In Lübeck wird am Samstag, 24. Oktober 2026, an einen Arbeitskampf erinnert, der die Arbeitswelt der Bundesrepublik nachhaltig verändert hat. Die IG Metall Lübeck-Wismar lädt zur Jubiläumsveranstaltung in das Gewerkschaftshaus Lübeck ein. Anlass ist der 70. Jahrestag des Streiks für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, der am 24. Oktober 1956 in Schleswig-Holstein begann.

Der monatelange Ausstand endete am 9. Februar 1957. Mehr als 34.000 Beschäftigte der Metallindustrie beteiligten sich, 114 Tage dauerte der Arbeitskampf – der längste Streik in Deutschland seit 1905. Für die Arbeiter ging es nicht nur um Geld, sondern um die Gleichbehandlung mit den Angestellten: Diese erhielten bereits volle Lohnfortzahlung, während Arbeiter bei Krankheit schlechter abgesichert waren.

Ein Streik, der weit über die Metallindustrie hinauswirkte

Gefordert wurde ein Rahmentarifvertrag mit Lohnfortzahlung bei Krankheit, mehr Urlaubstagen und zusätzlichem Urlaubsgeld. Es war der erste so lange Streik in Deutschland, der nicht vor allem um Lohnerhöhungen geführt wurde. Lohnausgleich und Urlaubsgeld hätten zusammen etwa 3,23 Prozent der Bruttolohnsumme ausgemacht.

Die Vorgeschichte reicht bis in den August 1955 zurück. Damals beschloss die IG-Metall-Führung, kündbare Rahmentarifverträge kündigen zu lassen – auch in Schleswig-Holstein. Die erste Verhandlung am 28. Juli 1956 blieb ohne Ergebnis. Am 28. September erklärte die gewerkschaftliche Verhandlungskommission das Arbeitgeberangebot für unzureichend. Die Arbeitgeber lehnten insbesondere die Lohnfortzahlung ab, weil sie einen Präzedenzfall befürchteten.

Im Tarifgebiet waren 44.856 von 62.366 Arbeitern IG-Metall-Mitglieder, der Organisationsgrad lag bei 71,9 Prozent. Zur Vorbereitung des Arbeitskampfs organisierte die Bezirkskommission Pressekonferenzen, Anzeigen, Flugblätter, Plakate, Schulungen und Großveranstaltungen. Die Große Tarifkommission legte das Ergebnis den Beschäftigten zur Abstimmung vor; eine Urabstimmung wurde für den 11. und 12. Oktober angekündigt.

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Die wirtschaftliche Lage war günstig, die Werften verzeichneten im Herbst 1956 einen historischen Höchststand bei den Auftragsbeständen. Trotzdem verhärteten sich die Fronten. Vermittlungsversuche des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel scheiterten. Sein Schlichtungsvorschlag berücksichtigte keine der zentralen IG-Metall-Forderungen und wurde am 7. Januar 1957 mit 97,4 Prozent abgelehnt. Danach wurde der Streik auf weitere Betriebe ausgeweitet.

Ein zähes Ringen bis zum 9. Februar

Verhandlungen unter Leitung des ehemaligen nordrhein-westfälischen Arbeitsministers Johann Ernst führten zu einem Ergebnis, dessen Annahme Gewerkschaftsvorstand, Streikleitung und Tarifkommission empfahlen. Die Streikenden sahen das anders: Am 30. Januar lehnten sie den Vorschlag mit 76,2 Prozent ab. Die Große Tarifkommission hatte nur mit 32 zu 30 Stimmen zugestimmt. Als Grund wurde genannt, dass die Gleichbehandlung von Arbeitern und Angestellten nicht gewährleistet sei.

Am 9. Februar 1957 wurde in Kiel ein einstimmiger Einigungsvorschlag erzielt. In der vierten Urabstimmung stimmten 39,7 Prozent dafür und 60,3 Prozent dagegen; die konkreten Zahlen wurden zunächst nicht veröffentlicht. Weil für die Fortsetzung eines Arbeitskampfs mindestens 75 Prozent Zustimmung erforderlich waren, endete der Streik. Die Vereinbarung enthielt Regelungen zur Gleichbehandlung, zu längerem Urlaub und zu einer besseren Urlaubsvergütung.

Wenige Monate später verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfalle“. Es war ein Vorläufer des Lohnfortzahlungsgesetzes von 1969, das die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall für alle Beschäftigten festschrieb. Rechtlich blieb der Streik allerdings umstritten: Am 31. Oktober 1958 verurteilte das Bundesarbeitsgericht die IG Metall zum Ersatz der durch den Streik entstandenen Schäden. Das Gericht bewertete die gewerkschaftliche Urabstimmung als Kampfmaßnahme während der tarifvertraglichen Friedenspflicht.

Vom Arbeiterkrankheitsgesetz bis zur heutigen Debatte

1996 senkte die CDU-FDP-Regierung die gesetzliche Entgeltfortzahlung unter anderem auf 80 Prozent des Entgelts. Die IG Metall verteidigte die 100-prozentige Lohnfortzahlung in den Tarifverträgen der Metallindustrie. Nach einem bundesweiten Konflikt vereinbarten die IG Metall und der Arbeitgeberverband der niedersächsischen Metall- und Elektroindustrie wieder eine tarifliche 100-prozentige Entgeltfortzahlung, unabhängig von der gesetzlichen Regelung. Diese Regelung wurde schrittweise in anderen Metalltarifgebieten und Branchen übernommen.

1999 schrieb die rot-grüne Bundesregierung die 100-prozentige Entgeltfortzahlung wieder im Entgeltfortzahlungsgesetz fest. Heute fordern Arbeitgeber und ihre Verbände erneut Änderungen bei der Lohnfortzahlung, darunter die Einführung eines Karenztags. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, bezeichnete die Unterstellung, Beschäftigte würden sich absichtlich krankmelden, als unverschämt und fatal. Karenztage gefährdeten die soziale Sicherheit und könnten dazu führen, dass Krankheiten verschleppt werden. Eine gesunde deutsche Wirtschaft werde nicht durch kranke Beschäftigte erreicht, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen.

Urban wird auch bei der Lübecker Jubiläumsveranstaltung erwartet – dort allerdings als Prof. Hans-Jürgen Urban von der Universität Jena. Gemeinsam mit Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, sowie weiteren Gästen aus Gewerkschaft, Wissenschaft und Politik soll er historische Erfahrungen und Lehren für aktuelle tarif- und gesellschaftspolitische Herausforderungen diskutieren. Die damaligen Auseinandersetzungen sollen dabei ebenso zur Sprache kommen wie ihre Bedeutung für die heutige Arbeitswelt.

Beginn ist um 11 Uhr im Raum Ingeborg Sommer des Gewerkschaftshauses Lübeck, Possehlstraße, Ecke Holstentorplatz. Eine Anmeldung bei der IG Metall Lübeck ist erforderlich: luebeck@igmetall.de.

Die Veranstaltung wurde von der IG Metall Lübeck angekündigt. Der zugehörige Text trägt die Nummer 182756, wurde am 22. Oktober 2026 um 15:35 Uhr veröffentlicht und stammt von der IG Metall Lübeck.