In vielen Städten Deutschlands sind sie präsente, jedoch oft übersehene Zeitzeugen der Vergangenheit: Bunker und Luftschutzanlagen. Am 9. Juli 2026 fand ein Seminar des Instituts für Architekturbezogene Kunst (IAK) sowie des Instituts für Geschichtswissenschaft (IfG) der Technischen Universität Braunschweig statt, das sich intensiv mit diesen „Schutzmaschinen“ auseinandersetzte. Studierende untersuchten diese Bauwerke als aktive architektonische, gesellschaftliche und ästhetische Konstruktionen, die im städtischen Raum verankert sind.

Das Augenmerk lag dabei auf den historischen Luftschutzbauten, die seit dem Nationalsozialismus in Braunschweig errichtet wurden. Die Stadt war ein zentrales Zentrum der Rüstungsindustrie, was den Bau zahlreicher Bunker zur Folge hatte. Professor Theodor Kristen Ende entwickelte während seiner Zeit am IAK, von 1938 bis 1945, die sogenannte „Braunschweiger Bewehrung“, die bedeutenden Einfluss auf den zivilen Bunkerbau hatte. In einer Analyse befassten sich die Studierenden mit mehreren wichtigen Bunkerstandorten in Braunschweig, darunter der ehemalige Beobachtungsbunker am Nussberg und die Splitterschutzstelle im Innenhafen.

Die Rolle historischer Infrastrukturen

Im Seminar wurde auch die Gegenwärtigkeit dieser historischen Luftschutzinfrastrukturen erörtert. Die Fragen zur Nutzung und Veränderung solcher Orte mit belasteter Vergangenheit wurden tiefgehend diskutiert. Besonders die Auseinandersetzung mit Paul Virilios Konzept der „Bunker Archäologie“ bot wertvolle Anhaltspunkte. Historische Recherchen und die Analyse von Archiven wurden durchgeführt, wobei viele Studierende auf fehlende Informationen stießen, die diese bedeutenden historischen Stätten umgeben.

Die Studierenden führten Ortsbesichtigungen und Bunkerführungen durch, um die Fragestellungen noch präziser zu beleuchten. Sie fanden heraus, dass viele dieser Orte im städtischen Gedächtnis unterzugehen drohen. Das Seminar stellte eine Verbindung zwischen historischer Recherche, geschichtswissenschaftlicher Einordnung und künstlerischen Methoden her, was in einer Vielzahl künstlerischer Arbeiten mündete.

Künstlerische Auseinandersetzung

Die Seminararbeiten umfassten Performances, Installationen und Konzepte, die das Thema Schutz als kollektive Strategie untersuchten. Besonders hervorzuheben ist die Kunstperformance „Vaporous Bodies“ von León Klotz Garcia und Jan Saalman, die Schutz durch Nebel symbolisierte. Ebenso befasste sich die Arbeit „Alternative Realitäten“ von Rena Brockman, Milan Reusch und Thor Wendler mit dem Bunker auf dem Grundstück der Neuen Synagoge.

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Ein weiteres Beispiel ist die Installation „Unbombable Archives“ von Max Kolditz. Sie thematisiert, wie wissenschaftliches Arbeiten vor Manipulation schützen kann. Tobias Brüning, Yasin Sagir und Kamila Schneider haben in ihrer Arbeit „Der atmende Bunker“ die Belüftungsproblematik eines Operationsbunkers untersucht. An diesen Arbeiten waren Studierende aus den Bereichen Architektur, Geschichte und Organisation beteiligt.

Das Seminar war Teil eines größeren Projekts mit dem Titel „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau. Bauen und Planen im Nationalsozialismus“, das vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) geleitet wird. Ziel dieses Projekts unter der Leitung von Christoph Bernhardt und Harald Bodenschatz ist es, verschiedene Forschungsstränge zur NS-Zeit zu verbinden. Die behandelten Themen umfassen die Geschichte des Architektur- und Städtebaus, die institutionelle Geschichte des NS-Regimes sowie die Rolle lokaler Verwaltungen bei Unrechtstaten.

Durch diese vielschichtige Herangehensweise wird nicht nur die Relevanz dieser historischen Bauwerke deutlich, sondern auch die Notwendigkeit, deren Geschichten und Auswirkungen in die Gesellschaft zu integrieren. Die Ergebnisse der Forschungen, die unter anderem auch durch systematische Erfassungen und Auswertungen von Plänen und Bildmaterial unterstützt werden, sollen in einer Monographie veröffentlicht werden.

Die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Bunker in Braunschweig zeigt, dass diese Orte nicht nur Relikte der Vergangenheit sind, sondern auch Möglichkeiten zur Reflexion und zum Schutz im Heute bieten.