Universität Rostock bringt Aquaponik-Forschung als „Campus Catch“ in die Fischdose
In Rostock landet Forschung jetzt in der Fischdose. Die Universität Rostock hat gemeinsam mit der Schwaaner Fischwaren GmbH erstmals ein eigenes Dosenprodukt auf den Markt gebracht: „Campus Catch“. Gedacht ist es vor allem als Gastgeschenk, das ein Stück Rostock in die Welt tragen soll. Kaufen lässt sich der Fisch trotzdem – im Onlineshop der Universität unter www.ur-campusstore.de.
In der Dose steckt Afrikanischer Raubwels aus eigener Zucht, genauer: aus der Aquaponikanlage der Fakultät für Agrar, Bau und Umwelt. Dort wachsen Fische und Pflanzen nicht getrennt voneinander. Die Fische reichern das Wasser mit Nährstoffen an, dieses Wasser wird für den Pflanzenbau genutzt, anschließend gereinigt und wieder in der Fischzucht eingesetzt. Ein Kreislauf, der mit möglichst wenig Frischwasser auskommen soll.
Raubwels aus dem Uni-Kreislauf
Die Anlage produziert nach Angaben der Universität beziehungsweise von Lehrstuhlleiter Professor Harry Palm jährlich etwa zwei bis vier Tonnen Fisch. Ein Raubwels erreicht nach ungefähr sechs Monaten durchschnittlich ein Schlachtgewicht von rund 1,5 Kilogramm. Für die Art sprechen laut Palm ihr Wachstum, ihre biologischen Eigenschaften, ihre Resilienz und ihre Krankheitsresistenz. Sie gilt als unempfindlich gegenüber schlechter Wasserqualität, niedrigem Sauerstoffgehalt und hoher Nährstoffbelastung. Antibiotika seien bei der Zucht nicht nötig.
Seit 15 Jahren forscht die Universität Rostock daran, die kommerzielle Zucht des Afrikanischen Raubwelses in Mecklenburg-Vorpommern effizienter zu machen. Die Fischart wird in Mecklenburg-Vorpommern seit etwa 15 Jahren kommerziell gezüchtet. Initiatorin des Dosenprojekts war Rektorin Elizabeth Prommer: Sie suchte ein forschungsbezogenes Geschenk für Gäste der Universität. Erste Erfahrungen mit Raubwels als Lebensmittel sammelte das Team bereits bei der Hanse Sail mit Fischbrötchen.
Auch auf der Dose bleibt der Kreislauf sichtbar. Das Basilikum für die Soße stammt ebenfalls aus der Aquaponikanlage, weitere Kräuter werden dort angebaut. Das Team prüft derzeit, ob sich in derselben Anlage auch Erdbeeren kultivieren lassen. Die Forschung läuft also weiter, während der erste Fisch schon im Regal steht.
Fruchtig, leicht scharf – und kein klassischer Hering
„Campus Catch“ enthält Afrikanischen Raubwels in einer Tomaten-Chutney-Soße mit Mango und Basilikum. Das süß-säuerliche Chutney ergänzt den Fisch, ist leicht scharf und fruchtig. Neben Tomate, Zwiebel, Senfsaat, Mango, Zucker, Essig und Gewürzen sorgt das Basilikum für die grüne Note. Die Rezeptur entstand gemeinsam mit der Schwaaner Fischwaren GmbH bei einer Verkostung; das Unternehmen entwickelte unter anderem das fruchtige Chutney statt einer klassischen Tomatensoße.
Schwaan verarbeitet normalerweise überwiegend Hering. Doch die Heringsbestände in der Ostsee sind stark zurückgegangen, für die westliche Ostsee gelten strenge Fangbeschränkungen. Der Hering kommt deshalb inzwischen meist aus der Nordsee oder aus weiter entfernten Fanggebieten. Angesichts dieser Entwicklung sieht das Unternehmen Bedarf an neuen Wegen der Fischproduktion. Der Wels kommt nun aus Rostock – und riecht beim Öffnen der Dose vermutlich deutlich anders als der vertraute Matjes.
Der erste Produktionstermin war im Juli. Zunächst wurden 2.000 Dosen hergestellt. Eine Dose ist bis zu fünf Jahre haltbar und kostet fünf Euro. Weitere Produktion ist möglich, braucht aber Zeit: Die Universität muss die Fische zunächst nachzüchten.
Forschung mit wirtschaftlichem Blick
Wie tragfähig solche Anlagen in Mecklenburg-Vorpommern wirtschaftlich sind, untersucht auch eine Dissertation von Johannes Christian Pasch an der Universität Rostock. Die 2022 veröffentlichte Arbeit trägt den Titel „Rezirkulierende Aquakultursysteme (RAS) des Afrikanischen Raubwelses Clarias gariepinus und ihre Bedeutung für die landwirtschaftliche Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern“.
Pasch untersuchte das Wachstumsverhalten von Clarias gariepinus, neue aquaponische Subsysteme sowie die Entwicklung und aktuelle Situation von Raubwels-RAS und Aquaponik in Mecklenburg-Vorpommern. Im Mittelpunkt standen außerdem die wirtschaftlichen Probleme rezirkulierender Aquakultursysteme und Aquaponikanlagen mit Afrikanischem Raubwels sowie die wirtschaftliche Lage entsprechender Anlagen. Aus den Ergebnissen leitete er konkrete Handlungsempfehlungen ab.
Die Dissertation wurde an der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock vorgelegt. Sie ist auf Deutsch verfasst und enthält eine englische Zusammenfassung, das Fachgebiet ist Landwirtschaft und Veterinärmedizin. Der Text ist frei im Open Access zugänglich; die Nutzung unterliegt den Bestimmungen des deutschen Urheberrechtsgesetzes. In RosDok ist die Arbeit unter der ID rosdok_disshab_0000002928 verzeichnet. Sie wurde am 1. März 2023 erstellt und am 8. August 2023 geändert.
Während in Schwaan die ersten 2.000 Dosen abgefüllt wurden, blieb in der Rostocker Anlage das Wasser in Bewegung: Fischzucht, Pflanzenbau, Reinigung, Rückführung. Und irgendwo dazwischen wächst vielleicht schon die nächste Erdbeere – oder der nächste „Campus Catch“.
