Vom Physikstudenten zum Theatermacher: Wolfgang Bordels Bühnenleben in Vorpommern
Heute, am 4. Oktober 2026, wirkt Wolfgang Bordel an der Universität Rostock fast wie jemand, der gleich um die Ecke auftauchen könnte: mit einer neuen Idee, einem trockenen Spruch und vermutlich einem Plan für eine Bühne, die es noch gar nicht gibt. 1973 übernahm er hier während seines Studiums die Leitung der FDJ-Studentenbühne. Aus dem Physikstudenten wurde ein Theatermacher, der Vorpommern über Jahrzehnte prägen sollte.
Martina Krüger, Bordels langjährige Lebensgefährtin und frühere Pressesprecherin der Vorpommerschen Landesbühne, hat nun ein Buch über ihn geschrieben. Den Anstoß gaben auch Dokumente, die sie nach seinem Tod 2022 in einer alten Holzkiste im gemeinsamen Haus in Schmatzin fand. Das Buch verbindet persönliche Erinnerungen und Bordels Nachlass mit Stationen der Theatergeschichte im Nordosten seit Mitte der 1970er-Jahre.
Zwischen Physik, Parteikritik und Bühne
Bordel wuchs in Halle auf. Nach einer Lehre als Lokomotivschlosser absolvierte er eine Berufsausbildung mit Abitur zum Triebfahrzeug-Elektriker. Von 1970 bis 1974 studierte er Physik an der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock und schloss mit Diplom ab. 1974 begann er an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Philosophiestudium, promovierte dort 1979 mit der Arbeit „Philosophische Fragen der Naturwissenschaften“ und arbeitete anschließend an der Berliner Akademie der Wissenschaften zur mathematischen Modellierung von Wissenschaftsprozessen.
Das Theater lief dabei längst parallel. Ab 1967 spielte Bordel am Arbeitertheater in Halle, ab 1972 leitete er das Studententheater der Universität Rostock. 1973 übernahm er die FDJ-Studentenbühne; 1975 kritisierte die SED-Hochschulgruppenleitung, dass dort keine Stücke mit „klarer politischer Aussage“ gespielt worden seien. Auf der Liste standen unter anderem eine Molière-Komödie, „Nachfeier“ und ein Hörspiel von Heinrich Böll.
Bordel antwortete schriftlich. Künstler zu sein bedeute für ihn eine Berufung, schrieb er, zugleich gebe es keine Alternative zum „sozialistischen Weg“. Wegen seiner politischen Ansichten wurde er als „Parteischädling“ bezeichnet und erhielt eine Parteistrafe wegen der Verbreitung „trotzkistischer Auffassungen“. Sein früherer Mitstudent und langjähriger Freund Michael Waßermann berichtete, Bordel habe sich häufig mit Dozenten angelegt und eine weltweite Durchsetzung des Sozialismus vertreten. Seine Mutter Dorothea sorgte sich um ihn. 1974 schrieb sie, er hätte besser Pfarrer werden sollen, um Jugendliche um sich zu sammeln und seine Weltanschauung zu vermitteln.
Parallel gründete Bordel an der Humboldt-Universität mit anderen das Arbeiter- und Studententheater, kurz AST, und leitete es bis in die frühen 1980er-Jahre. Er war Gründungsmitglied, Regisseur, Schauspieler und organisatorischer Kopf. Zeitweise, sagte er später selbstironisch, sei er dort der einzige tatsächliche Arbeiter gewesen. Einer der Mitwirkenden war der Physikstudent Bernd Lukasch, der mit Bordel in der Schmatziner Kommune lebte und von 1992 bis 2019 Direktor des Anklamer Otto-Lilienthal-Museums war.
Im AST entwickelte Bordel seine eigene Vorstellung vom Theater: Burlesken und Komödien, bitte. Das Publikum sollte vor allem lachen, oft ohne genau zu wissen, warum. Wenn es Ärger mit der Hochschulverwaltung gab, stellte er sich schützend vor seine Mitstreiter. Einer der größten Erfolge war 1979 die Teilnahme an einem DDR-weiten Studententheaterwettbewerb in Leipzig.
Ein Hof, acht Bühnen und ein ziemlich langer Atem
1978 war Bordel auf der Suche nach einem Bauernhaus nach Anklam gekommen und fand ein geeignetes Anwesen in der Nähe. Er erwarb ein heruntergekommenes Gehöft in Schmatzin und baute es mit Berliner AST-Mitgliedern zu einer Landkommune aus. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich der Hof zu einer DDR-Landkommune. Der Telefonbucheintrag lautete bis zuletzt „Dr. Wolfgang Bordel und Freunde“, die Adresse „Frei im Felde“ hatte Bordel selbst erfunden.
Die Laienschauspieler traten während der Semesterferien in FDGB-Ferienheimen an der Ostsee auf. So begann Bordels beruflicher Weg in Vorpommern. 1983 wurde er Intendant des Theaters Anklam; im Februar 1984 feierte er dort als frisch ernannter Intendant seine erste Premiere mit Kleists „Der zerbrochene Krug“. Das Zitat „Und find ich gleich nicht alles, wie es soll, ich freue mich, wenn es erträglich ist“ wurde zu seinem Lebens- und Theatermotto.
Am Anklamer Haus sollte Bordel zunächst ein staatlich gewünschtes Gegengewicht zum rebellischen Regisseur und Oberspielleiter Frank Castorf bilden. Dessen Arbeiten nahm das Anklamer Publikum nicht an, Castorf verließ das Theater 1985. Danach gewann Bordel die Zuschauer mit Komödien und derben Stücken zurück. Sein Leitgedanke: Vor allem die Anklamer selbst sollten die Theaterarbeit gut finden, nicht die Berliner Kritiker.
Nach der deutschen Wiedervereinigung widersprach Bordel den Prognosen über ein schnelles Ende des Theaters. Er betrieb die Privatisierung und Umwandlung des Hauses in die Vorpommersche Landesbühne, deren Intendant und Geschäftsführer er ab 1993 war. Mehr als 35 Jahre leitete er das Anklamer Theater; bis zu seinem altersbedingten Rückzug 2019 waren es 36 Jahre. Nach Angaben des Bühnenvereins war er damals Deutschlands dienstältester Intendant.
Unter seiner Leitung wuchs die Landesbühne zu einem Verbund mit acht Spielstätten. Dazu gehörten zusätzliche Spielstätten in Anklam, „Chapeau Rouge – Das Theaterzelt“ in Heringsdorf, die „Vineta-Festspiele“ und die „Blechbüchse“ in Zinnowitz sowie die „Barther Boddenbühne“ in Barth. Genannt werden außerdem Spielstätten in Zinnowitz, Barth, Heringsdorf und Wolgast. 1998 gründete Bordel die Theaterakademie Vorpommern in Zinnowitz; nach anderer Datierung entstand sie 2000 auf Usedom. Sie bildet Nachwuchskräfte aus und unterstützt Sommerbühnen sowie Theater in der Region.
Zu seinen Projekten gehörte das Vineta-Open-Air in Zinnowitz. Bordel galt als erfolgreichster Kulturunternehmer der Region. Neben seiner Arbeit als Lokschlosser, Physiker, Philosoph, Regisseur, Schauspieler, Autor und Intendant wurde er als Theatermacher, Netzwerker und Kommunist beschrieben. Er bezeichnete sich als katholisch und kommunistisch und stellte einen Zusammenhang zwischen Urchristentum und kommunistischer Theorie her.
Vom „Tingeltangel“ zum Publikumserfolg
Während der Wendezeit organisierte Bordel Protestveranstaltungen im Theater. Er gehörte zu den Anführern eines Demonstrationszugs, der die örtliche Stasi-Dienststelle besetzte. 1990 kandidierte er für die PDS für den Kreistag. 2002 trat er für die Unabhängige Bürgerliste, UBL 94, erfolglos als Bürgermeister von Anklam an und erhielt 12,78 Prozent der Stimmen.
2011 übernahm Bordel zusätzlich zur Intendanz in Anklam die Position des Schauspieldirektors an der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg-Neustrelitz, der TOG. Ab der Spielzeit 2012/2013 wird diese zusätzliche Funktion ebenfalls angegeben. Damit verstärkte sich die Zusammenarbeit zwischen den Theaterstandorten Anklam und Neubrandenburg/Neustrelitz. Bordel holte Joachim Kümmritz, damals Intendant des Schweriner Staatstheaters, als TOG-Intendanten und schlug damit eine Verbindung nach Schwerin.
Bei Finanzierungsproblemen ging Bordel persönlich ins Kulturministerium nach Schwerin. Innerhalb der TOG sah man ihn zunächst kritisch als Verantwortlichen für Unterhaltungstheater, als „Tingeltangel“. Doch die Zuschauerzahlen stiegen. Sein Sommerspektakel im Neubrandenburger Schauspielhaus wurde zu einer weiterhin beliebten Veranstaltung.
2018 krachte es zwischen Bordel und Kümmritz. Auslöser war Bordels Inszenierung von Friedrich Wolfs Revolutionsstück „Die Matrosen von Cattaro“. Rote Fahnen und kommunistische Liedtexte sorgten dafür, dass die Produktion nach wenigen Aufführungen abgesetzt wurde. Ein ziemlich handfester Schlussakkord für einen Mann, der sich mit Institutionen ohnehin selten lange bequem eingerichtet hatte.
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