Manche Bilder bleiben hängen, obwohl der Tag längst weitergeht. In Halle sind es am 10. Oktober 2026 drei sehr verschiedene Szenen: eine Menschenkette vor der Synagoge, Erstsemester im Regenschauer und ein Schauspieler auf einer Litfaßsäule. Frank Klemmer versammelt sie im Newsletter „Hier in Halle“ vom 10. Oktober 2026 – neben dem Gedenken an den Anschlag vom 9. Oktober 2019, dem Semesterstart an der Universität Halle und dem Weg des Hallensers Leon Rutzky nach Hollywood.

Vor der Synagoge wollte Hans-Thomas Tillschneider von der AfD erstmals nach sieben Jahren an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Eine Menschenkette jüdischer Studierender versperrte ihm den Weg in den Innenhof. Organisiert worden waren die Protestierenden vom Präsidenten der Jüdischen Studierendenunion in Deutschland. Die Reporter Denny Kleindienst und Dirk Skrzypczak berichteten vor Ort über den Vorfall und das anschließende Gedenken. Das Bild von Tillschneider und der Kette prägte die öffentliche Wahrnehmung des Tages.

Gedenken zwischen Synagoge und Marktplatz

In Halle wurde der Opfer des rechtsextremen und antisemitischen Anschlags vom 9. Oktober 2019 gedacht: Jana L. und Kevin S. wurden getötet, weitere Menschen verletzt. Um 12:03 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten tödlichen Schüsse, stand die Stadt für eine Schweigeminute still. Straßenbahnen hielten an, Kirchenglocken läuteten.

Schon am Donnerstagabend hatten sich rund 230 Menschen am ehemaligen Döner-Imbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße versammelt. Dort war Kevin S. erschossen worden. Die stark befahrene Straße wurde für die Veranstaltung gesperrt, der Straßenbahnverkehr ruhte zeitweise. Betroffene und Hinterbliebene berichteten, was der Anschlag mit ihnen gemacht hat. Der Frauenchor „Missklang“, dem Jana L. angehörte, sang am Gedenkort Lieder, die sie gern gesungen hatte. Im Tagesverlauf wurden an den Anschlagsorten Blumen und Kränze niedergelegt.

Vor der Synagoge war eine Gedenkveranstaltung geplant, um 17 Uhr begann die zentrale Gedenkfeier auf dem Marktplatz. Als der neu gewählte AfD-Landtagsvizepräsident Tillschneider an der Feier in der Synagoge teilnehmen wollte, versperrten ihm jüdische Studenten den Weg. „Wir lassen unser Gedenken nicht kapern“, erklärten sie.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Am jüdischen Feiertag Jom Kippur hatte ein Rechtsextremist am 9. Oktober 2019 versucht, in die Synagoge einzudringen. Nachdem das misslang, erschoss er Jana L. vor dem Gebäude und Kevin S. in einem nahegelegenen Döner-Imbiss; weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Neues Semester, nasser Auftakt

Während an der Synagoge die Bilder des Gedenkens entstanden, begann an der Universität Halle das neue Semester. Die Erstsemester wurden am Donnerstag bei einem Regenschauer begrüßt – kein Hollywood-Wetter, eher nasse Jacken, Schirme und ein schneller Blick auf den Stundenplan.

Universitätsrektorin Claudia Becker sprach im Alten Senatssaal über den Semesterbeginn. Dabei ging es auch um die AfD und deren politisches Programm, das Studierende und Professoren mit Blick auf ihre Zukunft beschäftigt. Der Newsletter begrüßt die neuen Studierenden und verweist auf einen weiteren Bericht zu den Aussagen der Rektorin.

Von Halle nach Los Angeles – und auf die Litfaßsäule

Leon Rutzky träumt seit längerem von einer Karriere in Hollywood. An Silvester 2019 flog der Hallenser nach Los Angeles, um Schauspiel zu studieren. Dann kamen die Corona-Pandemie und weitere Umstände dazwischen; der geplante Weg geriet zunächst ins Stocken.

Inzwischen spielte Rutzky die Hauptrolle in einem Boxer-Film. Ob und wann der Film in die Kinos kommt, ist noch nicht entschieden. Seine Geschichte und der Weg zur geplanten großen Leinwandkarriere werden in einem weiteren Artikel beschrieben.

Ein Bild fällt dabei sofort auf: Rutzky auf einer Litfaßsäule, als Teil einer Präventionskampagne für Verhütungsschutz. Daneben steht seine Großmutter und berührt das Bild ihres Enkels. Ein stiller Moment, irgendwie rührend und zugleich ziemlich groß für ein Stück Straße in Halle.

Der Prozess und die lange Spur der Tat

Die juristische Aufarbeitung begann am 21. Juli 2020 vor dem Oberlandesgericht Naumburg; die Hauptverhandlung gegen B. fand am Landgericht Magdeburg statt. Für den Prozess wurde die Gerichtsbibliothek zum damals größten Gerichtssaal Sachsen-Anhalts umgebaut. Viele Nebenkläger und Pressevertreter waren zugelassen, zugleich galten wegen der COVID-19-Pandemie erhöhte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen seines Fluchtversuchs musste B. Fußschellen tragen. Der Prozess wurde vollständig für spätere Forschungen aufgezeichnet, die Tonaufnahme wird im Landesarchiv Sachsen-Anhalt aufbewahrt.

Den Vorsitz führte Richterin Ursula Mertens. Zugelassen waren 43 Nebenkläger, 147 Zeugen, darunter 68 Polizisten, wurden benannt. Die Anklage umfasste unter anderem zwei Morde, 68 Mordversuche, Holocaustleugnung, Volksverhetzung, friedensgefährdende Hetze, räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung und einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr.

B. verweigerte zunächst Angaben zu Familie und Studium. Den Bau seiner Waffen begründete er mit dem Zuzug von Migranten. Im Prozess äußerte er rassistische und antisemitische Überzeugungen, darunter die Vorstellung eines von Juden organisierten „Bevölkerungsaustauschs“. Er erklärte, das Gewehr als „Selbstverteidigungswaffe“ gegen Muslime und Schwarze gekauft zu haben, räumte aber zugleich ein, bereits vor 2015 gesellschaftlich isoliert gewesen zu sein. Seit 2015 habe er eine Bewaffnung geplant, sagte er, mangels Kontakten jedoch keinen Zugang zum Schwarzmarkt gehabt.

Die Synagoge statt einer Moschee angegriffen zu haben, erklärte B. damit, zwischen „Symptom“ und „Ursache“ habe unterscheiden zu wollen. Die Morde an Jana Lange und Kevin Schwarze gestand er. Jana Lange habe er erschossen, weil er sonst befürchtet habe, im Internet ausgelacht zu werden; weitere Schüsse auf die am Boden liegende Lange habe er zur „Sicherheit“ abgegeben. Kevin Schwarze habe er wegen seiner schwarzen Haare fälschlich als Muslim eingeordnet und erschossen, weil dieser noch Geräusche gemacht habe. Bedauert habe er vor Gericht vor allem, dass die beiden Opfer keine Muslime oder Ausländer gewesen seien.

Nach dem gescheiterten Angriff auf die Synagoge habe B. geplant, möglichst viele Muslime und Schwarze zu töten und anschließend von der Polizei erschossen zu werden. Mit seinem Livestream wollte er ähnlich wie der Attentäter von Christchurch „weiße Männer“ erreichen. Wegen seines Scheiterns habe er sich „global lächerlich gemacht“.

Am 22. Juli wurde das Tätervideo im Gericht gezeigt, mehrere Angehörige verließen den Saal. B. lachte über den Verlauf des Videos und erklärte, der Angriff auf die Synagoge sei kein Fehler gewesen; die dort anwesenden Menschen seien seine Feinde. Am 28. Juli wurden frühere antisemitische und fremdenfeindliche Aussagen thematisiert. Seine Schwester sagte, er habe Hass auf alle Ausländer, besonders auf Juden. Auf die Frage, ob er Nazi sei, antwortete B. mit „kein Kommentar“ und führte frühere Äußerungen teilweise auf Alkoholkonsum zurück.

Eine von seiner Mutter nach einem Suizidversuch verfasste Nachricht enthielt ebenfalls antisemitische und verschwörungsideologische Formulierungen. B. erklärte dies mit der Wirkung von Medikamenten. Er hatte seiner Mutter ein Pamphlet des Attentäters Brenton Tarrant gezeigt. Weitere mögliche Kontaktpersonen aus seinem Umfeld wurden nicht vollständig ermittelt. Ein Zeuge berichtete, B. habe bereits während seiner Bundeswehrzeit „Jude“ als Schimpfwort benutzt. B. erklärte, er würde weiterhin Juden, auch Kinder, ermorden. Anetta Kahane bezeichnete er als eine Person auf seiner „Feindesliste“.

Am 25. August erläuterten sechs BKA-Beamte die Herstellung und Wirkung von B.s Waffen und Sprengsätzen. Mit Geld vom Konto seiner Mutter hatte B. Werkzeuge gekauft und die Waffen im Schuppen seines Vaters hergestellt. Dort habe er sie getestet und anschließend in einem Bettkasten gelagert. Am 9. Oktober 2019 um 12:55 Uhr fotografierte er sich