Aktive Pause an der Universität Würzburg: Warum Sitzbälle und Deskbikes keinen Bürostuhl ersetzen
Wer stundenlang vor dem Bildschirm sitzt, merkt es oft erst am Nachmittag: Der Nacken wird fest, die Schultern ziehen, der Rücken meldet sich. An der Universität Würzburg setzt die Veranstaltung „Aktive Pause“ genau dort an. Am 10. November 2026 gibt es von 12:15 bis 12:30 Uhr eine 15-minütige Live-Online-Bewegungseinheit.
Organisiert wird das Angebot von WueHealth – Gesunde Hochschule. Dr. Andreas Petko und Sabine Steindl zeigen einfache Übungen zum Dehnen, Lockern und Entspannen. Sie können helfen, Verspannungen zu lindern oder deren Entstehung zu vermeiden. Die Teilnahme steht allen Angehörigen der JMU offen, der Veranstaltungsort ist online.
Kurze Pause statt starrer Bildschirmtag
Die Einheit soll daran erinnern, Bewegung nicht erst dann einzuplanen, wenn der Rücken bereits zwickt. Empfohlen werden kurze Unterbrechungen im Arbeitsalltag: zum Drucker gehen, im Stehen telefonieren, einmal die Sitzhaltung verlassen. Das Angebot findet immer dienstags von 12:15 bis 12:30 Uhr statt.
Wer deshalb gleich über einen alternativen Büroarbeitsplatz nachdenkt, sollte allerdings genauer hinschauen. Als Ersatz für den Bürostuhl werden häufig Fit- beziehungsweise Sitzbälle, Pendelhocker, Kniestühle und -hocker sowie zunehmend Deskbikes und Walkstations vorgeschlagen. Ob sie geeignet sind, hängt an arbeitsmedizinischen, sicherheitstechnischen und ergonomischen Kriterien – nicht am ersten Eindruck.
Warum Sitzbälle nicht dauerhaft überzeugen
Auf Fit- und Sitzbällen oder Pendelhockern sitzen Nutzende in einem labilen Gleichgewicht und müssen sich auf diese besondere Sitzweise konzentrieren. Dadurch entstehen fortlaufend kleine Ausgleichsbewegungen der Wirbelsäulenmuskulatur, verschiedene Muskelgruppen werden aktiviert. Ein nachweisbarer Trainingseffekt entsteht bei längerem Sitzen jedoch nicht.
Die fehlende Rückenabstützung führt durch muskuläre Ermüdung schnell zu einer Rundrückenhaltung. Gleichzeitig wird die natürliche Lendenlordose aufgehoben, wodurch die Bandscheiben stärker belastet werden. Vorhandene Rückenlehnen bieten keine ausreichende Abstützung. Weil Fit- und Sitzbälle meist nicht höhenverstellbar sind, lassen sie sich außerdem nicht an die Körpergröße anpassen; eine entspannte, ermüdungsfreie Körperhaltung mit genügend Bewegungsfreiheit ist damit nicht gewährleistet.
Auch sicherheitstechnisch wird es heikel: Bälle können wegrollen und Stolper- oder Sturzgefahren verursachen. Nach dem Aufstehen besteht die Gefahr, sich beim Hinsetzen nicht mehr an der erwarteten Position zu befinden. In mehreren Fällen platzten Bälle während der Benutzung, was unterschiedliche Verletzungen zur Folge hatte. Pendelhocker bieten in der Regel keine ausreichende Standsicherheit. Als Trainings- oder Übungsgeräte können Fit- und Sitzbälle dienen, als Sitzgelegenheit am Bildschirm- und Büroarbeitsplatz eignen sie sich nicht für längerfristiges Sitzen.
Kniestühle, Deskbikes und Walkstations
Die schräge, nach hinten ansteigende Sitzfläche von Kniestühlen und -hockern soll die Wirbelsäule aus einer gekrümmten Haltung in eine Lordose bringen und eine aufrechte Sitzhaltung erzwingen. Für Büroarbeiten ist aber der dynamische Wechsel der Sitzpositionen wichtig. Eine zurückgelehnte Haltung bleibt wegen der fehlenden Rückenabstützung unmöglich.
Trotz der Knieabstützung wird das Gesäß durch die schräge Sitzfläche zusätzlich belastet. Der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel liegt meist bei etwa 60 Grad und lässt sich kaum verändern; aus medizinischer Sicht sollte am Knie ein Öffnungswinkel von mindestens 90 Grad möglich sein. In der Sitz-Knie-Haltung müssen etwa 20 Prozent mehr Körpergewicht über Gesäß und Knie getragen werden. Als alleinige Sitzmöbel für Bildschirm- und Büroarbeit sind Kniestühle und -hocker deshalb nicht geeignet. Sicherheitstechnische und ergonomische Anforderungen erfüllen sie nur teilweise, dynamisches Sitzen ermöglichen sie nicht.
Deskbikes bringen Fahrradfahren in die Büroarbeit, Walkstations verbinden Büroarbeit mit gleichzeitigem Gehen auf einem langsam laufenden Laufband. Untersuchungen zu Deskbikes zeigen allerdings nur mäßige Auswirkungen auf die Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems. Beide Geräte erfüllen die ergonomischen Anforderungen an einen Büroarbeitsstuhl nicht; Anforderungen an dynamisches Sitzen und ergonomische Rückenabstützung gelten im Wesentlichen ebenfalls als nicht erfüllt. Bei Walkstations kommt eine erhöhte Unfallgefahr hinzu. Sie sind damit weder geeignete Sitzmöbel noch insgesamt eine Alternative zum Büroarbeitsstuhl.
Ergonomie beginnt am Arbeitsplatz
Sitzgelegenheiten an Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen sollten individuelle Einstellmöglichkeiten, Standsicherheit, Stabilität und definierte Rolleigenschaften bieten. Dynamisches Sitzen mit häufigem Wechsel der Sitzposition reduziert die Haltearbeit. Eine Rückenlehne soll die natürliche Wirbelsäulenform in verschiedenen Sitzpositionen unterstützen. Keine der genannten Alternativen verfügt über eine ergonomische Rückenlehne; Fit- und Sitzbälle, Pendelhocker, Kniestühle und -hocker, Deskbikes und Walkstations erfüllen diese Anforderungen nicht oder nur teilweise.
Langes Sitzen im Büro – am Computer, beim Telefonieren oder in Besprechungen – verursacht meist keine akuten Gefährdungen. Über längere Zeit können jedoch Verspannungen, Rückenbeschwerden, Schulter- und Nackenprobleme, Sehstörungen sowie stressbedingte Symptome entstehen. Eine ergonomische Gestaltung von Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen soll dem vorbeugen. Wichtig sind dabei der Bürodrehstuhl, der Schreibtisch und der Bildschirm. Beschäftigte können durch die richtige Einrichtung und Nutzung ihres Arbeitsplatzes selbst einiges beeinflussen.
Wie das praktisch aussehen kann, zeigt das Praxisfeld Ergonomie Büro der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung: Dort gibt es einen Musterarbeitsplatz für Bildschirmarbeit und einen ergonomisch schlecht gestalteten Bildschirmarbeitsplatz zum Vergleich und zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Dazu kommen verschiedene Bürostuhlmodelle, Eingabehilfen für Bildschirmarbeitsplätze, Modelle der menschlichen Anatomie sowie verschiedene Beleuchtungsszenarien für Büroräume.
Behandelt werden die Bewertung und Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen, richtiges Sitzen und Stehen, die ergonomische Gestaltung von Bürodrehstühlen und die Analyse und Optimierung des eigenen Arbeitsplatzes. Auch die Planung von Büroräumen, die Wirkung von direktem und indirektem Licht sowie der Einfluss veränderbarer Lichtfarben und Beleuchtungsstärken gehören dazu. Im Praxisfeld werden außerdem ausgewählte Seminare angeboten. Für den nächsten kleinen Schritt reicht am 10. November erst einmal der Link zur „Aktiven Pause“ – und eine Viertelstunde, in der der Bildschirm kurz nicht die Hauptrolle spielt.
