Reutlingen in Flammen: Wie eine Kerze vor 300 Jahren die Stadt zerstörte
Vor 300 Jahren brannte Reutlingen fast vollständig nieder. Am Abend des 23. September 1726 brach nahe der Nikolaikirche im Haus eines Schusters Feuer aus. Vermutlich entzündete eine Kerze Stroh in einem Vorratsraum, nachdem sie durch eine Ritze zwischen den Bodendielen gefallen war. Ein kleiner Moment – und bald stand eine ganze Stadt in Flammen.
Drei Tage lang wütete der Brand. Die Einwohner bekamen ihn nicht unter Kontrolle; an mehreren Stellen wurden sogar Häuser eingerissen, um die Ausbreitung zu bremsen. Als die letzten Flammen gelöscht waren, lagen mehr als 800 Häuser in Schutt und Asche – etwa vier Fünftel der Stadt. Rund 1.200 Familien hatten ihre Unterkunft verloren.
Erinnerung an Feuer, Not und Wiederaufbau
Für viele Menschen begann danach ein harter Absturz. Hab und Gut waren verschwunden, zahlreiche Familien gerieten in Armut. Spenden sollten die Not lindern und den Wiederaufbau ermöglichen. Doch auch dabei gab es Unmut: Wohlhabendere Bürger sollen bevorzugt worden sein.
Ein Bild aus dieser Zeit hält das Ausmaß der Katastrophe fest. Die Radierung „Bettelplan“ von Gabriel Bodenehr aus dem Jahr 1727 zeigt die zerstörten Stadtteile und den Ausbruchsort. Die Abbildung ist heute auf Wikisource, der freien Quellensammlung, verfügbar und trägt die Lizenz „Public Domain Mark 1.0“. Die Datei wurde von Messina hochgeladen; ihre letzte Version stammt vom 21. März 2013, 19:11 Uhr. Sie ist 2.248 × 1.683 Pixel groß und 3,85 MB schwer.
In der Wikisource-Beschreibung sind Beschreibung, Quelle, Autor und Datum jeweils mit „s“ angegeben. Die Datei gehört zur Kategorie Reutlingen und wird auf fünf Seiten verwendet. Außerdem gibt es Verwendungen in den Sprachversionen der Wikipedia auf Deutsch, Englisch, Französisch, Westfriesisch und Guianischem Kreol. Ein kleiner Vorbehalt steht ebenfalls dabei: Möglicherweise enthält die Datei zusätzliche technische Metadaten einer Digitalkamera oder eines Scanners; durch spätere Bearbeitung können sich einzelne Angaben verändert haben.
Feuerbilder zum 300. Jahrestag
Zum 300. Jahrestag organisiert die Stadt mehrere Gedenkveranstaltungen. In der Marienkirche ist eine Videoprojektionsshow geplant. Am 23. September folgt auf dem Marktplatz eine etwa einstündige Feuershow. Die Feuerwehr zeigt dabei unter anderem Einsätze mit Chemikalienschutzanzügen und die Rettung von Menschen aus großer Höhe durch Höhenretter. Schon beim Gedanken daran riecht man fast Rauch und erhitztes Metall.
Das Kulturamt hat außerdem eine limitierte Mappe mit Bildern zum Stadtbrand veröffentlicht. Der „Bettelplan“ von Bodenehr bekommt damit Gesellschaft – Geschichte liegt in Reutlingen also nicht nur im Archiv, sondern hängt auch an Wänden und flimmert über Fassaden.
Reutlingen im Vergleich mit anderen Stadtbränden
Historische Stadtbrände wurden häufig durch Kriege, enge Straßen, Holzbauweise sowie offene Feuerstellen zum Kochen und Heizen begünstigt. Viele dieser Brände forderten zahlreiche Todesopfer und machten einen vollständigen Wiederaufbau nötig. Reutlingen reiht sich damit in eine lange, ziemlich beklemmende Geschichte ein.
Beim Stadtbrand von Alexandria im Jahr 48 v. Chr. ließ Julius Cäsar aus strategischen Gründen die im Hafen liegende römische Kriegsflotte anzünden. Die Schiffe brannten, doch das Feuer griff nicht auf die Stadt über.
Der Große Brand von Rom ereignete sich vom 19. bis 26. Juli 64 n. Chr., während der Regierungszeit Kaiser Neros. Nach Tacitus wurden drei der 14 Stadtbezirke vollständig zerstört; in sieben weiteren blieben nur wenige halb verbrannte Ruinen. Vier Bezirke blieben unversehrt. Nero wurde zu Unrecht der Brandstiftung beschuldigt. Weitere großflächige Brände sind für Rom aus den Jahren 213, 23 und 6 v. Chr. sowie 27, 36 und 192 n. Chr. überliefert.
Auch Lübeck traf es mehrfach: 1157, 1251 und 1276 führten Brände jeweils zu stadtweiten Zerstörungen. Nach dem Brand von 1276 erließ der Senat eine strenge Brandschutzordnung. Holzgebäude wurden innerhalb der Stadtmauern verboten. Nach Angaben des Vergleichsartikels schützte diese Maßnahme Lübeck etwa sechs Jahrhunderte lang vor weiteren Stadtbränden.
In München löste am 13. Februar 1327 ein glühendes Kohlenstück aus einem Kloster den Brand aus. Innerhalb von zwei Tagen wurde etwa ein Drittel der Stadt zerstört. Holzschindeldächer und zahlreiche Häuser, die noch nicht aus Stein errichtet waren, begünstigten die Ausbreitung. Danach wurden Holzgebäude und Strohdächer in der Stadt verboten.
Aachen brannte am 2. Mai 1656. Ein unachtsamer Bäcker löste das Feuer aus; binnen eines Tages wurden 4.664 Gebäude zerstört. Sieben Achtel der bebauten Stadtfläche gingen in Flammen auf, überwiegend Fachwerkhäuser. 17 Menschen kamen ums Leben. Anschließend wurde Aachen neu konzipiert, wiederaufgebaut und zu einem bekannten Badeort entwickelt.
Beim Great Fire of London am 2. September 1666 begann der Brand in einer Backstube. Rund 13.200 Häuser wurden zerstört, darunter fast der gesamte mittelalterliche Stadtkern. Vier Fünftel der City of London brannten nieder, etwa 100.000 Menschen wurden obdachlos. Der Tower konnte durch die Sprengung umliegender Gebäude gerettet werden. Enge Straßen und die Holzbauweise hatten die Ausbreitung beschleunigt. Nach dem Wiederaufbau wurden Fachwerkhäuser verboten und Mindestbreiten für Straßen vorgeschrieben.
Deutlich später, am 5. August 1917, löste Funkenflug aus einer Küche den Großbrand von Thessaloniki aus. Zwei Drittel der griechischen Metropole und 9.500 Häuser wurden zerstört. Als zusätzlicher Faktor wird eine unzureichende Löschwasserversorgung genannt.
Die Geschichte historischer Stadtbrände soll in einer Fortsetzung weitergehen. In Reutlingen aber steht am 24. September 2026, einen Tag nach der Feuershow, noch der Nachhall des Jubiläums in der Luft – zwischen Marienkirche, Marktplatz und der alten Radierung, die zeigt, wie schnell aus einer Kerze eine Katastrophe werden kann.
Quelle 1: SWR
Quelle 2: Wikisource
Quelle 3: Graf Brühl
