BARMER-Report zeigt: Ambulante Notfälle belasten deutsche Krankenhäuser regional sehr unterschiedlich
Med Berlin, 28.10.2026 – In deutschen Krankenhäusern ist die Zahl ambulanter Notfallbehandlungen deutlich gestiegen. Zwischen 2015 und 2024 nahm sie laut Krankenhausreport 2026 der BARMER im Durchschnitt um 8,7 Prozent zu. Über alle einbezogenen Kliniken hinweg wuchs die Zahl von 12,3 auf 12,7 Millionen Fälle.
Das klingt zunächst nach einer überschaubaren Veränderung. Im Klinikalltag bedeutet es allerdings: mehr Menschen, mehr Wartebereiche, mehr Druck auf ohnehin knappe Teams. Die BARMER nennt die steigenden ambulanten Fallzahlen als einen Grund für überlastete Notaufnahmen. Zugleich sei ein erheblicher Teil der vermeintlichen Notfälle nicht tatsächlich akut behandlungsbedürftig.
Die Entwicklung verläuft von Klinik zu Klinik völlig unterschiedlich
Hinter dem bundesweiten Durchschnitt steckt ein ziemlich unruhiges Bild. In jeder zehnten Klinik haben sich die Fallzahlen mehr als verdoppelt. In weiteren zehn Prozent stiegen sie um beinahe 50 Prozent. Zwei von fünf Krankenhäusern verzeichneten ein Plus von 39 Prozent, während die Zahl in weiteren zwei von fünf Einrichtungen um 26 Prozent zurückging.
2024 wurden bundesweit rund 12,7 Millionen ambulante Notfallbehandlungen durchgeführt. Das entspricht durchschnittlich 34.800 Behandlungen pro Tag. Zum Vergleich: Etwa 48.000 Patientinnen und Patienten wurden täglich stationär aufgenommen. Auf 14 stationär aufgenommene Menschen kamen damit zehn ambulant behandelte Notfälle.
Der Report untersucht außerdem, wie sich die Behandlungstage unterscheiden – also Wochenenden, Feiertage und Werktage. Grundlage sind BARMER-Routinedaten von rund 8,5 Millionen Versicherten aus den Jahren 2015 bis 2024. Die Werte wurden auf die Gesamtbevölkerung des jeweiligen Jahres hochgerechnet.
Erfasst wurden ambulante Notfälle anhand bestimmter Gebührenordnungsziffern in ärztlichen Abrechnungsdaten, darunter 01205, 01207, 01210 und 01212. In die Auswertung kamen Krankenhäuser mit mindestens 50 ambulanten Notfallbehandlungen pro Jahr. Ihre Zahl sank von 1.614 im Jahr 2015 auf 1.536 im Jahr 2024 – im Zusammenhang mit der insgesamt sinkenden Zahl deutscher Krankenhäuser.
Zwischen Baden-Württemberg und Thüringen liegen Welten
Auch regional klaffen die Werte auseinander. Krankenhäuser in Baden-Württemberg behandelten 2024 pro Einwohner rund 50 Prozent mehr ambulante Notfälle als der Bundesdurchschnitt. In Thüringen lag die Quote knapp 22 Prozent darunter.
Seit 2015 sank die Inanspruchnahme in Bremen um 15 Prozent und in Berlin um 14,6 Prozent. Nordrhein-Westfalen verzeichnete dagegen einen Anstieg um 18,7 Prozent, Rheinland-Pfalz sogar um 19,9 Prozent. Eine Notaufnahme funktioniert also nicht überall unter denselben Bedingungen – selbst dann nicht, wenn die Statistik am Ende eine bundesweite Zahl ausspuckt.
Telefonische Ersteinschätzung vor dem Weg in die Klinik
BARMER-Vorstandsvorsitzender Christoph Straub fordert deshalb eine vorgeschaltete telefonische Ersteinschätzung. Danach müsse eine verbindliche Weiterleitung in die jeweils passende Versorgungsebene folgen. Perspektivisch könnten digitale Unterstützung und eine direkte Terminvergabe helfen.
Haus- und Fachärzte sollen Patientinnen und Patienten verbindlich übernehmen, wenn die Behandlung nicht in die Notaufnahme gehört. Der Report bezeichnet die Steuerung der Patientenströme und die Einbindung der ambulanten Versorgung als zentrale Ansätze zur Entlastung. Nach Einschätzung der BARMER hängt der Erfolg der Notfallreform wesentlich davon ab, dass die Ersteinschätzung verbindlich geregelt wird.
Die kürzlich beschlossene Notfallreform greift bei dieser verbindlichen Steuerung nach Ansicht der Kasse zu kurz. Straub plädiert zusätzlich für mehr aufsuchende Versorgung im häuslichen Umfeld und für erweiterte Kompetenzen nichtärztlicher Gesundheitsberufe in Pflegeheimen. Das klingt weniger spektakulär als eine neue Klinikstruktur, könnte für Menschen zu Hause aber einen ziemlich direkten Unterschied machen.
Studienautor Daniel Grandt fordert neben der Steuerung eine Aufklärungskampagne. Patientinnen und Patienten sollten wissen, wie die medizinische Notfallversorgung organisiert ist und wohin sie sich mit welchem Anliegen wenden können. Eine solche Kampagne ist in der aktuellen Notfallreform bislang nicht vorgesehen.
Der Krankenhausreport 2026 untersucht die ambulante Notfallbehandlung in deutschen Krankenhäusern und analysiert Behandlungen von BARMER-Versicherten im Zeitraum 2015 bis 2024. Die Ergebnisse sollen Vorschläge zur Weiterentwicklung der ambulanten Notfallversorgung liefern und zur Diskussion über die geplante Reform beitragen. Autoren sind Daniel Grandt und Christoph Sievers.
Der Report trägt die DOI 10.30433/krankenhaus.2026.01, ist unter der Lizenz CC BY-ND 4.0 veröffentlicht und als PDF 1,24 MB groß. Wenn in einer Notaufnahme wieder einmal das Telefon klingelt, draußen Menschen auf freie Stühle warten und drinnen jedes Teammitglied gleichzeitig an drei Dinge denken muss, wird aus solchen Angaben sehr schnell mehr als eine trockene Statistik.
