Brandenburg hat rund 3000 natürliche Seen – und zählt zugleich zu den trockensten Regionen Deutschlands. Am 23.10.2026 zeigt sich dieser Widerspruch nicht nur in Messreihen, sondern auch dort, wo früher Wasser eine Grenze bildete: im Tier- und Freizeitpark Germendorf bei Oranienburg. Sechs Seen prägen das Gelände, doch an allen sinkt der Pegel seit Jahren.

Die Familie Eichholz betreibt den Park seit 26 Jahren. Rund 600 Tiere in 140 Arten leben dort; im vergangenen Jahr kamen etwa 500.000 Besucher. Nun wird das Wasser zum Problem. An einigen Stellen fiel der Wasserspiegel in den vergangenen zwei Jahren um fast zwei Meter. Besonders betroffen sind das Strandhotel und das Gehege der Gibbons.

Wenn der See als Zaun verschwindet

Gibbons haben Angst vor Wasser. Die Wasserfläche rund um ihr Freigehege war deshalb bislang eine natürliche Barriere. Jetzt ist sie teilweise verschwunden. Die Tiere dürfen nicht mehr ins Freie – sonst könnten sie entkommen. Für die Besucher bleibt das Gehege geschlossen, für die Tiere wird der See zur fehlenden Sicherheitsanlage.

Auch wirtschaftlich ist der Rückgang zu spüren. Angler bleiben aus, und das Strandhotel verzeichnet laut Parksprecherin deutliche Umsatzeinbußen. Die genaue Ursache des Wasserverlusts ist ungeklärt. Der Klimawandel gilt laut Agrarwissenschaftler Gunnar Lischeid zwar als Hauptgrund für sinkende Pegel in Brandenburg, erklärt den Rückgang im Tierpark aber offenbar nicht vollständig.

Biologen untersuchten den Wasserkreislauf des Parks und fanden keine Unregelmäßigkeiten. Fest steht für sie trotzdem: Wasser versickert irgendwo. Ein Hydrologe nahm Proben und rekonstruiert derzeit den Wasserkreislauf. Ergebnisse werden in einigen Wochen erwartet. Der Park steht nach eigenen Angaben seit Längerem mit der Stadt Oranienburg und dem Landkreis in Kontakt. Parkinhaber Torsten Eichholz zufolge gibt es Ratschläge, aber keine konkrete Hilfe.

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Die Familie schließt einen vollständigen Umzug des Tierparks nicht mehr aus. Sie prüft diesen Schritt auch mit Blick auf ihre Verantwortung gegenüber den Beschäftigten. Ein Park, dessen Seen verschwinden, verliert schließlich nicht nur seine Landschaft – sondern unter Umständen seine Sicherheitsstruktur, Kundschaft und wirtschaftliche Grundlage.

Brandenburgs Wasser steht unter Druck

Fast alle Grundwasserleiter Brandenburgs liegen nahe historischer Tiefstände oder darunter. Mehrere Landkreise untersagten im Sommer 2026 die Wasserentnahme aus Seen und Flüssen. Am Parsteiner See wurde in diesem Jahr der niedrigste je gemessene Wasserstand registriert.

Brandenburg ist trotz eines Wasserflächenanteils von 3,4 Prozent ein wasserarmes Bundesland. Die Flüsse, die durch das Land fließen, führen vergleichsweise wenig Wasser. Klimawandelbedingt nehmen die Niederschläge ab, während die Verdunstung steigt. Seit Jahrzehnten sinkt dadurch die Grundwasserneubildung; vielerorts gingen die Grundwasserstände innerhalb der vergangenen 25 Jahre um bis zu zwei Meter zurück.

Forschende der TU Berlin stellten im Projekt „SpreeWasser:N“ fest, dass in Brandenburg seit etwa 2010 nahezu dauerhaft Wasserdefizite auftreten. 15 der 18 brandenburgischen Landkreise weisen akuten, strukturellen oder kombinierten Grundwasserstress auf. Besonders gefährdet sind Seen ohne stabile Grundwasseranbindung: Sinkt das Grundwasser, fallen ihre Pegel durch Verdunstung stärker.

Das Land erwartet langfristig in weiten Teilen Brandenburgs einen Rückgang der Grundwasserneubildung um bis zu 25 Prozent. Der Groß Glienicker See liegt heute rund zwei Meter unter seinem früheren mittleren Wasserstand. Das belastet Fische, Wasservögel und Amphibien; außerdem könnte die Filterfunktion des Sees abnehmen.

Wasser ist dabei kein Randthema für Naturschutzleute. 96 Prozent des brandenburgischen Trinkwassers stammen aus dem Grundwasser. Landwirtschaftliche Betriebe brauchen wegen zunehmender Trockenheit mehr Bewässerungswasser. Industrie, verarbeitendes Gewerbe und Bergbau nutzen es für Produktion, Kühlung und Reinigung. Konflikte entstehen um Entnahmemengen, Verschmutzung und den Zugang zu Informationen.

Wer bekommt das Wasser?

In Baruth/Mark kauften Red Bull und Rauch 2023 die Brandenburger Urstromquellen. Laut Vertrag stehen den Unternehmen 92 Prozent des dort geförderten Trinkwassers zu, für die Bevölkerung bleiben 8 Prozent. Geplant sind eine Ausweitung der Energy-Drink-Produktion sowie eine Dosenfabrik und ein Logistikzentrum. Anwohnende befürchten eine Übernutzung der lokalen Grundwasserreserven.

Die bestehenden Genehmigungen beruhen auf einem Grundwassergutachten von 2006 und berücksichtigen die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre nicht. Unklar ist, ob bei Wasserknappheit die öffentliche Versorgung Vorrang vor den Verträgen mit den Unternehmen hätte. Auch die Wasserverträge wurden der Öffentlichkeit nicht vorgelegt. Wasserversorger und Stadt beriefen sich auf das Geschäftsgeheimnis von Red Bull. Anwohnende fordern Zugang zu Informationen über die Nutzung ihrer Wasserressourcen.

Ein weiterer Streitpunkt sind die Preise. Wasserversorger zahlen 10 Cent pro Kubikmeter, Unternehmen für Produktionszwecke 2,3 Cent. Für Kühlwasser in Kraftwerken zahlen Unternehmen wie der Kohlekonzern LEAG 0,58 Cent pro Kubikmeter. Nach einer DIW-Einschätzung könnten höhere und einheitliche Wasserentgelte für Industrieunternehmen an der Spree den Verbrauch senken.

In Grünheide errichtete Tesla seine Gigafactory in einem Trinkwasserschutzgebiet. Eine lokale Bürgerinitiative befürchtet, dass bei Unfällen mit Lacken oder Chemikalien Schadstoffe in das Grundwasser gelangen. Eine Kontamination des Grundwasserleiters könnte das Trinkwasser für Millionen Menschen in der Region und in Berlin beeinträchtigen. Der Wasserverband in Strausberg wirft Tesla vor, Grenzwerte wiederholt und deutlich zu überschreiten. Dadurch werde die Abwasserreinigung schwieriger und teurer.

Auch im Raum Frankfurt an der Oder gab es im Zusammenhang mit dem Braunkohleabbau der LEAG Sorgen wegen hoher Sulfatwerte und möglicher Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität. Der Frankfurter Wasser- und Abwasserverband und die LEAG vereinbarten 2023 den Bau eines neuen Wasserwerks. Die LEAG zahlte dafür fünf Millionen Euro. Im Gegenzug verpflichteten sich Stadt und Wasserversorger, nicht mehr über Gefährdungen der Trinkwasserqualität durch den Braunkohleabbau zu sprechen.

Berlin, Lausitz und die Kosten der Knappheit

Berlin versorgt sich formal weitgehend aus dem eigenen Stadtgebiet. Mehr als 50 Prozent des Berliner Wassers stammen jedoch aus Uferfiltration von Spree, Havel und mehreren Seen. Die Hauptstadt ist deshalb auf ausreichende Wassermengen und gute Wasserqualität in Flüssen und Gewässern angewiesen. Die Berliner Wasserbetriebe fördern für die wachsende Bevölkerung tendenziell mehr Wasser an der Grenze zu Brandenburg. Im Wasserwerk Friedrichshagen wird laut den genannten Quellen ohne offizielle Bewilligung gefördert. Das erhöht den Wasserstress in benachbarten brandenburgischen Gemeinden.

Der geplante Bau großer Rechenzentren für Anwendungen künstlicher Intelligenz könnte den Wasserbedarf durch zusätzliche Kühlung weiter erhöhen. Es geht also nicht nur um trockene Sommer und leere Ufer, sondern um Entscheidungen, die heute nach Industriepolitik klingen und morgen am Pegel sichtbar werden.

In der Lausitz wurden für den Kohletagebau jahrzehntelang große Mengen Grundwasser abgepumpt und über die Spree abgeführt. Nach Angaben des BUND gingen der Region dadurch insgesamt 58 Milliarden Kubikmeter Grundwasser verloren. Der Verband kritisiert, dass voraussichtlich die Steuerzahlenden für die Sanierung des Wasserhaushalts aufkommen müssen, und fordert, die LEAG an den Kosten zu beteiligen.

Große industrielle Wasserverbraucher verursachen regional zusätzlichen Grundwasserstress. In Baruth/Mark im Landkreis Teltow-Fläming darf die Getränkeindustrie, darunter Unternehmen im Umfeld von Red Bull, erhebliche Mengen Grundwasser entnehmen. Der BUND erwartet durch den geplanten Bau einer Dosenfabrik einen weiter steigenden Wasserbedarf. Bei Neuansiedlungen und Erweiterungen sollen nach seiner Forderung die regionale Grundwassersituation und deren Entwicklung als Ausschlusskriterien berücksichtigt werden.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Bürgerinitiativen und Umweltverbände bleiben nicht am Rand stehen. In Grünheide organisieren sie politische Waldspaziergänge, nehmen Einsicht in Bebauungs- und Entwicklungsunterlagen, reichen Einwendungen in Genehmigungsverfahren ein und beteiligen sich an öffentlichen Sitzungen des zuständigen Wasserverbands. In Baruth versucht eine Bürgerin gemeinsam mit „Frag den Staat“, per Klage Einsicht in die Verträge mit Red Bull