Streit um Buckelwal-Bergung: Unternehmer fordert 1,35 Millionen Euro von Geldgeberin
Am Landgericht Schwerin landet der Streit um die Bergung und den Transport eines im Frühjahr an der deutschen Ostseeküste gestrandeten Buckelwals. Der Unternehmer Fred Babbel hat Anfang September Klage gegen Karin Walter-Mommert eingereicht. Er fordert rund 1,35 Millionen Euro.
Babbels Tauchunternehmen hatte für die Aktion Technik beschafft, eigenes Personal eingesetzt und nach seinen Angaben die maßgeblichen Bergungskonzepte erstellt. Außerdem band Babbel weitere Firmen ein, unter anderem für die Organisation benötigter Schiffe. Bei anderen Unternehmen sei er teilweise in Vorleistung gegangen – auf den Kosten sitze er weiterhin.
Streit um Bergung, Barge und offene Rechnungen
Walter-Mommert trat als Geldgeberin der Aktion auf. Ihr gehe es nicht grundsätzlich um die Höhe der Forderung, erklärte sie, sondern um den Ablauf der Bergung. Laut einem veröffentlichten Anwaltsschreiben will sie durch die Nichtzahlung weitere Aufklärung erreichen. Im Mittelpunkt steht dabei auch die Frage, ob der schwer kranke Wal überhaupt hätte ausgesetzt werden dürfen.
Nach Babbels Angaben zahlte Walter-Mommert während der Aktion 400.000 Euro. Das Geld sei unmittelbar an die beteiligten Schiffe und die eingesetzte Barge weitergeleitet worden. In diesem speziellen Lastkahn wurde der Wal transportiert. Babbel zahlte nach Angaben des Landgerichts Schwerin außerdem etwa 23.000 Euro Gerichtskostenvorschuss.
Nun ist zunächst ein schriftliches Vorverfahren vorgesehen: Walter-Mommert erhält die Klageschrift und kann Stellung nehmen. Danach darf Babbel antworten. Kommt keine Einigung zustande, kann ein Termin zur mündlichen Verhandlung angesetzt werden.
Als weiterer Geldgeber trat der Unternehmer Walter Gunz auf. Zwischen ihm und Walter-Mommert gibt es ebenfalls Streit über die Kosten. Gunz habe freiwillig 300.000 Euro beigesteuert, teilte sein Anwalt mit. Weitere Forderungen Walter-Mommerts werde Gunz nicht begleichen, weil erhebliche Kosten ohne vorherige Rücksprache, Abstimmung oder Genehmigung veranlasst worden seien.
Auch das Ministerium verlangt Geld
Das Schweriner Umweltministerium fordert weiterhin rund 140.000 Euro, vor allem für Personalkosten der behördlichen Begleitung. Walter-Mommert hatte erklärt, die Behörden weder beauftragt noch angefordert zu haben. Das Ministerium verweist dagegen auf eine Erklärung der Initiative, mit der diese die Übernahme sämtlicher Kosten einschließlich der Behördeneinsätze zugesagt habe.
Gunz’ Anwalt erklärte, sein Mandant habe eine von einer Anwältin an das Ministerium übermittelte Kostenzusage nicht gekannt, den Text nicht gesehen und nicht freigegeben.
Der von Fachleuten als schwer krank eingestufte Buckelwal war von der privaten Initiative zur Nordsee gebracht und dort ausgesetzt worden. Kurz danach wurde er tot vor der dänischen Insel Anholt angespült. Experten hatten von Beginn an dazu geraten, das Tier in Ruhe sterben zu lassen.
Lebt der Wal oder ist er tot?
Nach der Rettung des Buckelwals vor Poel blieben Fragen zu seinem Zustand offen. Der Wal soll inzwischen wieder in der Nordsee sein – oder, je nach Informationsstand, eben nicht mehr: Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) wies Spekulationen über seinen Tod zurück und sagte, der Wal lebe. Darauf deuteten Signale eines am Tier befestigten Trackers hin.
US-Spezialisten hatten den Sender angebracht. Er übermittelte Kontakte, die auf Bewegungen des Tieres hindeuten. Seit der Freilassung seien 25 Tracker-Signale registriert worden, erklärte Karin Walter-Mommert. Die Signale deuteten auf wiederholte Tauchgänge und Bewegungen hin. Eine genaue Ortung sei derzeit allerdings nicht möglich, weil der Sender bislang vor allem Bewegungs- und Tauchinformationen, aber keine Geodaten übermittelt. Aus Sicherheitsgründen nennt die Initiative das verwendete Gerät nicht.
Das Umweltministerium hat bislang keinen Zugriff auf die Tracker-Daten. Backhaus forderte deshalb, Behauptungen über den Tod des Wals müssten belegt werden. Auch externe Walexperten, mit denen er in Kontakt steht, gehen derzeit von einem lebenden Tier aus. Hinweise auf Aufenthalte in Gebieten mit Möwen könnten außerdem darauf hindeuten, dass der Wal Nahrung aufgenommen hat.
Walter-Mommert weist den Vorwurf mangelnder Transparenz zurück. Sie bezeichnete das Vorgehen bei der Freilassung als „übergriffig“. Ihr Team sei vom Zeitpunkt der Freilassung überrascht worden. Ursprünglich sollte der Wal weiter nach Norden, möglicherweise bis vor Stavanger, transportiert werden, wo die Bedingungen günstiger eingeschätzt worden seien. Nach Ansicht der Initiative ist die Rettungsaktion daher noch nicht abgeschlossen. Abläufe, Aussagen und Material würden derzeit ausgewertet.
Walter-Mommert kritisierte zudem Aussagen des Meeresmuseums zum möglichen Zustand des Wals. Falls dort belastbare Informationen vorlägen, müssten diese veröffentlicht werden. Sie habe nach eigenen Angaben bereits mit Backhaus telefoniert und das Ministerium informiert.
Fehler bei der Rettung, offene Regeln für die Zukunft
Backhaus räumte Fehler ein. Die private Initiative hätte früher zu mehr Transparenz verpflichtet werden müssen. Im Team habe es Diskussionen und Unstimmigkeiten gegeben. Außerdem war die eingesetzte Barge nur für küstennahe Gewässer, nicht für den Atlantik zugelassen. Details zur Freilassung sind Backhaus nicht bekannt.
Trotzdem bewertete er die Aktion positiv, weil der Wal lebend aus Mecklenburg-Vorpommern gebracht worden sei. Für künftige Fälle fordert der Minister klarere Zuständigkeiten und verbindliche Abläufe. Mecklenburg-Vorpommern will deshalb einen „Runden Tisch Walstrandungen“ vorschlagen.
Der Einsatz löste unterdessen eine Debatte über Meeresschutz, Walstrandungen und die Zukunft der Fischerei aus. Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) verwies auf die Verschmutzung der Meere, Beifang, Stellnetze und den schlechten Zustand vieler Meeressäuger in Nord- und Ostsee. Die Themen sollen bei der Umweltministerkonferenz in Leipzig beraten werden.
Goldschmidt bezeichnete den Fall als Hinweis auf den schlechten Zustand der Meere. Viele Wale und andere Meeressäuger würden täglich unbemerkt sterben, auch vor deutschen Küsten. Der Buckelwal habe den Zustand der Meere wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Goldschmidt fordert deshalb ein bundesweites Maßnahmenpaket für Nord- und Ostsee sowie strengere Schutzgebiete.
Besonders problematisch seien Stellnetze, in denen sich Meeressäuger verfangen. Dazu kommen sogenannte Ewigkeitschemikalien, Düngemittel und Plastikmüll. Goldschmidt verlangt strengere Regeln für die Stellnetzfischerei und weitere nutzungsfreie Zonen in Schutzgebieten, hält zugleich aber eine Zusammenarbeit mit Fischern für notwendig. Auf EU-Ebene gebe es Unterstützung für strengeren Meeresschutz und nachhaltigere Fischerei.
Backhaus betonte, Meeresschutz dürfe nicht gegen die Küstenfischerei ausgespielt werden. Die Zahl der Fischereibetriebe an der Ostseeküste sei seit der deutschen Wiedervereinigung stark gesunken. Meeresschutz und Küstenfischerei müssten gemeinsam betrachtet werden.
Beide Minister bezeichneten Buckelwale als seltene Gäste in der Ostsee. Der Schwerpunkt solle auf dem Schutz heimischer Arten liegen, insbesondere auf dem Schweinswal. In der zentralen Ostsee lebten laut Backhaus nur noch wenige hundert Schweinswale. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein wollen sich bei der Umweltministerkonferenz für mehr Schutzräume, weniger Beifang und einen stärker wissenschaftlich ausgerichteten Meeresschutz einsetzen.
