Blutzellen werden zu jungen neuralen Stammzellen umprogrammiert
In Labors in Bonn und Aachen ist etwas gelungen, das beim ersten Lesen fast nach Science-Fiction klingt: Forschende des Universitätsklinikums Bonn, der Universität Bonn und der RWTH Aachen haben Vorläufer roter Blutkörperchen direkt in neurale Stammzellen umgewandelt. Ohne den üblichen Umweg über pluripotente Stammzellen.
Aus den gewonnenen Zellen lassen sich Neuronen herstellen. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass solche Nervenzellen nach einer Transplantation ins Mausgehirn Verbindungen zu vorhandenen Neuronen aufbauen können. Der aktuelle Versuch fand allerdings ausschließlich in Zellkulturen statt – und genau da liegt der Unterschied zwischen einem spannenden Laborbefund und einer Behandlung, die irgendwann einmal in Kliniken ankommen könnte.
Die biologische Uhr läuft rückwärts
Für die direkte Umprogrammierung nutzten die Wissenschaftler die Genregulatoren SOX2 und cMYC. Untersucht wurden Blutvorläuferzellen von Menschen im Alter von Neugeborenen bis zu 101 Jahren. Dabei schauten die Forschenden nicht auf die DNA-Sequenz selbst, sondern auf DNA-Methylierungen. Aus diesen chemischen Markierungen lässt sich das sogenannte epigenetische Alter einer Zelle berechnen.
Das Ergebnis war deutlich: In frühen Kulturen sank das rechnerische Alter der erzeugten neuralen Stammzellen im Durchschnitt auf etwa 13 Prozent des Ausgangsalters. Nach längerer Vermehrung waren es ungefähr 5 Prozent. Aus den Blutzellen eines 80-jährigen Spenders entstanden Stammzellen mit einem molekularen Alter von unter 20 Jahren. Auch bei Zellen eines 101-jährigen Spenders zeigte sich eine starke Verjüngung. Nach 50 Tagen waren die Zellen rechnerisch etwa 60 Jahre jünger.
Die Altersuhren erfassen DNA-Modifikationen, die sich im Lauf des Lebens typischerweise verändern. Sie beeinflussen nicht den genetischen Buchstabencode, sondern eher, wie häufig bestimmte Gene abgelesen werden – ein Gebiet der Epigenetik. Das klingt trocken, macht für die Zellen aber offenbar einen gewaltigen Unterschied: Laut Oliver Brüstle, Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie am Universitätsklinikum Bonn, verhalten sie sich nach der epigenetischen Verjüngung tatsächlich wie junge Zellen.
Kein plötzlicher Jungbrunnen
Ganz so, als würde jemand einen Schalter umlegen, lief der Vorgang nicht ab. Bei drei untersuchten Zelllinien von 50- bis 101-jährigen Spendern war der Großteil der altersbezogenen DNA-Markierungen erst nach rund 50 Tagen zurückgesetzt. Beobachten ließ sich die Verjüngung über mehr als 100 Tage. Selbst eine verlangsamte Zellteilung stoppte sie nicht.
Stammzellmarker tauchten zwar früh auf. Das typische Genaktivitätsprofil neuraler Stammzellen entwickelte sich jedoch erst über mehrere Wochen. Zellidentität und messbares epigenetisches Alter verändern sich also langsamer, als erste Marker vermuten lassen. Gerade dieses langsame Nachziehen ist für die Forschung praktisch: Der zeitlich verfolgbare Prozess eröffnet ein experimentelles Fenster, in dem sich testen lässt, welche Faktoren oder Wirkstoffe die Verjüngung beschleunigen – und welche sie bremsen.
Eine solche Altersverjüngung war zuvor bereits bei einer zweistufigen Umprogrammierung bekannt. Dabei werden Blut- oder andere Körperzellen zunächst in pluripotente Stammzellen und anschließend in neurale Stammzellen verwandelt. Im Bonner Verfahren entfiel dieser Zwischenschritt. Die Umwandlung führte direkt zu neuralen Stammzellen und verlief zugleich langsam und schrittweise.
Alte Zellen verlieren typische Verschleißspuren
Bei Zelllinien von 87- bis 101-jährigen Spendern verschwanden mehrere Merkmale, die man mit alternden Zellen verbindet. Dazu gehörten Veränderungen an den Zellkernen, Störungen der Mitochondrien und Auffälligkeiten bei der zellulären Abfallbeseitigung. Auch Merkmale alternder, nicht mehr teilungsfähiger Zellen wiesen die Kulturen nicht mehr auf.
Für die Neurowissenschaft ist das deshalb interessant, weil höheres Alter der wichtigste Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer ist. Aus den verjüngten neuralen Stammzellen lassen sich Nervenzellen gewinnen, an denen sich Alterungsprozesse und mögliche Wirkstoffe im Labor untersuchen lassen. Ein bisschen Geduld braucht es trotzdem: Das typische neuronale Programm entsteht nicht sofort, sondern wächst über Wochen in die Zellen hinein.
Die Studie beweist keine Therapie. Epigenetische Altersuhren bilden nicht sämtliche Aspekte des biologischen Alterns ab. Außerdem könnte allein der Wechsel vom Blut- zum Nervenzelltyp den berechneten Alterswert beeinflussen. Die zeitliche Entwicklung wurde nur an wenigen Spenderlinien untersucht, und alle Experimente fanden in Zellkulturen statt. Ob sich damit Krankheiten behandeln oder Gewebe im Körper verjüngen lassen, bleibt offen.
Ein Zeitfenster für weitere Versuche
Gerade deshalb ist der Befund für die Grundlagenforschung wertvoll. Die Forschenden können nun genauer verfolgen, wann sich Altersmarkierungen lösen, wann die Zellfunktion nachzieht und welche molekularen Schritte dazwischen liegen. Wirkstoffe, die diesen Prozess beschleunigen oder verlangsamen, lassen sich unter kontrollierten Bedingungen prüfen – zunächst im Labor, nicht am Menschen.
Die Studie wurde durch Horizon 2020, die Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Veröffentlicht wurde sie am 9. Oktober 2026 in Aging Cell unter dem Titel „Protracted Fate Acquisition and Epigenetic De-Aging During Induced Neural Stem Cell Conversion of Human Blood Cells“ (DOI: 10.1111/acel.70751). Heute, am 12.10.2026, ist der Befund damit noch ganz frisch – und die entscheidenden Fragen liegen bereits auf dem Labortisch.
