Blick von der Universität Paderborn aus reicht dabei über die Stadtgrenzen hinaus. Das Deutsche Institut für Urbanistik, Difu, hat 2026 die Publikation Kommunale Wirtschaftsförderung 2025 – Ergebnisse der aktuellen Difu-Umfrage veröffentlicht. Autorin ist Sandra Wagner-Endres. Die Studie erscheint als Band 4/2026 der Reihe Difu Impulse, umfasst 51 Seiten mit zahlreichen Tabellen und Grafiken in vierfarbiger Gestaltung und kann kostenlos heruntergeladen werden.
Wirtschaftsförderung als Querschnittsaufgabe
Untersucht wird die aktuelle Situation kommunaler Wirtschaftsförderungen in Deutschland. Die Publikation knüpft an frühere Difu-Befragungen an und betrachtet, wie sich Aufgaben, Strategien und organisatorische Strukturen entwickeln. Als Rahmenbedingungen nennt sie verschärfte finanzielle Bedingungen, geopolitische Unsicherheiten und zunehmende gesellschaftspolitische Spannungen.
Gleichzeitig wachsen die Erwartungen: Kommunale Wirtschaftsförderungen sollen wirtschaftliche Stabilität sichern, Transformation begleiten und nachhaltige Entwicklung voranbringen. Im Mittelpunkt der Studie stehen Flächenentwicklung, Kreislaufwirtschaft, Kooperationen und die institutionelle Resilienz der Wirtschaftsförderungen. Sie werden zunehmend als bereichsübergreifende Akteure verstanden – irgendwo zwischen knappen Kassen, wachsendem Steuerungsanspruch und der sehr langfristigen Arbeit an Veränderungsprozessen.
Die Studie beschreibt Herausforderungen und mögliche Entwicklungspfade und verbindet empirische mit praxisbezogenen Erkenntnissen. Weitere Difu-Termine stehen bereits fest: Am 16. und 17. November 2026 geht es im Seminar „Kreislaufstadt konkret: Strategien, Strukturen, Starterprojekte“ um Strategien, Akteure und Praxisbeispiele der Kreislaufwirtschaft in Kommunen. Am 9. Dezember 2026 folgt das Online-Seminar „Kommunale Partnerschaften und ihr Potenzial in der lokalen Wirtschaftsförderung“ über wirtschaftliche Zusammenarbeit in kommunalen Partnerschaften und der Entwicklungszusammenarbeit.
Außerdem gibt es die Publikation „Indirekte regionalwirtschaftliche Effekte der Smart City“ zu den Auswirkungen digitaler Lösungen auf Wirtschaftsstandorte. Der Kurzlink dazu lautet difu.de/19641.
