Adaptive KI-Lehre: Wie Hochschulen Lernpfade und KI-Kompetenzen verbinden
Wenn sich Lerninhalte an unterschiedliche Vorkenntnisse, Ziele und Zeitbudgets anpassen sollen, klingt das zunächst nach einer ziemlich guten Idee. In der Praxis wird es schnell knifflig: Wer legt die Reihenfolge fest, welche Materialien dürfen verändert werden – und wann hilft KI wirklich weiter? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Werkstattgespräch „Adaptive und adaptierbare KI-Lehre in der Hochschulpraxis“ am 30. November 2026 von 14:00 bis 15:00 Uhr.
Veranstaltungsort ist online, die fachlichen Perspektiven kommen unter anderem aus Aachen und vom KI-Campus. Prof. Dr. Malte Persike von der RWTH Aachen University und Florian Rampelt vom Stifterverband sowie vom KI-Campus stellen zwei Ansätze vor und diskutieren deren Chancen und Grenzen im Hochschulalltag. Ausgangspunkt sind lernpfadbasierte Bildungsangebote, bei denen Studierende selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge sie Lerneinheiten bearbeiten. Das schafft Spielraum, verlangt aber auch Lernenden, Lehrenden und den Produzierenden der Inhalte einiges ab.
Offene Materialien, flexible Pfade
Bei der Adaptierbarkeit stehen offene Bildungsressourcen, kurz OER, im Mittelpunkt. Studierende nutzen sie als Lernmaterial, Lehrende als Grundlage, um Kurse auf eigene Bildungsziele und Zielgruppen zuzuschneiden. Dafür reicht es nicht, fertige Kurse freizugeben: Auch die zugrunde liegenden Materialien müssen offen verfügbar sein.
Adaptivität setzt an einer anderen Stelle an. Curricula werden aus flexibel kombinierbaren Lerneinheiten aufgebaut. Diese Einheiten müssen für eine kohärente Lernerfahrung ausreichend miteinander verbunden sein; zugleich sollten gegenseitige Abhängigkeiten möglichst gering oder eindeutig definiert bleiben. Lernpfade lassen sich dann an das Vorwissen und das Zeitbudget bestimmter Zielgruppen anpassen. Ein KI-System könnte jeweils die nächste passende Einheit vorschlagen – was praktisch klingt, aber natürlich nur dann sinnvoll ist, wenn die Bausteine didaktisch sauber zusammenspielen.
Als Praxisbeispiel dient das BMFTR-geförderte Projekt „KI-Kompetenzen an Hochschulen stärken“ unter Leitung des KI-Campus. Künstliche Intelligenz verändert Lernen und Lehren an Hochschulen grundlegend. Denkbar sind Chatbots als Lernassistenz, automatisierte Unterstützung bei Prüfungen oder Datenanalysen in der Hochschulverwaltung. Für eine sinnvolle und verantwortungsbewusste Integration braucht es allerdings grundlegende KI-Kompetenzen.
Persike ist habilitierter Psychologe und wissenschaftlicher Leiter des Center für Lehr- und Lernservices an der RWTH Aachen University. Promoviert hat er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er erhielt 2012 den Ars-legendi-Preis für exzellente Hochschullehre in den Sozialwissenschaften und 2014 den Landeslehrpreis Rheinland-Pfalz für sein Inverted-Classroom-Konzept. Außerdem produzierte er die ersten beiden deutschsprachigen MOOCs im Bereich Statistik und ist unter anderem im Hochschulforum Digitalisierung aktiv.
Rampelt leitet den Programmbereich „Future Skills & KI“ im Stifterverband und die Geschäftsstelle des KI-Campus. Der Bildungs- und Erziehungswissenschaftler arbeitet mit Schwerpunkt auf Aus- und Weiterbildung für die digitale Transformation und forscht zu AI Literacy, OER und KI-Kompetenzen an Hochschulen. Er ist für das Framework „Future Skills 2030“ des Stifterverbands verantwortlich und war an der Erstellung des AI-Literacy-Frameworks von OECD und Europäischer Kommission beteiligt.
KI-Campus als Baukasten für Hochschulen
Der KI-Campus bietet praxisnahe Lernangebote für Studierende, Lehrende und weitere Hochschulangehörige. Sie sollen den gezielten und bedarfsgerechten Aufbau von KI-Kompetenzen ermöglichen. Die Inhalte sind kostenlos und offen lizenziert, die Kurse, Module und Materialien in der Regel als Open Educational Resources unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 verfügbar.
Für Hochschulen ist das nicht bloß eine Materialsammlung zum Durchklicken. Die Angebote eignen sich zur Integration in Studiengänge und Weiterbildungen. Über die Moodle-Umgebung des KI-Campus können sie direkt an Hochschulangebote angebunden werden. Eigene Prüfungen lassen sich ergänzen, die Verantwortung für die Lehre bleibt damit bei der Hochschule. Kooperationen sollen zugleich aktuelle Inhalte und innovative Lehrangebote ermöglichen; zahlreiche Hochschulen arbeiten bereits mit dem KI-Campus zusammen. Für Kooperationsanfragen gibt es ein Kontaktformular.
Die Veranstaltung selbst ist kostenfrei und ohne Anmeldung zugänglich. Der Link zum Veranstaltungsraum wird etwa 15 Minuten vor Beginn veröffentlicht, durchgeführt wird das Gespräch über Zoom. Eine Aufzeichnung soll später frei zugänglich bereitgestellt werden. Live-Untertitelung ist möglich; Unterstützung für eine barrierearme Durchführung kann per E-Mail angefragt werden. Wer eine Teilnahmebestätigung möchte, kann ein Open Badge erhalten – dafür ist ein kostenloser Account bei e-teaching.org nötig.
Was zur KI-Kompetenz dazugehört
Die EU-KI-Verordnung betrachtet grundlegende KI-Kompetenzen als Voraussetzung für den Einsatz von KI. Hochschulen sollen Lehrende und Studierende deshalb für einen rechtskonformen, didaktisch sinnvollen und reflektierten Umgang qualifizieren. AI Literacy bedeutet dabei nicht, jedes technische Detail auswendig zu kennen. Gemeint ist die Fähigkeit, Chancen und Risiken zu erkennen, KI sachkundig zu nutzen und unter Berücksichtigung rechtlicher Vorgaben fundierte Entscheidungen zu treffen.
Zu den technologischen Kompetenzen gehören Grundlagen über Funktionsweisen, Potenziale und Risiken von KI-Systemen. Dazu zählen alltägliche KI-Anwendungen ebenso wie Begriffe und Konzepte generativer KI: Training, Sprachmodell, Prompt und Token. Auch der Unterschied zwischen menschlichem Verstehen und der Funktionsweise von KI-Systemen gehört dazu. In der Praxis sollten Teilnehmende passende Tools für konkrete Einsatzszenarien auswählen, grundlegende Prompting-Strategien anwenden und KI-Ausgaben auf Plausibilität prüfen können – einschließlich typischer Fehler wie Halluzinationen oder fehlendem Kontext.
Rechtliche Kompetenz betrifft die KI-Verordnung der EU und allgemeine Rechtsgrundlagen, insbesondere Urheberrecht, Datenschutz, Datensicherheit und institutionelle Vorgaben. Hochschulangehörige sollen rechtliche Grundlagen benennen und ihre Bedeutung für den praktischen Einsatz erklären können. Dazu gehört auch, die Regeln der eigenen Hochschule zu kennen: Welche Tools sind erlaubt? Gibt es Kennzeichnungspflichten? Was gilt im Prüfungsrecht? Daraus müssen konkrete Handlungsfolgen entstehen, etwa zur zulässigen Toolauswahl und zur transparenten Kennzeichnung der KI-Nutzung.
Die ethische Seite ist weniger greifbar, aber nicht weniger wichtig. Sie zielt auf eine verantwortungsvolle, selbstbestimmte und reflektierte Nutzung und nimmt technische, soziale und gesellschaftliche Auswirkungen in den Blick. Dazu gehören die eigene Verantwortung, Fairness, Verantwortung und gute wissenschaftliche Praxis ebenso wie Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit. KI-Ausgaben können durch Stereotype in Trainingsdaten und durch Entscheidungen bei der Systementwicklung beeinflusst sein. Auch Veränderungen von Berufsbildern, Up- und Deskilling sowie neue Abhängigkeiten von Technologiekonzernen gehören zu den möglichen sozialen Folgen.
Weitere Informationen bietet die Veröffentlichung der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik „Die KI-Verordnung der EU als Impuls für die Entwicklung von AI Literacy an Hochschulen“. Wer sich durch das Themenfeld weiterhangeln möchte, findet im Veranstaltungskontext außerdem mehrere Termine: „Adaptivität und Adaptierbarkeit im Hochschulkontext – Einführung in den Themenbereich“ am 2. November 2026, „Individuell und adaptiv fördern mit intelligenten Tutorsystemen“ am 16. November 2026, das Werkstattgespräch in Aachen am 30. November 2026, „Individuelle und flexible Lernwege sowie Curricula“ am 14. Dezember 2026 und „Adaptive Medien im Studium: Lernunterstützung oder Kompetenzverlust?“ am 18. Januar 2027.
Weitere Informationen und Zugang zur Veranstaltung bei e-teaching.org
