ALISA: Wie ein Doppelstock-Nachtzug Komfort, Kapazität und Wirtschaftlichkeit verbinden soll
Nachtzüge haben einen guten Ruf: Sie sparen gegenüber dem Fliegen Emissionen und bringen Reisende im Schlaf ans Ziel. Für Bahngesellschaften sind sie trotzdem eher unrentabel. Genau an diesem Widerspruch arbeiten der Mathematiker Anton Dubrau und der Produktdesigner Hendrik Lucka aus Berlin. Ihre Idee: Nachtzugabteile, in denen mehr Menschen Platz finden, ohne dass Komfort und Privatsphäre auf der Strecke bleiben.
Bislang gibt es einen Prototypen, den drei Zugfahr-Fans testen. An der TU Berlin wird außerdem erklärt, was vor einer Serienproduktion noch ansteht: erforderliche Zertifizierungen und Crash-Tests. Das klingt weniger nach romantischem Blick aus dem Zugfenster und mehr nach Prüfstand, Messgeräten und einer langen Liste offener Punkte.
Ein Doppelstockzug für Nacht und Tag
Ein deutlich weiter ausgearbeitetes Konzept stellte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) am 22. September 2026 auf der InnoTrans in Berlin vor. Gemeinsam mit TRICON, GETA, satek und k+v präsentierte es ALISA – ein „angebotsdifferenziertes, leichtes und innovatives Schlafwagenkonzept“. Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Forschungsprojekt entwickelt einen europäischen Nachtzug, der Komfort und Privatsphäre mit hoher Kapazität, flexibler Nutzung und wirtschaftlichem Betrieb verbinden soll.
Das Grundkonzept besteht aus drei fest gekuppelten Doppelstockwagen mit einer Gesamtlänge von rund 46 Metern. Beide Ebenen sollen vollständig begehbar sein. Drei Wagen bilden dabei eine eigenständige Reisezugeinheit; mehrere solcher Einheiten lassen sich flexibel miteinander kombinieren. So könnte die Zuglänge an Strecke, Nachfrage und Saison angepasst werden – statt das ganze Jahr über mit derselben Wagenzahl unterwegs zu sein.
Die Nachfrage nach europäischen Nachtzügen steigt laut Projektangaben wieder. Gründe sind der Klima- und Umweltschutz, aber auch die Möglichkeit, Reisezeit komfortabel und produktiv zu nutzen. Fahrgäste wollen Platz, Ruhe und Privatsphäre. Der Betreiber muss gleichzeitig möglichst viele Menschen unterbringen und die Wagen häufig einsetzen können. Klassische Schlaf- und Liegewagen wurden bisher überwiegend nachts genutzt und standen tagsüber meist still. ALISA soll dagegen für Nacht- und Tagverkehr taugen.
Vom Einzelabteil bis zum Familienbereich
Mehrere miteinander koppelbare Grundeinheiten bilden das Rückgrat des Konzepts. Standardisierte Segmente erlauben unterschiedliche Innenraumkonfigurationen, ohne jedes Mal einen neuen Wagenkasten entwickeln zu müssen. Vorgesehen sind Sitzplätze und Schlafsessel, private Einzel- und Doppelkabinen, größere Abteile für Familien sowie Abteile für Reisende mit eingeschränkter Mobilität.
Das Innenraumkonzept ist modular aufgebaut. Klapp- und Umbaumechanismen sollen Schlafkabinen tagsüber in Sitzbereiche verwandeln. Damit könnte derselbe Zug nachts schlafen lassen und tagsüber sitzen – ein kleiner Handgriff mit ziemlich großer Wirkung für die Auslastung. Verschiedene Raumaufteilungen wurden mithilfe virtueller Realität und maßstabsgetreuer Modelle untersucht und weiterentwickelt.
Die vollständige Begehbarkeit und eine bessere Barrierefreiheit ermöglicht ein vom DLR entwickeltes und erprobtes mechatronisches Einzelrad-Bahnfahrwerk. TRICON entwickelte das Innenraumdesign, GETA brachte Fachwissen zum Interieur von Schienenfahrzeugen ein. satek war an Entwicklung und Ausstattung der Sanitärbereiche beteiligt, k+v entwickelte gemeinsam mit dem DLR die tragende Fahrzeugstruktur.
Leicht bauen, ohne an der falschen Stelle zu sparen
Ein Schwerpunkt des DLR war die leichte Fahrzeugstruktur für den Doppelstock-Wagenkasten. Sie wurde so optimiert, dass auftretende Lasten und Kräfte möglichst effizient verteilt und aufgenommen werden. Stark belastete Bereiche erhielten Verstärkungen, weniger beanspruchte Bereiche wurden leichter ausgeführt.
Zusätzlich sollen Funktionsintegration, Multi-Material-Bauweisen und Sandwich-Materialien Gewicht sparen. Kabelkanäle und Elemente der Innenausstattung könnten direkt in die tragende Struktur integriert werden. Untersucht wurden unter anderem Aluminium-Deckschichten mit Kernen aus Holzstruktur oder Aluminiumwaben. Nach Angaben des DLR kann die Fahrgastkapazität bei gleichbleibender Achslast gegenüber dem als Referenz verwendeten Nightjet der neuesten Generation um 40 Prozent steigen.
Auf der InnoTrans war das Konzept bis einschließlich 25. September 2026 zu sehen: als Modell des kompletten Drei-Wagen-Zugs im Maßstab 1:10, mit begehbaren Ausschnitten ausgewählter Abteile im Originalmaßstab und mit einer VR-Anwendung zum virtuellen Einblick in Innenraum und Wagenkasten. Wer schon einmal in einer engen Liegekoje den Rucksack unterbringen musste, konnte sich dabei vermutlich recht schnell vorstellen, warum jeder zusätzliche Zentimeter zählt.
Erfinden, testen, patentieren
Der Nachtzug-Prototyp passt zu einem größeren Erfindungskosmos, den das TV-Magazin „Einfach genial“ seit 1996 regelmäßig vorstellt. Das Team hat bislang mehr als 3.000 Erfindungen präsentiert. Die Themen reichen von Haushalt und Gesundheit über Hausbau, Fahrräder und ein Leben ohne Chemie bis zu Autos, Gärten und Kinderzimmern. Gezeigt werden auch Ideen, die Heiz- oder Stromkosten senken sollen.
In Deutschland werden täglich etwa 130 Erfindungen patentiert. Zwischen einer cleveren Idee, einem begehbaren Modell und einem zugelassenen Serienfahrzeug liegen trotzdem Welten – gerade bei einem Nachtzug, der im Betrieb nicht nur bequem, sondern auch sicher und wirtschaftlich sein muss. ALISA setzt dafür auf Modularität, Leichtbau und Komfort: eine Doppelstock-Schlafwagenkomposition mit standardisiertem Innenraum, anpassbarer Ausstattung und unterschiedlichen Einsatzszenarien, ohne die grundlegende Fahrzeugstruktur zu verändern.
Am Ende bleibt der praktische Test entscheidend: Wie ruhig schläft es sich oben? Wie leicht kommt man mit Gepäck durch den Wagen? Und fühlt sich ein Abteil tagsüber wirklich wie ein Sitzbereich an oder doch wie ein zusammengeklapptes Bett? In Berlin liegt dafür zunächst ein Konzept auf dem Tisch – beziehungsweise in Originalausschnitten vor den Besucherinnen und Besuchern.
