Alexander Heisler erhält Bundesverdienstkreuz für 40 Jahre Zelt-Musik-Festival Freiburg
Alexander Heisler steht an diesem 29. Oktober 2026 an einem Ort, an dem sich vieles seiner Geschichte bündelt: an der Universität Freiburg. Der 77-Jährige aus dem Kreis Emmendingen hat im Alten Rathaus in Emmendingen das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Verliehen wurde die Auszeichnung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, überreicht hat sie Landrat Hanno Hurth.
Geehrt wurden Heislers besondere Verdienste, vor allem sein jahrzehntelanges Engagement für die Kultur in Freiburg und der Region. 1983 gründete er das Zelt-Musik-Festival, kurz ZMF, und stand mehr als 40 Jahre an dessen Spitze – zuerst als Leiter, später als Gesellschafter. Inzwischen haben seine Töchter die Leitung übernommen. Das Festival ist heute eines der bedeutendsten Kulturfestivals Baden-Württembergs und wird als eines der ältesten Zeltfestivals Europas bezeichnet.
Vom Audimax ins Festivalzelt
Die Vorgeschichte begann an der Universität Freiburg. Bereits während seines Studiums organisierte Heisler Konzerte im Audimax. 1972 gründete er die Veranstaltungsreihe „Audimax Klassik- und Jazzkonzerte Freiburg“, aus der sich nach zehn Jahren das Konzept für das ZMF entwickelte.
Alexander Wyldbore Heisler, geboren am 21. Juni 1949 in Königsfeld im Schwarzwald, stammt aus einer Familie von Landärzten. Nach dem Abitur 1969 studierte er Jura, Journalistik und Verhaltensforschung an der Universität München, 1970 begann er an der Universität Freiburg ein Medizinstudium. Nebenbei arbeitete er als Filmassistent des Kameramanns Walter Frentz, der mit Leni Riefenstahl arbeitete. Bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München war Heisler persönlicher Assistent von David Cecil, 6. Marquess of Exeter, dem damaligen IOC-Vizepräsidenten und Präsidenten des Organisationskomitees.
Die erste ZMF-Ausgabe fand am 1. Juli 1983 auf dem alten Messplatz gegenüber dem Freiburger Theater statt, vor der Universität. Auf dem Programm standen Klassik, Jazz, Rock, Pop, Kinderprogramm und Varieté. Rund 40 Veranstaltungen lockten etwa 50.000 Besucher an. Für die Zelte bekam Heisler Unterstützung von Bernhard Paul, dem Chef des Circus Roncalli.
Am Anfang war vieles Improvisation. Weil das Bier auf dem Festivalgelände nicht unter 13 Grad gekühlt werden konnte, holte Heisler nachts Bierkästen aus Gastwirtschaften. Wegen Lärmbeschwerden zog das Festival zunächst in den Eschholzpark und danach in den Stühlinger. Nach einer Ausgabe lagen im Eschholzpark rund 40 benutzte Kondome herum. Anwohner nannten das Festival laut Heisler „unzüchtig“. Also ging es weiter zum Mundenhof.
Ein Stoppelfeld wird zur Zeltstadt
1985 fand das ZMF erstmals auf dem Gelände des Mundenhof-Tiergeheges statt, sieben Kilometer außerhalb Freiburgs. Das zunächst unerschlossene Stoppelfeld wurde mit Europaletten-Wegen und -Plattformen begehbar gemacht. Weil Parkplätze knapp waren, entstand mit Unterstützung der Freiburger Verkehrs AG ein ÖPNV-Kombiticket: Die Eintrittskarte galt zugleich als Fahrkarte. Später kamen durch Vereinsarbeit und die Unterstützung örtlicher Unternehmen Wasser-, Telefon- und Abwasserleitungen hinzu.
Die Zeltstadt wuchs Stück für Stück. 1990 führte das Festival jährliche Mottos unter dem Titel „Zeltwunder“ ein, dazu kamen ein neues Logo und ein neues Layout. Kostenlose Veranstaltungen wurden im „Actionprogramm“ gebündelt und kontinuierlich erweitert. Die Bühne bot regionalen und internationalen Nachwuchskünstlern Auftrittsmöglichkeiten. 1991 wurde ein Mehrwegsystem mit Pfand eingeführt, 1994 startete die erste ZMF-Tourband „The Plasticine“, die bei Festen und Partnerveranstaltungen als Festivalbotschafter auftrat.
1996 gestaltete das Freiburger Gartenamt das Gelände zu einer Hügellandschaft um. Die Zeltstadt im Grünen neben dem Tiergehege war nun auch tagsüber Schauplatz von Kinderprogramm, Klassik-Matineen sowie Spiel- und Sportangeboten. Ein Jahr später ging unter www.zmf.de die erste ZMF-Internetseite online; erstmals war das Festivalprogramm weltweit abrufbar.
Technisch wurde ebenfalls ausprobiert, was damals möglich war: Beim 18. ZMF im Jahr 2000 konnten Konzerte dank des Freiburger MP3-Chip-Herstellers Micronas im Internet angehört und über „WorldSpace“-Satellitenrundfunk live in Afrika empfangen werden. Das Zirkuszelt „AIDA“ feierte Premiere und verbesserte die Konzertbedingungen. 2001 ersetzten Einzelsitzplätze die Sitzbänke auf den Tribünen, 2002 wurde das „Gipfelzelt“ als Sonnen- und Regenschutz getestet. 2004 eröffnete daneben die Portugiesische Bar mit Terrasse.
James Brown, Loriot und ein Auftritt auf dem Lastwagen
Auf den Bühnen standen im Lauf der Jahre unter anderem James Brown, Miles Davis, Anastacia, Chuck Berry, Bob Geldof, Chris de Burgh und Ben Harper. Insgesamt zog das Festival hunderttausende Besucher an. Heisler pflegt Freundschaften mit zahlreichen Künstlern, darunter Perry Robinson, Konstantin Wecker, Cab Calloway und Chick Corea; viele von ihnen traten beim ZMF auf.
Zu Heislers prägenden Erinnerungen gehört ein gemeinsamer Auftritt mit André Rieu 1987 auf einem Lastwagen in Freiburg. Loriot kam nach mehreren Jahren Überzeugungsarbeit ebenfalls in die Stadt und zeigte dort unter anderem unveröffentlichte Kinofilme. Miles Davis und James Brown nennt Heisler als weitere Höhepunkte. Brown trat 2004 beim ZMF auf. 2006 rief er Heisler in dessen Landarztpraxis an und lud ihn zu einem Konzert in Wien ein. Wenige Wochen später informierte Browns Sohn Heisler telefonisch über den Tod des Musikers.
Heisler fuhr nicht in die USA. Er wollte seine Landarztpraxis weiterführen. Seit 1986 arbeitet er als Facharzt für Allgemeinmedizin in Teningen, außerdem war er als Landarzt in Köndringen und unter anderem als Karnevalsarzt tätig. Über diese Tätigkeiten knüpfte er internationale Kontakte und reiste mehrfach nach New York sowie nach Trinidad und Tobago.
Auch die Geschichte des ZMF bekam 2006 einen kräftigen Dämpfer. Wegen der Fußball-Weltmeisterschaft kamen nur 36.000 Besucher, was zu hohen finanziellen Verlusten und schließlich zur Insolvenz des Trägervereins führte. Das Festival war gefährdet. Heisler leitete es bis 2006 und blieb danach Gesellschafter und Berater.
Es ging trotzdem weiter. Die neue Zelt-Musik-Festival GmbH wurde von Alexander Heisler, Andreas Schnitzler, Dieter Pfaff und Marc Oßwald gegründet. Oßwald, Geschäftsführer von Vaddi Concerts, wurde alleiniger Geschäftsführer. Die Organisationsstrukturen wurden überarbeitet, die musikalische Ausrichtung und der Standort am Mundenhof blieben erhalten. Möglich wurde der Neustart durch das Interesse von Kulturschaffenden und Bürgern sowie durch Sponsoren, die Stadt Freiburg, das Land Baden-Württemberg und das Publikum. Jährlich gibt es etwa 50 kostenpflichtige und mehr als 100 kostenlose Veranstaltungen in knapp drei Wochen.
Medizin, Musik und der Wechsel der Generationen
Heislers Anliegen war stets, Menschen und Musik zusammenzubringen. Vielleicht liegt diese Verbindung in der Familie. Sein Großvater August Heisler war Arzt und Veranstalter in Königsfeld. August Heisler und Albert Schweitzer gehörten 1952 zu den ersten Trägern der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft. Heislers Vater führte später die Konzert- und Veranstaltungsorganisation des Großvaters weiter; Alexander half schon als Jugendlicher mit.
Bei der Verleihung im Alten Rathaus würdigten Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn und der Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer Heislers Wirken. Bauer sprach über die Verbindung von Medizin, Musik und Empathie. Heislers Sohn Frederik Heisler ist Schlagzeuger in Freiburg – die Familiengeschichte klingt also weiter, diesmal nicht nur organisatorisch.
Auch das Festival selbst hat inzwischen mehrere Generationen erlebt. 2020 musste es wegen der Corona-Pandemie erstmals in seiner Geschichte abgesagt werden; während des vorgesehenen Zeitraums wurden zahlreiche Konzerte live gestreamt. Geschäftsführer Marc Oßwald zog sich zurück, ihm folgte der Gesellschafter und technische Leiter Dieter Pfaff. 2021 gab es unter Hygienebedingungen ein Open-Air-Konzertwochenende auf der Freispielrampe.
