An der Universität Halle ist die Nachricht vom Tod Josef Settel­es angekommen: Der deutsche Biodiversitätsforscher starb am 9. Oktober 2026 plötzlich und unerwartet im Alter von 65 Jahren. Am 12. Oktober teilte auch der Weltbiodiversitätsrat IPBES seinen Tod mit. Settele leitete das Department Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und war außerplanmäßiger Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Der aus dem Allgäu stammende Biologe war Agrarökologe, Biodiversitäts- und Insektenforscher sowie Lepidopterologe – sein Spezialgebiet war die Schmetterlingskunde. In Halle und darüber hinaus prägte er die Forschung zu Naturschutz, Insekten-Evolution und den Folgen der Landnutzung für die biologische Vielfalt. Auch politisch und öffentlich war seine Stimme gefragt.

Eine prägende Stimme bei IPBES und IPCC

Settele gehörte zu den prägenden Wissenschaftlern des Weltbiodiversitätsrats IPBES. Er war einer von drei Ko-Vorsitzenden der globalen IPBES-Bewertung zur biologischen Vielfalt, die das Thema stärker auf die internationale politische Agenda setzte. Außerdem war er Hauptautor der IPBES-Bewertungen zu Bestäubung und zur Asien-Pazifik-Region, nahm an Workshops zu Biodiversität und Klimawandel teil und gehörte dem Multidisciplinary Expert Panel (MEP) an.

Zum Zeitpunkt seines Todes absolvierte Settele seine zweite Amtszeit im MEP und war Mitglied des Management Committee für die zweite globale Bewertung. Im Weltklimarat IPCC arbeitete er als Leitautor. Zu seinen beruflichen Stationen und Tätigkeitsfeldern zählten außerdem der Deutsche Beirat für Umweltfragen, SPRING, die EU-Projekte PPA und NRR, Butterfly Conservation Europe sowie das Deutsche Tagfalter-Monitoring.

Seine Arbeit blieb nicht im Elfenbeinturm. Settele setzte sich für den Insektenschutz ein und vermittelte wissenschaftliche Erkenntnisse an politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Medien, die allgemeine Öffentlichkeit und Kinder. Über viele Jahre unterstützte er Kollegen, Nachwuchswissenschaftler und Studierende und ermutigte sie, sich an IPBES-Arbeiten zu beteiligen.

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Schmetterlinge zählen, Zusammenhänge erklären

Zu seinen Forschungsarbeiten gehörten Studien über Bestäuber. Settele baute außerdem das Deutsche Tagfalter-Monitoring mit auf, bei dem Freiwillige Schmetterlinge erfassen. Das klingt zunächst nach Wiesen, Listen und ruhigen Nachmittagen – tatsächlich entstehen daraus wichtige Daten über Veränderungen in der Landschaft und bei Insektenbeständen.

In seiner Forschung verband er ökologische Fragen mit großen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die COVID-19-Pandemie bezeichnete Settele als Teil einer „Triple-Krise“ aus Artensterben, Klimawandel und steigender Gefahr von Pandemien. Für die Zusammenhänge zwischen diesen drei Entwicklungen verwies er auf wissenschaftliche Belege.

Auch als Autor suchte er den Weg aus der Fachwelt hinaus. Zu seinen Veröffentlichungen zählen mit Dirk Rossmann Keine Zeit für Pessimismus: Ideen für eine bessere Welt (Quadriga, 2025), Die Triple-Krise. Artensterben, Klimawandel, Pandemien (Edel Books, 2020) und Atlas of Biodiversity Risk (Pensoft Publishers, 2011), den er mit Lyubomir Penev, Teodor Georgiev, Ralf Grabaum und Vesna Grobelnik veröffentlichte.

Weitere Bücher und Studien waren mit Martin Konvika und Hans Van Dyck Ecology of Butterflies in Europe (Cambridge University Press, 2009), mit Roland Steiner und Gabriel Hermann Ökologie einer aussterbenden Population des Segelfalters Iphiclides podalirius (Pensoft Publishers, 2007), mit Roland Steiner Schmetterlinge: Die Tagfalter Deutschlands (Ulmer Verlag, 2005), Die Tagfalter Deutschlands (Ulmer Verlag, 2000) sowie mit Michael Sommer und Heike Michelsen Countdown für den Dschungel. Ökologie und Ökonomie des tropischen Regenwaldes (Schmetterling Verlag, 1990). Zu seinen Büchern gehörte außerdem ein Schmetterlingsführer.

Vom Allgäu über Hohenheim nach Halle

Josef Settele wurde am 23. Mai 1961 in Marktoberdorf geboren. 1982 begann er an der Universität Hohenheim ein Studium der Agrarbiologie. Drei Jahre später forschte er auf den Philippinen. Sein Diplom von 1988 beschäftigte sich mit der Ökologie der terrestrischen Arthropodenfauna philippinischer Reisterrassen in der Provinz Ifugao auf Nord-Luzon; dabei verglich er traditionelle und moderne Anbaumethoden.

Von 1989 bis 1992 arbeitete Settele als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarökologie der Tropen und Subtropen der Universität Hohenheim, wo er 1992 promoviert wurde. Seit 1993 war er am UFZ tätig. Nach seiner Habilitation 1996 lehrte er bis 2002 als Privatdozent für Landschafts- und Agrarökologie an der Universität Hohenheim.

Ab November 2002 war Settele Privatdozent für Ökologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 2016 wurde er dort zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Seit 2020 gehörte er außerdem dem Sachverständigenrat für Umweltfragen an.

IPBES bekundete seiner Ehefrau, seiner Familie, seinen Freunden und Kollegen sein Beileid. Freunde und Kollegen können persönliche Beiträge auf einer Online-Gedenkseite hinterlassen: lovekept.co/memorial/josef-sepp-settele.

Unterzeichnet wurde die Mitteilung von David Obura, dem IPBES-Vorsitzenden, Luthando Dziba, dem IPBES-Exekutivsekretär, und Anne Larigauderie, der ehemaligen IPBES-Exekutivsekretärin.