40 Jahre MINT-Spezialgymnasium Erfurt: Vom Klassenzimmer in die Welt
Heute, am 26.09.2026, ist die TU Ilmenau ein passender Ort für einen Blick zurück nach Erfurt: Der Spezialschulteil des Albert-Schweitzer-Gymnasiums feiert sein 40-jähriges Bestehen. Rund 720 ehemalige Schülerinnen und Schüler aus aller Welt reisten zur Feier an, zu den Gästen gehörten Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern. Mehr als 700 Ehemalige kamen unter anderem aus Schweden und den USA.
Die Schule ist eine von drei MINT-Spezialgymnasien in Thüringen. Die beiden anderen stehen in Ilmenau und Jena. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik haben für viele Absolventinnen und Absolventen den Grundstein für internationale Karrieren gelegt.
Neugier statt Streberstempel
Milena Wiegand ist 25 Jahre alt und hat an der Universität Lausanne ihren Masterabschluss in molekularer und biologischer Chemie gemacht. In der Schweiz studierte sie mit einem Vollstipendium. Weitere Stipendienangebote erhielt sie unter anderem nach ihrem Sieg beim Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ im Fach Chemie.
Ursprünglich bewarb sich Wiegand eher aus einem Freundinnen-Impuls heraus am Spezialgymnasium: Ihre beiden Freundinnen taten es ebenfalls. Aufgenommen wurde allerdings nur sie. An der Schule schätzte sie, dass Neugier und Fragenstellen ausdrücklich gefördert wurden und leistungsstarke Schüler nicht automatisch als Streber abgestempelt wurden.
Nach dem Abitur ging es zunächst für ein freiwilliges soziales Jahr nach Paris. Danach studierte sie Chemie zwei Jahre in Heidelberg, ein Jahr über Erasmus im französischsprachigen Straßburg und anschließend auf Englisch in Lausanne. Der nächste Schritt: eine Promotion in München. Eine Rückkehr nach Thüringen hält Wiegand derzeit wegen der begrenzten Wirtschafts- und akademischen Möglichkeiten in MINT-Berufen für unwahrscheinlich.
Schulleiter Johannes Süpke, der den Bereich der MINT-Spezialklassen leitet, sagt, Talente sollten möglichst früh und intensiv gefördert werden. Derzeit besuchen 142 Schülerinnen und Schüler das Erfurter Spezialgymnasium, 18 Plätze sind noch frei.
Spuren, die weit über Erfurt hinausreichen
Die Zahlen zur weiteren Laufbahn der Ehemaligen sind markant: Nach Angaben der Schule haben 44 Prozent promoviert, 39 Prozent arbeiten in Führungspositionen und 56 Prozent in der Wirtschaft. Jeder Vierte ist in der Wissenschaft tätig. Viele arbeiten heute in der Forschung, führen große Unternehmen oder sind selbst Unternehmer geworden.
Henry Weber, Abiturjahrgang 1995, lebt in Österreich und führt dort ein Unternehmen. Seine Firma entwickelt Computergrafik und ist auf Computertomografie für die Industrie und Archäologie spezialisiert. Nach dem Abitur ging Weber zunächst ins Ausland, danach arbeitete er mehr als 20 Jahre in Stuttgart. Viele ehemalige Schüler kehren laut Artikel nur selten nach Thüringen zurück – die Berufs- und akademischen Chancen in der Region sind begrenzt.
Auch Florian Römer verbrachte unter anderem ein Jahr in Kanada. Seine akademische Laufbahn konnte er an der Universität Ilmenau beginnen, an der er seit 26 Jahren tätig ist. Der 45-Jährige ist Professor für Signalverarbeitung für intelligente Sensorsysteme.
Römer erinnert sich an eine Schule, an der neugierige und interessierte Schüler akzeptiert und gefördert werden konnten. Ehemalige beschreiben die Schulzeit als behütetes Lernen, das ihnen geholfen habe, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Das klingt nach Klassenzimmern mit viel Konzentration – und nach einem Ort, an dem man nicht ständig erklären musste, warum man etwas ganz genau wissen wollte.
Zum Jubiläum organisierte Milena Wehrbach, die Vorsitzende des Alumni-Vereins, das Treffen maßgeblich mit. Für eine zum Jubiläum herausgegebene Chronik gestaltete der Schüler Konrad das Titelbild; an der Chronik war auch Tom Fleischhauer beteiligt. Auf einem Foto sind außerdem Internatsleiter Falko Schön und Charlotte Staff zu sehen. Staff war früher selbst Schülerin der Schule und arbeitet heute dort als Lehrerin.
Mehr Wissenschaft, mehr Begeisterung
Florian Römer fordert mehr Unterstützung für die Wissenschaft und mehr Begeisterung für MINT-Fächer. Ingenieure könnten dazu beitragen, Herausforderungen wie den Klimawandel, den gesellschaftlichen Wandel und die Mobilität zu bewältigen. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend angezweifelt werden, beobachtet er mit Sorge.
Gerade darin liegt ein Spannungsfeld des Jubiläums: Die Schule hat ihren Absolventinnen und Absolventen Türen in die Welt geöffnet, doch viele bleiben anschließend dort. Lausanne, Paris, Straßburg, Kanada, Österreich, Stuttgart – Thüringen ist in diesen Lebensläufen präsent, aber nicht immer als späterer Arbeitsplatz. An der TU Ilmenau lässt sich zumindest einer dieser Wege weiterverfolgen: Florian Römer blieb der Universität verbunden, während andere ihre nächsten Stationen weit außerhalb fanden.
Der Artikel von Anja Derowski erschien am 25. September 2026. Gefeiert wurde eine Schule, deren Spuren bis in Forschungslabore, Unternehmen und Hochschulen rund um den Globus reichen – und deren freie Plätze zeigen, dass die nächste Generation schon bereitsteht.
