ABL Austria: Aus Biomasse-Reststoffen werden Diesel und synthetisches Erdgas
In Zeltweg in der Steiermark soll ein Reallabor entstehen, das aus land- und forstwirtschaftlichen Reststoffen zwei Kraftstoffe herstellt: Fischer-Tropsch-Diesel und synthetisches Erdgas, kurz SNG – „Synthetic Natural Gas“. Das Advanced Bioenergy Lab Austria (ABL1) wäre damit weltweit die erste Anlage ihrer Art, die beide Produkte erzeugt. Für das Projekt sind 28 Millionen Euro vorgesehen.
Die Idee klingt zunächst schlicht: Was nach Holzernte oder Landwirtschaft übrig bleibt, wird nicht verbrannt oder entsorgt, sondern in einem Kreislauf zu fossilfreien Energieträgern verarbeitet. Diese sollen anschließend land- und forstwirtschaftlichen Betrieben zur Verfügung stehen. Das Reallabor soll zeigen, dass fossile Treibstoffe in diesen Bereichen vollständig ersetzt werden können. Zugleich soll es die Markteinführung thermo-chemischer Verfahren zur Nutzung holzartiger Biomasse und biogener Reststoffe beschleunigen.
Vom Reststoff zum Kraftstoff
Technisch beginnt der Prozess mit einem Zweibett-Wirbelschichtvergaser. Darin werden holzartige Biomasse sowie land- und forstwirtschaftliche Reststoffe in Synthesegas umgewandelt. Dieses Gas wird gereinigt und anschließend auf zwei Prozessketten verteilt: In einer Wirbelschicht entsteht SNG, das für die Einspeisung in das Erdgasnetz aufbereitet wird. In einem sogenannten Slurry-Bubble-Column-Reaktor wird daraus normgerechter FT-Diesel.
Die Gaserzeugungstechnologie wurde maßgeblich am Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften der TU Wien entwickelt. Die TU Wien forscht seit Jahrzehnten an Wirbelschichttechnologien und nachhaltigen Energieträgern. Im Projekt wurden unter anderem computergestützte Berechnungen sowie Massen- und Energiebilanzen erstellt. Im September 2026 übernahm Stefan Müller von der TU Wien die Konsortialführung.
Später könnte die Anlage zu einer Technologieplattform erweitert werden, etwa zur Herstellung von nachhaltigem Kerosin, sogenanntem SAF. Auch die erzeugten grünen Gase und Biokraftstoffe könnten über die Landwirtschaft hinaus eingesetzt werden: Sie könnten österreichischen Industriebetrieben mit hohem Energiebedarf klimaneutrales Erdgas bereitstellen.
Für die Anwender wäre kein kompletter Neustart nötig. Die Kraftstoffe gelten als „Drop-in Fuels“: Motoren, Brenner, bestehende Verteilernetze und Fahrzeugflotten müssten nicht angepasst werden. Die Produkte sind außerdem mit anderen Biotreibstoffen und fossilen Treibstoffen mischbar. Nach Angaben des Projekts können sie sämtliche Anforderungen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie erfüllen und gegenüber fossilen Produkten bis zu etwa 90 Prozent der Treibhausgasemissionen einsparen.
Die Lücke zwischen Labor und Industrie
Genau dort liegt der Knackpunkt. Bei den Forschungspartnern gibt es bislang Labor- und Pilotanlagen im Kilowatt-Bereich. Das Reallabor soll mit einer Brennstoffwärmeleistung von 5 Megawatt den letzten Entwicklungsschritt vor der Marktreife und dem Bau kommerzieller Anlagen ermöglichen. Es geht also nicht mehr nur darum, ob die Reaktion im kleinen Maßstab funktioniert, sondern ob sich Technik, Betrieb und Wirtschaftlichkeit auf größere Anlagen übertragen lassen.
Das soll Anlagenbauunternehmen, Investoren und künftigen Betreibergesellschaften Planungssicherheit geben. Das Projekt bereitet die technische und wirtschaftliche Skalierung zu industriellen Anlagen vor. Nach Angaben des Projekts könnten mit zehn Prozent der derzeit im Energiebereich eingesetzten Biomasse die land- und forstwirtschaftlichen Maschinenparks mit erneuerbaren Treibstoffen versorgt werden. Dafür wären neun Anlagen mit jeweils 100 Megawatt Brennstoffwärmeleistung und Investitionen von rund zwei Milliarden Euro nötig.
Ein vorzeitiger Austausch der Fahrzeugflotten zugunsten emissionsfreier Technologien, die derzeit noch nicht verfügbar sind, wäre laut Projektangaben deutlich teurer. Die Rechnung ist nüchtern, aber im Maschinenraum riecht es vermutlich trotzdem nach Holz, Staub und heißem Metall. Gebaut und betrieben werden soll das Reallabor von der eigens gegründeten Genossenschaft Advanced Bioenergy Lab eGen.
Zum Konsortium gehören die TU Wien, das AIT Austrian Institute of Technology, BEST – Bioenergy and Sustainable Technologies, die BOKU – Universität für Bodenkultur Wien, die Fachhochschule Wiener Neustadt, Güssing Energy Technologies, Josephinum Research und die Montanuniversität Leoben. Das BMLUK fördert das Vorhaben aus Mitteln des Waldfonds; abgewickelt wird die Förderung über die FFG-Schiene THINK.WOOD. Energie. Das Projekt „ABL Austria“ wird zu wesentlichen Teilen aus dem Waldfonds finanziert.
Was hinter der Fischer-Tropsch-Synthese steckt
Beim FT-Diesel kommt ein Verfahren zum Einsatz, das deutlich älter ist als die aktuelle Debatte über klimafreundliche Kraftstoffe. Die Fischer-Tropsch-Synthese ist ein großtechnisches, heterogen-katalytisches Verfahren zur Herstellung von Kohlenwasserstoffen aus Synthesegas. Kohlenstoffmonoxid und Wasserstoff reagieren dabei an Katalysatoren auf Cobalt- oder Eisenbasis. Typische Bedingungen liegen – je nach Verfahren – bei etwa 150 bis 350 Grad Celsius und 1 bis 25 bar.
Das Verfahren besteht aus Synthesegaserzeugung, FT-Synthese und Produktaufbereitung. Synthesegas kann aus Kohle, Erdgas, Biomasse oder organischen Abfällen stammen. Bei ABL Austria kommt Biomasse zum Einsatz. Sie bringt allerdings Verunreinigungen wie Ammoniak, Schwefelwasserstoff und Chlorwasserstoff mit. Das Gas muss daher gekühlt, filtriert und von Katalysatorgiften befreit werden; der Schwefelwasserstoffanteil wird auf weniger als 30 ppb gesenkt. Möglich sind dafür unter anderem Rotschlamm, Eisenoxid-Natriumcarbonat-Katalysatoren oder eine Rectisolwäsche.
Die Reinigung ist kein Detail am Rand. Schon geringe Mengen bestimmter Stoffe können Katalysatoren vergiften und die Prozessleistung drücken. Industriell werden vor allem Eisen- und Cobalt-Katalysatoren verwendet. Ruthenium und Nickel wären grundsätzlich geeignet, sind wegen Kosten, Methanbildung oder Metallverlusten aber kaum industriell im Einsatz. Als Träger dienen unter anderem Kieselgur, Aluminiumoxid, Zeolithe und Titandioxid.
Die Reaktion selbst ist stark exotherm. Pro Kubikmeter umgesetztem Synthesegas entstehen etwa 3.000 Kilojoule Wärme. Wird diese nicht ordentlich abgeführt, steigen Methanbildung und Verkokung, während die Lebensdauer des Katalysators sinkt. Technische Anlagen nutzen deshalb Wasser oder andere Kühlmedien. Eingesetzt werden Festbett-, Blasensäulen-, Slurry- und Wirbelschichtreaktoren. Das ABL-Verfahren nutzt für den Diesel einen Slurry-Bubble-Column-Reaktor.
Die Abkürzungen rund um solche Anlagen lesen sich fast wie ein kleines Alphabet der Rohstoffe: XtL bezeichnet die Umwandlung beliebiger Ausgangsstoffe in Flüssigkraftstoffe, GtL steht für Gas-to-Liquid, BtL für Biomass-to-Liquid, WtL für Waste-to-Liquid und CtL für Coal-to-Liquid. CBtL kombiniert Kohle und Biomasse. PtL nutzt erneuerbaren Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid. ICtL meint die indirekte Kohleverflüssigung über Synthesegas, im Unterschied zum direkten Bergius-Pier-Verfahren. FTO steht für Fischer-Tropsch-to-Olefins.
Das FT-Produkt ist zunächst ein synthetisches Rohöl, ein „Syncrude“, und noch kein fertiger Tankstellenkraftstoff. Für marktfähige Produkte braucht es unter anderem Destillation, Hydrocracken und Hydrotreating. Langkettige Paraffine lassen sich durch Hydrocracken in Mitteldestillate umwandeln; Fischer-Tropsch-Wachse bestehen überwiegend aus linearen Paraffinen und können durch Hydroisomerisierung zu besser nutzbaren Schmierstoffen werden. Entstehen können außerdem synthetische Motoröle, Otto-, Diesel- und Flugkraftstoffe sowie Wachse. Die Kraftstoffe enthalten praktisch keine Schwefel- und Stickstoffverbindungen.
Ein altes Verfahren mit neuer Rohstofffrage
Franz Fischer und Hans Tropsch entwickelten das Verfahren am Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Die Patentanmeldungen erfolgten 1925 und 1926. Ausgangspunkt war die Suche nach einem Erdölersatz während und nach dem Ersten Weltkrieg. Ab 1921 arbeiteten Fischer und Tropsch zunächst am Synthol-Verfahren, das aus Synthesegas sauerstoffhaltige Verbindungen erzeugte. Weil diese als Motorkraftstoff schlecht geeignet waren, änderten sie
