SOZIAHR untersucht die sozialen Folgen der Ahrtalflut und verlängert die Befragung bis November 2026
Wer im Ahrtal lebt oder dort von der Flutkatastrophe betroffen war, kann noch bis zum 15. November 2026 an einer großen Befragung teilnehmen. Die Frist wurde verlängert, weil noch rund 400 Antworten fehlen. Bis zum 9. Oktober 2026 hatten bereits mehr als 7.100 Menschen mitgemacht; Ziel sind 7.500 Teilnahmen – also zehn Prozent der eingeladenen Bevölkerung.
Anfang August erhielten rund 75.000 Menschen im Ahrtal und in umliegenden Gemeinden eine Einladung. Die Umfrage gehört zum sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt SOZIAHR der Universität Bonn. Es untersucht die mittel- und langfristigen Folgen der Ahrtalflut von 2021 – und fragt dabei nicht nur nach Schäden an Häusern oder Straßen, sondern auch nach sozialen, ökonomischen und administrativen Problemen.
Erinnerungsschreiben sollen Lücken schließen
Ende September verschickten die Verantwortlichen 40.000 Erinnerungsschreiben. Damit wollen sie vor allem Gruppen erreichen, die bisher in den Antworten zu wenig vertreten sind: Menschen unter 30 und über 70 Jahren, Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft sowie Einwohnerinnen und Einwohner aus Gemeinden, die weniger stark oder gar nicht direkt von der Flut betroffen waren.
Gerade diese Orte sind für die Untersuchung wichtig. Sie dienen als Vergleichsgruppe, auch wenn die Flut dort teilweise indirekte Folgen hatte. Anfang Oktober bekamen außerdem alle Menschen über 80 Jahre – insgesamt 10.000 Personen – ein Erinnerungsschreiben mit einer Papierversion des Fragebogens und einem vorfrankierten Rückumschlag. Die knapp 300 Menschen, die bereits im August einen Papierfragebogen angefordert hatten, erhielten ebenfalls eine gedruckte Version.
Wer trotz damaligem Wohnsitz im Ahrtal keine Einladung oder kein Erinnerungsschreiben bekommen hat, den Zugangsschlüssel verloren hat oder lieber auf Papier antwortet, kann sich an das SOKO Institut wenden. Erreichbar ist es per E-Mail unter soziahr@soko-institut.de und telefonisch unter 0800 5254 500. Informationen zur Umfrage gibt es unter soziahr.uni-bonn.de/de/umfrage.
Was SOZIAHR herausfinden will
Am Projekt sind unter anderem die Wirtschaftswissenschaftlerinnen Julia Mink und Hanna Schwank beteiligt. SOZIAHR wird von der universitären Transdisciplinary Research Area „Individuen, Institutionen und Gesellschaften“ unterstützt und von der Stiftung Mercator gefördert.
Die Forschenden wollen anhand der Ahrtalflut klären, wie rechtliche, politische und soziale Strukturen in Krisen funktionieren, wo Verbesserungen möglich sind und welche Erkenntnisse sich auf andere Regionen Deutschlands übertragen lassen. Im Juli 2021 hatten Hochwasser und Sturzfluten in Nordrhein-Westfalen und besonders in Rheinland-Pfalz schwere Zerstörungen verursacht.
Die bisherige öffentliche Forschung zum Ahrtal beschäftigte sich vor allem mit technischen Fragen eines hochwassersicheren Wiederaufbaus. SOZIAHR nimmt zusätzlich die Klimaresilienz in den Blick: soziale, wirtschaftliche und administrative Herausforderungen, aber auch das Zusammenspiel von Klimaschutz, Klimaanpassung, sozialer Gerechtigkeit und praktischer Umsetzbarkeit. Hintergrund sind häufigere Extremwetterereignisse infolge des menschengemachten Klimawandels. Die Ergebnisse sollen helfen, künftige Katastrophen besser vorzubereiten und ihre Folgen zu begrenzen.
Für die Bevölkerungsumfrage werden rund 40.000 Haushalte im Ahrtal angeschrieben. Daneben untersucht das Forschungsteam die administrative Seite des Wiederaufbaus – mit Interviews mit Behörden und der Auswertung einschlägiger Dokumente – sowie die Lebenssituation der Bevölkerung seit der Flut.
Vom Fragebogen zurück in die Region
Die Forschung soll nicht in Schubladen verschwinden. Ergebnisse werden zeitnah ins Ahrtal zurückgespiegelt. In wiederkehrenden Workshops tauscht sich das Projekt mit Expertinnen und Experten aus der Region aus, um aus den erkannten Problemen realistische Maßnahmen zu entwickeln. Das Wuppertal Institut unterstützt SOZIAHR mit einer Akteurs- und Politikfeldanalyse. Dabei werden Kommune, Landkreis, Bundesland und Bund gemeinsam betrachtet, damit nicht nur an einzelnen Stellschrauben gedreht wird.
Das Projekt läuft vom 1. Januar 2026 bis zum 31. Dezember 2028 und wird über drei Jahre mit insgesamt rund 1 Million Euro gefördert. Davon stammen 840.000 Euro von der Stiftung Mercator. Rund 160.000 Euro tragen Einrichtungen der Universität Bonn bei: das Rektorat, die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät sowie die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät.
Schon ab Mitte 2024 hatte eine universitätsinterne Anschubfinanzierung von rund 90.000 Euro durch die TRA erste Workshops mit Beteiligten, juristische Hintergrundrecherchen und die Entwicklung des Fragebogens ermöglicht.
Erste Ergebnisse ab 2027
Anfang 2027 sollen die deskriptiven Ergebnisse der Bevölkerungsumfrage veröffentlicht werden. Ende 2027 folgen erste wissenschaftliche Teilergebnisse in Kurzberichten, Medienbeiträgen und Fachvorträgen. Für Ende 2028 ist ein gemeinsamer Abschlussbericht geplant – mit Empfehlungen für rechtliche und politische Rahmenbedingungen vergleichbarer Wiederaufbauprozesse sowie für die Vorsorge künftiger Krisen. Nach dem Projektende sind wissenschaftliche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften vorgesehen. Der Abschlussbericht soll außerdem bei mehreren regionalen und überregionalen Veranstaltungen für Politik und Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Zum Kernteam gehören Susanne Bell, M.A. (Soziologie/Kulturgeographie), Jun.-Prof. Dr. Svenja Hippel (Rechtsökonomik), Prof. Dr. Kathrin Hörschelmann (Kulturgeographie), Jun.-Prof. Dr. Jacqueline Lorenzen (Rechtswissenschaft), Jun.-Prof. Dr. Julia Mink (Angewandte Mikroökonomik) und Jun.-Prof. Hanna Schwank, Ph.D. (Angewandte Mikroökonomik). Projektkoordinatorin ist Susanne Bell vom Geographischen Institut der Universität Bonn.
Weitere Informationen zum Forschungsprojekt stehen unter www.soziahr.uni-bonn.de. Der Fragebogen selbst bleibt noch bis zum 15. November offen – ein paar Minuten Zeit, ein Zugangsschlüssel und vielleicht ein Umschlag auf dem Küchentisch können für die Auswertung des Wiederaufbaus im Ahrtal einen Unterschied machen.
