Rätselhaftes Jungwalsterben erschüttert Argentiniens Schutzgebiet Valdés
Heute, am 26.09.2026, beschäftigt ein rätselhaftes Sterben die Wissenschaft: An den Stränden der argentinischen Halbinsel Valdés in Patagonien sind Dutzende tote Jungwale angespült worden. Betroffen sind Südliche Glattwale (Eubalaena australis), auch Südkaper genannt. In den vergangenen Monaten verendeten in Patagonien Hunderte Jungtiere; besonders in dieser Woche wurden an den Stränden der Provinz Chubut zahlreiche tote Walkälber gefunden.
Die Todesfälle treten seit Juni auf und treffen ein wichtiges Fortpflanzungsgebiet der Art im Südatlantik. Mariano Coscarella vom Meeressäugerlabor des argentinischen Forschungsrats Conicet spricht von einer „recht hohen Sterblichkeitsrate“ und bezeichnet die Sterblichkeit unter den Jungtieren in dieser Saison als ungewöhnlich hoch. Für die Provinzregierung von Chubut ist dennoch offen, ob sich hier ein außergewöhnliches Ereignis oder ein Teil der natürlichen Populationsdynamik zeigt.
Ein Bakterium steht unter Verdacht
Als bisherige Arbeitshypothese gilt ein Bakterium, das bei Wal-Kälbern systemische Erkrankungen auslösen kann. Tierärzte prüfen, ob Erysipel die Ursache ist – eine bakterielle Infektionskrankheit, deren Erreger auch auf der Haut von Meeressäugern vorkommen können. Erste Analysen der Behörden deuten auf eine verbreitete Meeresbakterie hin, die genaue Ursache ist aber noch nicht geklärt.
Die Provinzregierung von Chubut untersucht die Fälle gemeinsam mit Wissenschaftlern und arbeitet mit Fachleuten an der Aufklärung. Ein vergleichbarer Bakterienbefall wurde bereits an anderen Orten der Welt beobachtet. Hinweise auf eine vom Menschen verursachte Todesursache wurden bislang nicht gefunden. Ein natürlicher Auslöser gilt derzeit als Arbeitshypothese; laut Coscarella ist ein Einfluss menschlicher Aktivitäten allerdings noch nicht vollständig ausgeschlossen.
Wie viele Tiere sterben, kann zwischen den Saisons und sogar innerhalb einer Saison schwanken, erklärt die Provinzregierung. Jedes Jahr verenden Glattwale. Diese nüchterne Feststellung macht die vielen Kadaver an den Stränden trotzdem nicht weniger verstörend – vor allem, wenn es sich um Jungtiere handelt.
Ein Kinderzimmer für Wale
Puerto Madryn und die nahe Halbinsel Valdés gehören zu den wichtigsten Fortpflanzungsgebieten des Südlichen Glattwals. Die Tiere kommen an die Küsten Argentiniens, Brasiliens und Uruguays, um sich zu paaren und ihre Jungen aufzuziehen. In den nordpatagonischen Gewässern Argentiniens halten sie sich in großer Zahl auf.
2025 wurden in der Region 2.110 Wale gezählt, darunter rund 800 Jungtiere. In diesem Jahr liegt der Bestand laut Coscarella bei 1.375 Tieren, darunter knapp 400 Kälber. Trotz der hohen Jungtiersterblichkeit sieht der Wissenschaftler derzeit mittelfristig keine unmittelbare Gefahr für die regionale Walpopulation.
Ausgewachsene Südliche Glattwale können bis zu 17 Meter lang und etwa 40 Tonnen schwer werden. Lokale Behörden schätzen, dass die Art ungefähr 60 Jahre alt werden kann. In der Fortpflanzungszeit sind die Buchten und Küstengewässer der Region für die Tiere eine Art Kinderzimmer auf Zeit – nur dass dort neben den Walen auch Tausende Seelöwen und Seeelefanten auftauchen.
Valdés: Schutzgebiet mit reich gedecktem Meer
Die etwa 4.000 Quadratkilometer große Halbinsel Valdés gilt als bedeutendes Rückzugsgebiet für Meeressäuger. Während der Fortpflanzungs- und Aufzuchtzeit kommen dort Tausende Seelöwen, Seeelefanten und zahlreiche Walarten in die Küstengewässer. Zwei Meeresströmungen treffen vor der Halbinsel aufeinander und sorgen für nährstoffreiche Gewässer.
Wegen ihrer Bedeutung wurde Valdés 1999 zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Gerade deshalb verfolgen Forschende und Behörden die aktuellen Funde so aufmerksam. Zwischen den weitläufigen Stränden, dem Wind und den nährstoffreichen Küstengewässern versuchen sie nun herauszufinden, ob ein natürlicher Krankheitserreger die Kälber dezimiert – oder ob noch ein anderer Faktor im Spiel ist.
