ADHS bei Mädchen: Warum die Diagnose oft viel zu spät kommt!
Am 13. Juli wird der Internationale ADHS-Tag begangen, um auf die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) aufmerksam zu machen und Vorurteile abzubauen. In diesem Zusammenhang steht das Thema ADHS im Fokus von Expert*innen, darunter auch Prof. Dr. Julia Kerner vom Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung der Universität Münster. Sie beleuchtet das Thema ADHS aus einer pädagogisch-psychologischen Perspektive und weist darauf hin, dass Kinder mit ADHS-Symptomen, auch ohne formelle Diagnose, besonderen Herausforderungen in ihrem Alltag begegnen.
Besonders in Schulen müssen diese Kinder oft mit signifikantem Druck zurechtkommen. Kerner betont die Bedeutung eines unterstützenden Umfelds, um Leidensdruck zu vermeiden. In vielen Fällen seien Psychotherapie oder Medikamente erforderlich, insbesondere wenn die Symptome stark ausgeprägt sind. Während ADHS oft als Störung wahrgenommen wird, hebt Kerner hervor, dass auch Stärken wie Kreativität und soziale Fähigkeiten zu den Merkmalen von Menschen mit ADHS gehören. Begeisterungsfähigkeit ist häufig stark ausgeprägt, jedoch ist die Selbstregulation entscheidend für den Erfolg in der Schule und im sozialen Miteinander.
Unterschiedliche Sichtweisen auf ADHS
Ein wesentliches Problem stellt die Diagnostik dar: Jungen werden signifikant häufiger mit ADHS diagnostiziert als Mädchen. Viele Mädchen, die ebenfalls betroffen sind, erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter. Diese späte Diagnose führt oft zu Schwierigkeiten, da das klassische Symptombild stark auf den „Zappelphilipp“ ausgerichtet ist. Daher wird der Entwicklungsprozessdiagnostik für unauffällige Symptome bei Mädchen als notwendig erachtet, um deren Bedürfnisse und Schwierigkeiten angemessen zu erfassen.
Zusätzlich zeigt sich, dass Mädchen und Frauen mit ADHS oder Autismus häufig weniger offensichtlich betroffen sind. Typische Symptome wie emotionale Intensität und innere Überforderung werden oft maskiert, um den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. In einer ausführlichen Analyse führt Daniela Kunath aus, dass der Prozess des Masking, also das Anpassen des Verhaltens, um „normal“ zu wirken, bereits in der Grundschule erlernt wird. Dabei passen sich betroffene Mädchen stark an und zeigen oftmals gute Leistungen, wodurch ihre inneren Kämpfe oft übersehen werden.
Folgen unentdeckter Neurodivergenz
Die späte Diagnose kann gravierende Auswirkungen haben. Frauen, die erst im späteren Lebensalter von ihrer ADHS-Diagnose erfahren, berichten häufig von chronischer Erschöpfung, Selbstzweifeln, Depressionen und Schwierigkeiten in Beziehungen. Eine verspätete Diagnose kann dennoch auch eine befreiende Erkenntnis darstellen. Viele Frauen empfinden nach ihrer Diagnose eine Erleichterung, die es ihnen ermöglicht, ihr Leben neu zu gestalten und sich selbst anzunehmen.
Die initiale Unkenntnis über die eigenen Symptome führt oft zu einem Verlust des Selbstgefühls. Viele Frauen äußern, dass sie sich durch die Diagnose endlich verstanden fühlen und erkennen, dass sie nie falsch waren, sondern einfach unentdeckt. Diese Erkenntnis ist für viele der erste Schritt in ein neues, authentisches Leben.
In der Diskussion um ADHS braucht es daher mehr Bewusstsein und Verständnis, insbesondere in Schulen. Kerner fordert, dass ADHS als eine Form der Neurodivergenz anerkannt wird, nicht als Defekt. Die Stärkung individueller Stärken, die Schaffung eines unterstützenden Umfelds und die Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Betroffenen sind essentielle Schritte auf diesem Weg.
