Energydrinks bei Jugendlichen: Mehr Dosen, mehr Koffein, mehr Regulierung
Am Campus der Universität des Saarlandes ist Energydrink-Konsum längst kein Randthema mehr. Eine aktuelle Auswertung zeigt: Kinder und Jugendliche in Deutschland greifen häufiger zu den koffeinhaltigen Dosen – vor allem der monatliche Konsum hat zugenommen. Die Ergebnisse beruhen auf Daten des „Präventionsradars“ aus den Schuljahren 2020/21 bis 2025/26.
Befragt wurden mehr als 107.000 Schülerinnen und Schüler unter 16 Jahren aus 15 Bundesländern. 46 Prozent der 9- bis 12-Jährigen und 72 Prozent der 13- bis 15-Jährigen hatten demnach bereits Energydrinks getrunken. Bei den Kindern stieg der monatliche Konsum von knapp 10 auf 13 Prozent, bei Jugendlichen von 25 auf 33 Prozent.
Mehr Dosen, viel Koffein und Zucker
Eine 500-Milliliter-Dose enthält häufig 160 Milligramm Koffein und etwa 55 Gramm Zucker. Die gesetzliche Höchstgrenze liegt bei 320 Milligramm Koffein pro Liter. Dazu kommen je nach Produkt unter anderem Taurin und Glucuronolacton. Beworben werden die Getränke nicht nur in klassischen Anzeigen, sondern auch von Influencern – teilweise mit eigenen Marken, die direkt in den sozialen Medien auftauchen.
Zuletzt tranken 6 Prozent der Kinder und 19 Prozent der Jugendlichen Energydrinks wöchentlich. Bei den Jugendlichen lag der Wert zuvor bei knapp 16 Prozent. Täglich konsumierten etwa 2 Prozent der Kinder und rund 6 Prozent der Jugendlichen solche Getränke. Der tägliche Wert blieb bei den Kindern ungefähr stabil.
Die Befragung erfasste allerdings nicht, wie viel tatsächlich getrunken wurde. Außerdem können Fragebogendaten durch sozial erwünschte Antworten beeinflusst sein. Ganz exakt lässt sich der Doseninhalt im Alltag also nicht aus der Statistik herauslesen.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, nennt für Kinder und Jugendliche 3 Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht täglich als wahrscheinlich unbedenklich – zugleich gilt diese Menge als tägliches Maximum. Ein gesunder Jugendlicher mit 50 Kilogramm Körpergewicht käme damit auf 150 Milligramm Koffein. Das entspricht etwa 0,47 Litern Red Bull, also knapp zwei Dosen.
Für gesunde Erwachsene gelten laut EFSA bei moderatem akutem Energydrinkkonsum Koffeineinzeldosen bis 200 Milligramm, höchstens zweimal täglich, als unbedenklich. Die Datenlage zu den gesundheitlichen Risiken bei Kindern und Jugendlichen ist trotzdem schwach, weil viele Studien aus ethischen Gründen gar nicht durchgeführt werden können. Rückschlüsse ergeben sich daher vor allem aus Empfehlungen zu Höchstverzehrmengen und aus Untersuchungen mit Erwachsenen. Bei moderatem akutem Konsum, der die sichere EFSA-Menge für gesunde junge Menschen nicht überschreitet, sind keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten.
Wer täglich trinkt, zeigt oft weitere Risikomuster
Besonders häufig trat täglicher Energydrink-Konsum gemeinsam mit Nikotinkonsum auf. Jugendliche, die aktuell Zigaretten oder E-Zigaretten konsumierten, tranken 2,4-mal häufiger täglich Energydrinks als Gleichaltrige ohne Nikotinkonsum. Zusammenhänge zeigten sich außerdem mit Alkohol- und Cannabiskonsum, höherer Risikobereitschaft, mehr Bildschirmzeit sowie Aufmerksamkeits- und emotionalen Problemen.
Das klingt zunächst ziemlich eindeutig, ist es aber nicht automatisch. Die Forschenden betonen, dass ein Zusammenhang nicht bedeutet, Energydrinks würden diese Verhaltensweisen verursachen. Unterschiede könnten auch auf sozioökonomische Faktoren zurückgehen.
An Gymnasien war täglicher Konsum seltener. Niedrigere Konsumraten gab es außerdem dort, wo Eltern stärker kontrollierten und Jugendliche Risiken gegenüber Substanzen höher einschätzten. Einen statistisch bedeutsamen Geschlechterunterschied stellte die Auswertung nicht fest.
Hohe Koffeinmengen können Schlafprobleme, Angstzustände und eine akute Belastung des Herz-Kreislauf-Systems begünstigen. Größere Mengen können nach Angaben des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen, BVKJ, außerdem Blutdruckanstieg und Herzrhythmusstörungen verursachen. Besonders gefährdet sind Jugendliche mit bislang unerkannten Herzrhythmusstörungen, etwa einem Long-QT-Syndrom; dann sind lebensbedrohliche Komplikationen möglich.
Der BVKJ verweist auf eine systematische Übersichtsarbeit, wonach etwa zwei Drittel der Jugendlichen in der Europäischen Union Energydrinks konsumieren. Nach Angaben des Verbands können bei einem 13-Jährigen mit 54 Kilogramm Körpergewicht bereits ungefähr zwei Energydrinks oder zwei Tassen Kaffee pro Tag die Größenordnung von 3 Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht erreichen, ab der gesundheitlich beeinträchtigende Wirkungen auftreten können.
EFSA und US-amerikanische Food and Drug Administration, FDA, nennen zugleich keinen sicheren Koffein-Grenzwert für Kinder und Jugendliche. Die American Academy of Pediatrics empfiehlt, Koffein in dieser Altersgruppe zu vermeiden.
Zucker, Schlaf und die Dose neben dem Alkohol
Eine einzelne Dose ist schnell leer, der Zucker bleibt länger im Körper: Zwei Energydrinks können bis zu 70 Gramm Zucker enthalten – ungefähr 24 Würfelzucker. Regelmäßiger Konsum kann zur Entstehung von Übergewicht und Diabetes beitragen; außerdem steigt das Risiko für Zahnschäden. Anhaltende Schlafstörungen können die körperliche und geistige Entwicklung beeinträchtigen. Eine körperliche Abhängigkeit wurde bislang nicht beschrieben. Tierversuche liefern allerdings Hinweise auf mögliche neurotoxische Wirkungen auf die noch reifenden Gliazellen im Nervensystem.
Heikel wird es beim Mischkonsum mit Alkohol. Koffein kann die dämpfende Wirkung des Alkohols teilweise überdecken. Betroffene fühlen sich dann wacher und nüchterner, als sie tatsächlich sind, während Reaktion, Urteilsvermögen und Koordination weiterhin beeinträchtigt bleiben. Möglicherweise trinken sie dadurch mehr oder unterschätzen Risiken. Studien bringen diese Konsumform mit höheren Raten von Alkoholvergiftungen, riskanter Verkehrsteilnahme und aggressivem Verhalten in Verbindung. Auch ein möglicher Einstieg in multiplen Substanzmissbrauch wird diskutiert.
Die wissenschaftliche Einordnung bleibt dabei etwas sperrig: Für moderate Mengen bei gesunden jungen Menschen sieht die EFSA keine erwartbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen, gleichzeitig warnt der BVKJ vor den hohen Koffein- und Zuckermengen und leitet daraus besondere Vorsicht ab. Beides steht nebeneinander – und macht die Frage nach Alter, Körpergewicht, Häufigkeit und Begleitumständen so wichtig.
Was sich bei Verkauf und Werbung ändern könnte
Die Forschenden empfehlen strengere Verkaufs- und Werberegeln sowie Maßnahmen zur Verhaltensprävention, gerade wegen der Vermarktung über Influencer und soziale Medien. In Litauen, Lettland und Polen dürfen Energydrinks nur an Personen ab 18 Jahren verkauft werden. Norwegen verbietet den Verkauf an unter 16-Jährige. Der BVKJ fordert keine generelle gesetzliche Altersgrenze, befürwortet aber Einschränkungen.
Der Verband schlägt vor, die seit 2016 geltende Höchstmenge von 320 Milligramm Koffein pro Liter um eine Warnhinweispflicht für Produkte ab 150 Milligramm Koffein pro Liter zu ergänzen. Der bestehende Hinweis „Erhöhter Koffeingehalt. Für Kinder und schwangere und stillende Frauen nicht empfohlen“ soll um „und Jugendliche“ ergänzt werden.
Auch Schulen könnten eine größere Rolle spielen: Risiken eines übermäßigen Koffein- und Zuckerkonsums sollen im Unterricht behandelt werden. Geschlechtsbezogene Unterschiede sollten dabei berücksichtigt werden, weil Jungen unter anderem durch auf sie ausgerichtete Werbung und Motorsportbezüge stärker angesprochen werden. Kinder- und Jugendärzte sollen bei den Jugenduntersuchungen J1 und J2 sowie bei übergewichtigen Jugendlichen verstärkt informieren.
Eltern wiederum sollen durch Kampagnen, Fernsehdiskussionen und soziale Medien sensibilisiert werden – und ein gesundes Konsumverhalten vorleben. Eine Preiserhöhung gilt dem BVKJ ebenfalls als mögliche Maßnahme. Als Beispiel nennt der Verband die Senkung des Tabakkonsums im Zusammenhang mit Steuererhöhungen für Zigaretten ab dem Jahr 2000.
Am Ende bleibt die Dose im Kühlschrank natürlich dieselbe: kalt, süß, sprudelnd, mit einem kurzen Koffeinschub. Aber die Zahlen aus dem Präventionsradar zeigen, wie früh sie für viele zum Alltag gehört. Genau deshalb fordern Experten auch in Deutschland eine stärkere Regulierung und mehr Prävention im Kindesalter.
