Afrikas Landwirtschaft zwischen Ertrag, Ernährungssouveränität und planetaren Grenzen
An der Uni Bonn kreist die Debatte über Afrikas Landwirtschaft um eine unbequeme, aber durchaus ermutigende Frage: Lassen sich die derzeit rund 8,3 Milliarden Menschen – künftig vielleicht zehn Milliarden – ausreichend und gesund ernähren? Der Agrarökonom Matin Qaim hält das grundsätzlich für möglich. Ein zwangsläufiges malthusianisches Untergangsszenario sieht er nicht. Trotzdem müsse weltweit dringend mehr gegen Hunger getan werden.
Hunger entsteht laut Qaim nicht einfach deshalb, weil es zu wenig Nahrung gibt. Fruchtbares Land und Wasser sind höchst ungleich verteilt, der Klimawandel verschärft die Ernährungssicherung – aber er ist nicht die einzige Ursache. In Afrika ernten Kleinbauern im Durchschnitt etwa eine Tonne Getreide pro Hektar. Unter günstigen Bedingungen wären mehr als fünf Tonnen möglich. Was da fehlt, ist oft kein guter Wille, sondern der Zugang zu Technologie, Maschinen, Infrastruktur und Bewässerung. Korruption und Konflikte machen die Sache zusätzlich zäh.
Mehr Ertrag, mehr Markt, weniger Romantik
Entwicklung, sagt Qaim, könne nicht bedeuten, dass jeder Haushalt sich vollständig selbst versorgt oder jedes Land bei Lebensmitteln autark bleibt. Viele Kleinbauern im Globalen Süden leben aus Mangel an funktionierenden Märkten subsistenzorientiert. Studien zeigen zugleich: Die meisten wollen nicht dauerhaft in dieser Form leben. Straßen, Kühlmöglichkeiten, Handelsplätze und allgemein besserer Marktzugang wären deshalb keine Nebensachen, sondern die Grundlage für funktionierende Agrarmärkte.
Qaim unterscheidet klar zwischen wettbewerblichen Märkten und monopolartigen Strukturen. Märkte können Arbeitsteilung und Fortschritt ermöglichen, brauchen aber Regeln und soziale Sicherung. Monopole müssen reguliert werden. Große Unternehmen können Innovationen voranbringen und zugleich politischen Einfluss gewinnen. Gewinne seien nicht grundsätzlich problematisch, erklärt Qaim – sie dürften nur nicht auf Kosten anderer entstehen.
Ein Blick nach Deutschland macht die Größenordnung greifbar: Laut Artikel versorgt ein Vollzeitbeschäftigter in der Nahrungsmittelerzeugung etwa 124 Menschen. Der Wohlstand hängt auch damit zusammen, dass Haushalte nur rund zehn bis zwölf Prozent ihres Einkommens für Nahrung ausgeben. In vielen afrikanischen Ländern sieht die Rechnung anders aus. Der Agribusiness-Sektor Afrikas könnte nach Einschätzung der African Development Bank bis 2030 ein Volumen von 1 Billion US-Dollar erreichen. Die Afrikanische Union betont die Rolle der Landwirtschaft für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung und setzt auf eine grundlegende Umstrukturierung des Sektors.
Cash Crops wie Palmöl oder Avocados können Kleinbauern höhere Einkommen ermöglichen als der ausschließliche Anbau von Nahrungsmitteln für den Eigenbedarf. Eine Studie mit fast 70.000 Beobachtungen aus sechs afrikanischen Ländern fand sogar einen positiven Zusammenhang zwischen Cash-Crop-Anbau und Ernährung. Qaim empfiehlt trotzdem keine Abhängigkeit von einer einzigen Pflanze: Cash Crops und Food Crops sollten kombiniert werden, Verkaufserlöse könnten die Verbesserung beider Anbauformen finanzieren.
Das klingt vernünftig, bleibt aber heikel. Die Ausweitung von Anbau- und Weideflächen setzt Artenvielfalt und Klima unter Druck. Regenwald werde nicht primär gerodet, weil Bauern eine bestimmte Kulturpflanze anbauten, sagt Qaim, sondern wegen der weltweit steigenden Nachfrage nach Agrarprodukten und zu geringer Ertragssteigerungen. Ölpalmen liefern pro Hektar mehr Öl als andere Pflanzen; Raps erreicht etwa ein Viertel des Ölertrags der Ölpalme. Würde die Speiseölproduktion auf Raps verlagert, bräuchte das mehr Fläche und könnte indirekt die Nachfrage nach anderen Agrarflächen erhöhen. Der wichtigste Ansatz gegen weitere Rodungen sei daher, die Erträge pro Fläche zu steigern.
Biodiesel aus Ackerpflanzen hält Qaim für keine effiziente Landnutzung. Photovoltaik kann in Deutschland pro Hektar etwa zehnmal mehr Energie liefern als Raps, der zu Biodiesel verarbeitet wird. Bei zehn Milliarden Menschen innerhalb planetarer Grenzen brauche es laut EAT-Lancet-Studien außerdem veränderte Ernährungsmuster und technologische Fortschritte: deutlich weniger Fleisch und Milchprodukte, dafür mehr Gemüse und Hülsenfrüchte.
Vielfalt, Gentechnik und die Frage nach dem guten Leben
Die Ertragssteigerungen fallen heute geringer aus als vor 20 Jahren. Die Annahme, weltweit gebe es lediglich ein Verteilungsproblem, hält Qaim für gefährlich. Möglicherweise gibt es genug Kalorien – aber keine gesunde Ernährung für alle. Eine Zucker- oder Fleischsteuer könnte negative externe Effekte einpreisen. Auch neue Züchtungstechnologien gehören für ihn auf den Tisch: Die grüne Gentechnik sei durch starke Regulierung gebremst worden, obwohl neue Verfahren Pflanzen produktiver, umweltfreundlicher und widerstandsfähiger machen sowie den Bedarf an Pestiziden und Düngemitteln senken könnten.
Die internationale Forschung schaut dabei zunehmend auf das, was Afrikas Landwirtschaft längst besitzt: Vielfalt. Nach Mabhaudhi basiert Afrikas Ernährung zu 60 Prozent auf Weizen, Reis und Mais; die Vielfalt des Kontinents werde unzureichend genutzt. Bioversity International verwies 2020 auf die Vielfalt von Nahrungspflanzen und das Marktpotenzial in Westafrika, die FAO auf Zentren der Lebensmittelvielfalt in Äthiopien. FAO und FARA untersuchten 2024 Verbraucherpräferenzen und die Zukunft indigener afrikanischer Lebensmittel. Vielfalt kann Vorteile bringen, muss aber nicht in jeder Situation maximiert werden – sie verursacht mitunter auch Kosten.
Weitere Bausteine liefern die jüngeren Berichte: Frontiers Media befasste sich 2024 mit landwirtschaftlichen Innovationen im südlichen Afrika. Die Afrikanische Union entwickelte 2024 eine kontinentale KI-Strategie für Entwicklung und Wohlstand. Der IFPRI prüfte die Machbarkeit einer KI-gestützten Überwachung zur Verbesserung von Schulernährungsprogrammen. UNESCO verwies zugleich auf die Wissenschafts- und Ingenieurausbildung in Subsahara-Afrika und die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen.
Ernährungssouveränität versteht Qaim als Freiheit, selbst über die eigene Lebensweise und Produktion zu entscheiden. Für indigene Gruppen und Minderheiten sind gesicherte Landrechte zentral. In vielen afrikanischen Regionen sind Nutzungsrechte nicht ausreichend formalisiert; Land kann dann unter Wert und ohne Zustimmung der lokalen Bevölkerung an Investoren gelangen. Investitionen können Geld, Technologie und Fortschritt bringen, müssen aber transparent und fair erfolgen. Auch der selbstbestimmte Anbau von Cash Crops kann Teil von Ernährungssouveränität sein.
Traditionelle Lebensweisen aus europäischer Perspektive zu verklären, hält Qaim für ebenso problematisch, wie lokalen Bevölkerungen westliche Vorstellungen davon aufzuzwingen, was gut oder schlecht für sie sei. Sein Beispiel Indonesien ist sperrig und gerade deshalb interessant: Repräsentative Befragungen zeigten, dass Bauern teilweise gegen Ölpalmen auftraten, wenn NGOs und Medien anwesend waren, andernorts aber tatsächlich gewinnbringend Ölpalmen anbauten. Medienbilder Afrikas zwischen Krisennarrativen und wirtschaftlichen Realitäten untersuchten Frank und Ribet 2022; Nothias analysierte 2020 die Darstellung Afrikas in westlichen Medien. Hickel beschrieb 2021 globale Ungleichheit von der Eroberung bis zu freien Märkten. Und die UNICEF warnte 2023 vor den schädlichen Auswirkungen von Waisenhaustourismus – ein Seitenaspekt, der zeigt, wie schnell gut gemeinte Außenperspektiven kippen können.
Afrikas Agrarzukunft ist auch eine Machtfrage
Die Debatte läuft längst nicht nur über Erträge. Die Afrikanische Union setzt auf produktivere Landnutzung, einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und größere Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaschocks. Klimatische Belastungen haben Afrikas Landwirtschaft in den vergangenen Jahren verstärkt beeinträchtigt. Die FAO untersuchte 2022 die weltweite Ernährungssicherheit und Ernährungslage, die OECD 2023 die Überwachung und Bewertung der Agrarpolitik. Weltbank, UNDP und IWF lenkten den Blick auf Finanzierung: die Weltbank auf Trends und Erkenntnisse zur Finanzierung landwirtschaftlicher Entwicklung und auf die Entwicklung der Lebensmittelimporte Afrikas, UNDP auf Kreditsysteme und Entwicklungsfinanzierung, der Internationale Währungsfonds auf Risikowahrnehmung und Investitionen in Afrika.
Auch die Abhängigkeit von Entwicklungshilfe steht zur Debatte. Die Brookings Institution befasste sich 2017 mit ihrer Verringerung und legte 2023 politische Empfehlungen zur Erschließung des landwirtschaftlichen Potenzials Afrikas vor. Das Weltwirtschaftsforum veröffentlichte 2016 zwei Fakten zur Landwirtschaft Afrikas, die Welthandelsorganisation 2022 zu Handelspolitik und landwirtschaftlicher Entwicklung. Die Mo Ibrahim Foundation beschrieb 2023 demografische Trends und wirtschaftliche Wachstumsperspektiven. Nach der African Development Bank könnte gerade die Verbindung von Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel einen gewaltigen Markt schaffen.
